Südtiroler Landwirt, Produktion | 03.08.2017

Der Kampf um die Hagelbeiträge

Auch wenn es die Bauern derzeit nicht direkt spüren: Im Hintergrund ist die Abwicklung der Beiträge zur Hagelversicherung äußerst kompliziert. Daher bemühen sich derzeit gleich mehrere Institutionen intensiv darum, eine Lösung zu finden und die Abwicklung zu vereinfachen.

Das Südtiroler Versicherungssystem gegen Witterungsschäden hat zwar Vorteile, dennoch braucht es in Zukunft Vereinfachungen. (Foto: www.pixabay.com)

Das Südtiroler Versicherungssystem gegen Witterungsschäden hat zwar Vorteile, dennoch braucht es in Zukunft Vereinfachungen. (Foto: www.pixabay.com)

In einem Punkt sind sich alle Beteiligten einig: Die Abwicklung der Beitragsvergabe für die Versicherung gegen Witterungsschäden – landläufig meist vereinfachend Hagelversicherung genannt – ist äußerst kompliziert. Die Bauern selbst spüren davon derzeit eigentlich nichts. Denn das Hagelschutzkonsortium finanziert den Beitrag vor. Die Bauern müssen ihn also lediglich rückerstatten, sobald ihnen die staatliche Zahlstelle Agea den betreffenden Betrag überweist. Doch im Hintergrund arbeiten viele Menschen daran, um die Überweisung dieser Beiträge zu ermöglichen: allen voran die Mitarbeiter des Hagelschutzkonsortiums, aber auch Mitarbeiter der staatlichen Zahlstelle Agea in Rom, der Landesabteilung Landwirtschaft und der Bauernbund-Service.
Zum besseren Verständnis zunächst ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte.

EU-Neuregelung im Jahr 2015
Mit Beginn ihrer aktuellen Agrarfinanzierungsperiode hat die Europäische Union im Jahr 2015 das Beitragssystem für die Witterungsschäden in der Landwirtschaft neu
geregelt. Italien hat sich im Zuge dessen entschieden, die Finanzierung über das nationale ländliche Entwicklungsprogramm laufen zu lassen. Dies hatte zur Folge, dass nun die staatliche Zahlstelle AGEA mit der Abwicklung aller Anträge betraut wurde. Bis zum Jahr 2014 waren dagegen nur die Hagelschutzbeiträge für den Weinbausektor über die staatliche Zahlstelle AGEA ausbezahlt worden.
In Südtirol schließen jährlich rund 6000 Landwirtschaftsbetriebe über das
Hagelschutzkonsortium Polizzen ab, und zwar zu Schäden durch Hagel, Starkregen, Starkwind, Schneedruck und Frost.

Beitrag rückerstatten
Der Förderungsbeitrag des Staates beträgt 65 Prozent der anerkannten Versicherungskosten (Prämie). Das Hagelschutzkonsortium finanziert diese 65 Prozent vor. Sobald der Antragsteller, sprich Landwirtschaftsbetrieb, den Beitrag von der staatlichen Zahlstelle erhält, muss er den vom Hagelschutzkonsortium vorfinanzierten Betrag rückerstatten. Die verbleibenden 35 Prozent der Versicherungsprämie fordert das Konsortium hingegen nach Polizzenabschluss ein.
Die sehr komplexe Abwicklung muss das Hagelschutzkonsortium gemeinsam mit den landwirtschaftlichen Dienstleistungsstellen CAA und der Landesabteilung Landwirtschaft organisieren. Während das Hagelschutzkonsortium den Abschluss der Polizzen koordiniert und die betreffenden Daten an die Zahlstelle nach Rom senden muss, übermittelt die Landesabteilung Landwirtschaft jährlich die Daten der versicherten Flächen aus den LAFIS-Flächenbögen an die genannte Zahlstelle.
Die landwirtschaftlichen Dienstleistungsstellen – für die auch der Bauernbund-Service arbeitet – reichen zu Jahresbeginn die Voranträge über das staatliche Portal SIAN für alle Antragsteller ein, stellen darauf den sogenannten PAI (PIANO ASSICURATIVO INDIVIDUALE = Flächenübersichten und versicherte Mengen) je Polizze zusammen, reichen dann die Anträge je Polizze ein, und zuletzt müssen noch die Anträge auf Auszahlung gestellt werden. Zudem sind die versicherbaren Höchstmengen zu beachten, die zur Förderung zugelassen sind. Sie gehen aus dem persönlichen Versicherungsplan PAI hervor. Werden diese Höchstmengen bei Abschluss der Polizze überschritten, wird auf den Anteil der zu viel versicherten Menge kein Beitrag gewährt. Im Obstbau werden diese durchschnittlichen Höchstmengen aus den versicherten Mengen der Jahre 2012–2014 und der effektiven Erntemengen der Jahre 2015/16 berechnet. Im Weinbau werden diese durchschnittlichen Höchstmengen hingegen anhand der amtlichen Erntemeldungen der vergangenen fünf Jahre errechnet.

Drei Schwachstellen
Diese Art der Abwicklung birgt drei große Schwachstellen in sich: Erstens müssen die Versicherungsagenten die Polizzen genau mit den LAFIS-Flächendaten und dem aktualisierten Obstbaukataster ausfüllen. Der Landwirt muss überprüfen, dass die LAFIS-Flächendaten und die Daten im Obstbaukataster (Stammblatt der Genossenschaft) dem aktuellen Stand entsprechen – v. a. die Information zum Hagelnetz.
Zweitens ist es aus technischer Sicht sehr schwierig, die LAFIS-Flächendaten 1 : 1 an das staatliche SIAN-Portal zu übermitteln. Weichen die Flächendaten zwischen Polizze, LAFIS-Daten und SIAN-Portal in Rom um mehr als einen Prozentpunkt ab, müssen alle Beteiligten langwierige Korrekturen vornehmen. Drittens schreibt die EU vor, dass mit Ausnahme von Kulturen unter Netz dasselbe Produkt in der Gemeinde auf allen Flurstücken versichert werden muss.  

5 von 24 Mio. Euro ausbezahlt
Von den beantragten 24 Millionen Euro für 2015 aus Rom sind bis jetzt nur rund
5,3 Millionen ausbezahlt worden. Was hingegen das Jahr 2016 betrifft, hat der Staat das Portal für die Gesucheingabe und für den Antrag auf Auszahlung noch nicht eröffnet. Nur die Voranträge und die sogenannten Piani assicurativi individuali durften eingereicht werden. Wiederum sind an die 24 Millionen Euro ausständig.

Vorteil des Südtirol-Modells sichern
Alles in allem ist die Abwicklung der Beiträge derzeit äußerst kompliziert und schwierig zu organisieren. Dennoch hat das Südtiroler Modell – im Vergleich zu anderen Regionen Italiens – einen großen Vorteil: Wie beschrieben finanziert das Hagelschutzkonsortium die Beiträge von 65 Prozent vor. Die Bauern müssen sie erst zurückzahlen, sobald die italienische Zahlstelle AGEA sie ihnen überweist. Dadurch ist das Problem für die Bauern derzeit im Grunde nicht spürbar. Das wäre erst der Fall, wenn die Beiträge überhaupt nicht oder mit äußerst großen Verspätungen ausgezahlt werden könnten.

Das Bemühen um eine Lösung
Alle Beteiligten bemühen sich um eine baldige Lösung: die staatliche Zahlstelle Agea, das zuständige Ministerium, die Landwirtschaftslandesräte der italienischen Regionen und autonomen Provinzen sowie die Konsortien. Dabei wollen sie nicht nur die aktuellen Auszahlungshindernisse aus dem Weg räumen, sondern das gesamte Verfahren für die Zukunft vereinfachen. Wenn das gelingt, wäre das ein großer Schritt, der das Versicherungssystem stabiler machen würde.