Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation, Bauernbund | 22.06.2017

Ein Mehrwert für alle!

Soziale Landwirtschaft steht für einen neuen Weg, den Bäuerinnen und Bauern in Zukunft beschreiten. Sie bietet eine große Chance – für die Landwirtschaft und für die Gesellschaft allgemein. von Ulrike Tonner

Die Natur mit dem Sozialen zu verbinden, ist für alle gewinnbringend. (Foto: Florian Berger)

Die Natur mit dem Sozialen zu verbinden, ist für alle gewinnbringend. (Foto: Florian Berger)

Soziale Landwirtschaft besitzt einen ganz großen Mehrwert und bietet Qualität für die Bevölkerung, einfach weil man Natur mit Sozialem verbinden und dem Menschen als Ganzes in Alltagssituationen helfen kann“, sagt Bäuerin Nadia Schieder. Sie bietet auf dem „Landgut zu Ziug“ in Seis am Schlern pferdegestützte Interventionen an. Es geht um den Kontakt mit Tieren und um das Erlernen von sozialen Kompetenzen. „Es kommen hauptsächlich Kinder und Jugendliche zu mir. Die Haupttätigkeit erfolgt auf dem Pferd, da ich überzeugt bin, dass Bewegung ganz viel aktiviert, auch unser Gehirn und unsere Emotionen und Körperwahrnehmung“, erzählt Nadia. Sie ist Sozialpädagogin und hat die Ausbildung für therapeutisches Reiten sowie den Master für tiergestützte Interventionen absolviert. Zurzeit bietet Nadia diese soziale Dienstleistung im Nebenerwerb an. In Zukunft möchte sie hauptberuflich einsteigen.

Bäuerin ist Triebfeder
So wie Nadia möchten auch andere Bäuerinnen in Zukunft am Hof eine soziale Dienstleistung anbieten, einfach weil sie dadurch eine Möglichkeit sehen, am Hof zu bleiben und sich dort ein Einkommen aufzubauen, das das Überleben sichert. Und das ist für Landes­bäuerin Hiltraud Erschbamer sehr erfreulich: „Frauen sind offener, wenn es um Neues geht, und sie bringen zudem meist die sozialen Fähigkeiten mit, die es für diese soziale Angebote braucht. Und wenn die junge Frau am Hof eine Entwicklungsmöglichkeit hat, bleibt sie am Hof. Das ist für uns alle sehr wichtig!“
Dass die Nachfrage nach sozialen Dienstleistungen steigen wird, belegt die Studie zur sozialen Landwirtschaft in Südtirol, die die Südtiroler Bäuerinnenorganisation in Auftrag gegeben und am 27. Mai im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt hat.

Nachfrage wird steigen
Martin Kreil vom ROI Team Consultant analysierte in Zusammenarbeit mit dem ­Eurac Institut die Potenziale der sozialen Landwirtschaft. Vor allem die demografische Entwicklung spielt in diesem Kontext eine wesentliche Rolle: Heute gibt es für ca. 100.000 Senioren um die 4500 Betreuungsplätze, für 21.600 Kleinkinder ca. 2300 Betreuungsplätze. Die heutige Erwerbsquote der Frauen von 50 Prozent wird bis 2050 auf 80 Prozent steigen. Zudem werden Gesundheitsthemen immer wichtiger und das Stadt-Land-Gefüge trägt auch zur Nachfrage nach diesen Dienstleistungen bei. „Vor allem im Bereich Kinderbetreuung, Gesundheitsförderung und Seniorenbetreuung wird die Nachfrage steigen, und hier bringen die Bäuerinnen bereits Erfahrung aus ihrem Quellberuf mit“, bestätigte Kreil.
Damit sich aber das zusätzliche Standbein am Betrieb etablieren kann, müssen laut Studie bestimmte Voraussetzungen gegeben sein, z. B. eine qualitative Ausbildung, die rechtliche Absicherung sowie die Rentabilität. Aus der Bäuerinnenumfrage geht auch der Wunsch nach einer Plattform hervor, die die Anbieterinnen unterstützt und sie zusammenbringt. „Das ist ein ganz klarer Auftrag für uns“, unterstrich Erschbamer: „Wir wollen jene Stelle sein, die dieses Netzwerk bietet und die Soziale Landwirtschaft vorantreibt.“ Erfahrung hat die Südtiroler Bäuerinnenorganisation bereits, denn seit elf Jahren ist sie schon im Bereich der sozialen Landwirtschaft tätig. Damals gründete die Südtiroler Bäuerinnenorganisation die Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen – wachsen – leben“ und startete mit der Kinderbetreuung am Bauernhof. 2014 folgte die Seniorenbetreuung. Zudem bietet die Bäuerinnenorganisation seit 2009 die Lebensberatung für die bäuerliche Familie an. Auch die Anbieter für Schule am Bauernhof sowie die Bäuerinnen-Botschafterinnen, Referentinnen und Hof- und Gartenführerinnen sind beim Bäuerinnen-Dienstleistungsportal angesiedelt.

Kooperationen auf allen Ebenen
Der Blick über die Grenzen zeigt, dass soziale Landwirtschaft sich zu einer großen Sache entwickeln kann. Christian Hoffmann und Clare Giuliani vom Institut für Regionalentwicklung, Eurac Research, analysierten die bestehenden Angebote.
Sie sind unterschiedlich, konzentrieren sich aber in den Bereichen Pädagogik, Betreuung und Gesundheit, Therapie und Sozial- und Arbeitsintegration. Für Hoffmann steht fest: „Soziale Landwirtschaft hat ein großes Entwicklungspotenzial.“ Für Giuliani sind die Erfolgsfaktoren in den anderen Regionen wesentlich: „Das sind beispielsweise eine fundierte Ausbildung, eine transparente Zertifizierung und eine gut funktionierende Kooperation in einem Netzwerk.“
Auf nationaler Ebene gibt es bereits ein Gesetz zur sozialen Landwirtschaft. In Südtirol wird ein Landesgesetz Ende dieses Jahres dem Landtag zur Genehmigung vorgelegt werden, weiß Landtagsabgeordnete Maria Hochgruber Kuenzer, Präsidentin der Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen – wachsen – leben“: „Wichtig ist jetzt, ganz klare Kriterien für alle Bereiche aufzustellen. Und dass die soziale Landwirtschaft von den bestehenden Institutionen nicht als Konkurrenz gesehen wird, sondern als Ergänzung für Menschen, die sie nutzen möchten.“
Die Rede ist von acht Bereichen z.B. von Tagesmutter, Schule am Bauernhof, Seniorentafel, tiergestützte Therapie und Pädagogik sowie die Betreuung von Senioren und Menschen mit Beeinträchtigungen.
Bei der Ausarbeitung des Gesetzes ist auch Susanne Elsen von der Freien Universität Bozen dabei. Für sie bedeutet soziale Landwirtschaft soziale Innovation: „Soziale Landwirtschaft ist ein Gegenentwurf zu einer immer weiteren Spezialisierung von sozialen und gesundheitlichen Diensten. Und hier sehe ich viele Möglichkeiten im Zusammenspiel von grüner Umwelt, der Alltagskonstellation am Hof, dem Kontakt zu Nutztieren und sinnvoll strukturierten landwirtschaftlichen Arbeiten.“

Mensch in den Mittelpunkt rücken
Für die Direktorin der Fachschule Dietenheim-Salern, Juliane Pellegrini, ist der eingeschlagene Weg der richtige: „Wenn die Bäuerinnen in einer fundierten Ausbildung das richtige Werkzeug erhalten, dann sind sie für die Tätigkeit nachher gerüstet.“ Auch Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler freut sich über die neue Perspektive für die bäuerliche Familie: „Als Bauernbund halten wir die Soziale Landwirtschaft für eine große Chance und werden sie gemeinsam weiter entwickeln!“
Für Landesrat Arnold Schuler heißt soziale Landwirtschaft zusätzliche Qualität: „Wenn Höfe erhalten werden, bedeutet dies Qualität für den ländlichen Raum insgesamt.“
Landesrätin Martha Stocker spricht von einem innovativen Projekt: „Die demografische Entwicklung ist eine Herausforderung, der wir unaufhaltsam entgegengehen. Soziale Landwirtschaft ist hier eine große Chance und eine Möglichkeit, den Menschen wirklich in den Mittelpunkt zu stellen.“