Wirtschaft, Südtiroler Landwirt, Politik | 25.05.2017

Uni Bozen will Südtirols Bauern nützen

Der Südtiroler Bauernbund hat hohe Erwartungen, und die Freie Universität Bozen freut sich über diese Anregungen aus den Reihen der Bauern. Das ergab ein erster Austausch mit dem neuen Universitätsrektor Paolo Lugli. von Guido Steinegger

Bauernbund und Freie Universität Bozen möchten gemeinsam viel für die Südtiroler Landwirtschaft erreichen. (Foto: Freie Universität Bozen)

Bauernbund und Freie Universität Bozen möchten gemeinsam viel für die Südtiroler Landwirtschaft erreichen. (Foto: Freie Universität Bozen)

Südtiroler Bauernbund und Freie Universität Bozen: Wenn es um die Zukunft der Südtiroler Landwirtschaft geht, dann sind diese zwei Organisationen wichtige Räder im Triebwerk der Forschung und Entwicklung. Davon sind nicht nur Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler und Direktor Siegfried Rinner überzeugt, sondern erfreulicherweise auch Professor Paolo Lugli, der neue Rektor der Universität.  Kürzlich bestätigte er bei einem Treffen in Bozen, „dass die Lehre und Forschung der Universität der Südtiroler Gesellschaft – und somit auch der Landwirtschaft in Südtirol nützen und dienen muss“. Der Praxisbezug sei ein „ganz wichtiges Element“, und dazu gehört der rege Austausch mit allen beteiligten Akteuren, unter anderem dem Bauernbund.

Frostschutz als Forschungsobjekt
Lugli, Tiefenthaler und Rinner kamen zu Beginn des Treffens auf die Frostnächte (s. „Südtiroler Landwirt“ Nr. 9, S. 64) von Ende April zu sprechen. An ihrem Beispiel zeige sich, welch großes Potenzial in der Forschung steckt: Denn denkbar sind vielfältige Maßnahmen zum Frostschutz, z. B. durch gezielteren Einsatz und Weiterentwicklung von Netzen und Folien. Wichtig sei, aus den vielen Ideen die realisierbaren herauszukristallisieren und an diesen konkret zu forschen.

Rahmenabkommen vertieft
Dass dies systematisch anzugehen ist, darüber waren sich die Vertreter von Universität und Bauernbund einig.
Sie erläuterten daher im Detail das Rahmenabkommen, das Bauernbund-Obmann Tiefenthaler und der Präsident des Universitätsrates Konrad Bergmeister am 28. März dieses Jahres unterzeichnet hatten. Darin hatten sie vereinbart, „das Wissen und die Erfahrung in den Themenbereichen von gemeinsamem Interesse auszutauschen, gemeinsam Projekte und Technologien zu entwickeln, wissenschaftliche Veranstaltungen zu organisieren sowie Abschlussarbeiten und Praktika zu ermöglichen“.
Auch im Bereich Weiterbildung wollen sich Bauernbund und Freie Universität Bozen ergänzen.
Im Treffen mit Rektor Lugli hat der Bauernbund nun die konkreten Themenfelder und gegenseitigen Ansprechpersonen genauer definiert. Insgesamt gibt es rund 20 Schwerpunkte, die sich auf die vier Themenfelder Landwirtschaft, Alpine Technologien, Lebensmittel und Energie verteilen (s. Tabelle auf dieser Seite). In einigen dieser Felder ist der Bauernbund federführend, andere Bereiche liegen bei Forschungseinrichtungen wie dem Versuchszentrum Laimburg oder der Eurac Research.
Beide Seiten betonten, dass die Zusammenarbeit der zuständigen Mitarbeiter im Südtiroler Bauernbund mit den Professoren und dem Personal der Universität – allen voran die Professoren Christian Fischer und Matthias Gauly – exzellent funktioniert. Wichtig sei, den Erfolg des Rahmenabkommens jährlich in einem gemeinsamen Monitoring zu bewerten.

Aktionsplan Berglandwirtschaft endlich finanzieren
Als ein wichtiges Element für die Forschungsarbeit sehen Bauernbund und Universität den „Aktionsplan Berglandwirtschaft“, den die Landesregierung vor zwei Jahren vorgestellt hat. „Hoffen wir, dass die Regierung nun die versprochene Finanzierung tatsächlich beschließt“, sagte Lugli und sprach damit den Bauernbund-Vertretern aus der Seele: Auch sie sehen hier „dringenden Handlungsbedarf der Politik“.

Südtirol zum Marktführer machen
Als eines der noch zu wenig betreuten Forschungsthemen orteten Lugli, Tiefenthaler und Rinner das Maschineningenieurwesen: Gerade in der Präzisionslandwirtschaft, Sensorik usw. stecke viel Potenzial, um die Südtiroler Landwirtschaft exakter, effizienter, nachhaltiger und letztlich auch kostengünstiger zu machen. Lugli versprach, die Landespolitik auf die Bedeutung der „Smart Agriculture“ (schlaue bzw. effiziente Landwirtschaft) als wichtiges Zukunftsfeld hinzuweisen: „Wenn wir in diese Forschung sofort investieren, können wir Südtirol zu einem Marktführer machen. Versäumen wir das, überlassen wir anderen das Feld.“ Wenn das Land davon überzeugt sei, müsse es aber auch dafür Geld in die Hand nehmen, sind Bauernbund und Universität überzeugt.
Rektor Lugli schlug darüber hinaus auch eine Zusammenarbeit mit der Fakultät Informatik vor, denn dieser Bereich übernimmt immer mehr Aufgaben auch in der Landwirtschaft – von der Steuerung von Geräten über Betriebssysteme bis hin zur Auswertung großer Datenmengen, zum Beispiel rund um Klimawandel, Satellitenaufnahmen usw. „Daraus kann man viele Erkenntnisse ableiten, die auftauchende Probleme erkennen und Lösungsansätze für die Bauern vorschlagen können“, sagte Lugli.

Doppelgleisigkeiten vermeiden
Beide Seiten betonten, dass es zwar bereits ein gut funktionierendes Netzwerk an Akteuren gibt. Dennoch ist Lugli überzeugt, dass die Zusammenarbeit in vielen Bereichen noch deutlich ausgebaut werden kann, vor allem mit dem Versuchszentrum Laimburg und der Eurac Research.
Wie Lugli ist auch Tiefenthaler vor allem wichtig, einander zu ergänzen und Doppelgleisigkeiten zu vermeiden: „Es hat keinen Sinn, dass in unserem kleinen Land unterschiedliche Organisation getrennt und parallel an ähnlichen Projekten und Fragestellungen arbeiten.“
Rinner nannte als Beispiel die Apfelwirtschaft: „Wir müssen auch weiterhin alle an einem Strang ziehen. Es ist unbedingt wichtig, dass Forschungsprojekte nicht von oben herab angeordnet werden. Stattdessen müssen die Vertreter aller in der Obstwirtschaft tätigen Organisationen mit im Boot sitzen, wenn neue Forschungsprojekte ausgearbeitet werden. Dann haben wir den Rückhalt aller und somit am Ende auch die brauchbarsten Resultate!“

Rektor mit viel Erfahrung
Seit 1. Jänner 2017 leitet Lugli als Rektor nun die Freie Universität Bozen. Er ist ein Mann mit großer Erfahrung an internationalen Universitäten: in Forschung, Lehre und Verwaltung. Er hat in Rom und den USA gelehrt. Danach leitete er zwölf Jahre lang die Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik an der TU München.




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Landwirtschaft „schlauer“ machen

Die Freie Universität Bozen muss der Südtiroler Landwirtschaft gute Lösungen und gute Absolventen anbieten. Dieser Meinung ist der neue Universitätsrektor Paolo Lugli. Wie das gelingen kann und welche Beispiele es dafür gibt, erklärt er dem „Südtiroler Landwirt“ im folgenden Interview.

„Südtiroler Landwirt“: Eine Universität forscht oft an Grundlagen. Bauern möchten Lösungen für die Praxis. Wie groß ist der Praxisbezug der Freien Universität Bozen?
Paolo Lugli: Die Freie Universität Bozen betreibt nicht nur Grundlagenforschung, sondern auch sehr viel praxisbezogene Forschung in vielen verschiedenen Bereichen der Südtiroler Gesellschaft. Wir versuchen, überall sehr nahe an der Realität zu sein.
Daher arbeiten wir in der Landwirtschaft sehr eng mit dem Südtiroler Bauernbund zusammen, genauso wie in anderen Bereichen mit dem Unternehmerverband usw. Denn diese Partner wissen am besten, welche Fragen ihre Gruppe hat. Wir können dann nach Antworten suchen.
Zudem gilt zu bedenken: Die Universität hat ja nicht nur den Auftrag der Forschung, sondern auch jenen der Lehre! Hier wollen wir zwei Ziele erreichen: Erstens unsere Studierenden so auszubilden, dass sie in unserem Einzugsgebiet – sprich hauptsächlich in Südtirol – eine Chance auf Arbeit haben. Zweitens wollen wir, dass die Absolventen, die unsere Universität verlassen, so gut ausgebildet sind, dass sie dem Sektor in der Region helfen. Sie sollen ihn voranbringen können. Das bedeutet: Der Lokal- und Praxisbezug unserer Ausbildung muss sich voll auf den Bedarf in der Region ausrichten.

Im März haben Bauernbund und Freie Universität Bozen ein Rahmenabkommen unterzeichnet. Wie stehen Sie als Rektor dazu?  
Es ist total wichtig, dass die Universität mit Verbänden, Institutionen und Forschungseinrichtungen in Kontakt ist: Es ist wichtig, erstens miteinander zu reden, zweitens zusammenzuarbeiten und drittens dies mit Rahmenabkommen konkret zu fixieren. Solche Abkommen eröffnen die Möglichkeit, konkrete Projekte zu initiieren oder zu intensivieren. Jenes mit dem Bauernbund ist schon auf Basis vieler bestehender Projekte entstanden. Hier läuft das meiste schon sehr gut. Jetzt gilt es nur noch, diese Zusammenarbeit weiter zu verbessern, zu verstärken und zu schauen, wo wir noch neue Initiativen ergreifen können.

Ihr persönliches Fachgebiet ist die Nanotechnologie. Es ist diese – eine Technologie, die sich im kleinsten Bereich der Wirklichkeit abspielt, z. B. auf der Ebene der Moleküle. Kann diese Technologie auch der Landwirtschaft nützen?
Für viele klingt Nanotechnologie oder Nanotechnik sehr zukunftsorientiert. Aber Nanotechnologie heißt im Grunde nur, dass etwas sehr klein ist – so klein, dass es vom Einzel-atom bis zu einer Strukturgröße von 100 Nanometern reicht (ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter. Anm. d. Red.).
Das bedeutet, es geht nicht immer nur um die Arbeit mit Molekülen. Sehr klein ist auch eine ganz dünne Schicht. Gerade mit Oberflächenbeschichtungen aber können wir viele neue Verfahren entwickeln. Da sie oft auch mit einem Tintenstrahldrucker oder sogenanntem Airbrush – also einer kleinen Spritzpistole – aufgetragen werden können, ist die Produktion dieser Oberflächen vielfach sehr günstig.

Was könnte man damit machen?
Eine Idee ist, Sensoren herzustellen. Wir drucken Sensoren auf verschiedensten Materialien: auf Plastik, auf Glas, auf Metall usw. Diese Sensoren können auf verschieden großen Flächen aufgetragen werden und die unterschiedlichste Beschaffenheit aufweisen. So können wir auf einer Fläche riesige Mengen von Sensoren streuen, die verschiedene Werte messen. Sie müssen das drahtlos machen können. Sie müssen energieautark sein, sprich sich direkt vor Ort mit Energie versorgen, ohne auf Batterien angewiesen zu sein. Alles andere wäre nicht nachhaltig. Sie müssen untereinander kommunizieren und Daten an einen zentralen Empfänger schicken können.

Können Sie ein Beispiel nennen, wie das in der Landwirtschaft einsetzbar wäre?
Solche Sensoren könnten zum Beispiel helfen, die Düngung viel effizienter zu dosieren. Das wäre ein großer Fortschritt in Richtung einer nachhaltigeren Agrarwirtschaft. Die Sensoren könnten zum Beispiel ständig die Fruchtbarkeit des Bodens messen. Wenn sie feststellten, dass bestimmte Nährstoffe knapp werden, erhält der Bauer eine Meldung. Er weiß dann, an welcher Stelle er wie viel von welchem Nährstoff düngen muss. Das Resultat: Er muss vielleicht öfters düngen, aber er macht das genau dann, wenn es nötig ist – und genau mit der Menge, die nötig ist. Es werden also keine Ressourcen vergeudet, aber der Bauer düngt auch nie zu wenig und vermeidet so Ertragsverluste. Wir nennen das „Smart Agriculture“, was so viel wie „schlaue Landwirtschaft“ bedeutet.

Interview: Guido Steinegger