Südtiroler Landwirt, Innovation | 25.05.2017

Auf der Suche nach neuen Nischen

Sieben Betriebe an drei Tagen haben die Teilnehmer der diesjährigen Bauernbund-Innovationsreise besucht. Das Fazit: Vor allem die Haltung von Mastgeflügel und der Anbau von Hanf könnten interessant sein – wenn es auch einige Schwierigkeiten zu überwinden gilt. von Bernhard Christanell

Interessante Nischen lernten die Teilnehmer an der dreitägigen Innovationsreise (hier in der Hanfwelt Riegler-Nurscher) kennen.

Interessante Nischen lernten die Teilnehmer an der dreitägigen Innovationsreise (hier in der Hanfwelt Riegler-Nurscher) kennen.

Sinn und Zweck der jährlichen Innovationsreisen des Südtiroler Bauernbundes ist es, neue mögliche Nischen in der Landwirtschaft kennenzulernen, die auch für heimische Betriebe von Interesse sein könnten. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf der Geflügelmast und dem Anbau von Hanf – Ziele waren vor allem die österreichischen Bundesländer Ober- und Niederösterreich.
In Oberösterreich – vor allem in dem im Süden des Bundeslandes gelegenen Kremstal – hat die Zucht und Vermarktung von Mastgeflügel lange Tradition. In Oberschlierbach vermarkten Günther und Sandra Holzinger seit mittlerweile 15 Jahren die „Kremstaler Freilandpute“. Gestartet sind die beiden mit 500 Stück,  mittlerweile vermarkten sie über ihren Betrieb 3000 Tiere pro Jahr.
Günther Holzinger erklärte den Gästen aus Südtirol, dass es durchaus auch Luft nach oben gäbe: „Wir könnten auch mehr Tiere schlachten als die zurzeit 50 bis 70 pro Woche. Wir haben uns aber bewusst dafür entschieden, die Produktion auf dem derzeitigen Stand zu belassen. Mehr Tiere bedeuten vor allem mehr Ausgaben, und dann ist das Ganze nicht mehr rentabel.“ Neben den ganzen Puten stellen die Holzingers auf ihrem Betrieb auch zwischen 200 und 250 Kilogramm Putenwurst her. Vermarktet werden die Produkte über den eigenen Hofladen, zwei Bauernmärkte in Bad Hall und Steyr sowie über einzelne Spezialitätenläden in der Umgebung.

Produkte der „Kremstaler Freilandpute“ nicht unter Wert verkaufen
„Wir beliefern keine großen Handelsketten, weil wir dafür viel mehr Produkte bräuchten und die Ketten auch den Preis diktieren würden. Wir wollen die hohe Qualität unserer Produkte aber nicht unter Wert verkaufen“, betonte Holzinger. Die Putenküken kommen an ihrem ersten Lebenstag auf den Hof und werden dort großteils mit Weizen, Mais, Soja, Rapsöl und Kürbiskuchen großgezogen, die am Betrieb selbst produziert und zusammengemischt werden.
Ab der siebten Lebenswoche kommen die Puten in einen großen Stall, wo sie Tag und Nacht die Möglichkeit zum Auslauf ins Freie haben. Ab der 15. Lebenswoche werden die Tiere am Hof geschlachtet.

Mehrere Standbeine am Hof „Schicklgrub“
Ganz in der Nähe liegt in der Gemeinde Pettenbach der biologisch bewirtschaftete Bauernhof „Schicklgrub“, der sich auf die Aufzucht von Masthühnern spezialisiert hat.  Hannes Lang und seine Familie halten dort bis zu 1600 Tiere in zwei Ställen. Zusätzliche Standbeine am Hof sind rund 20 Zuchtsauen, etwas Feldgemüse und Kartoffeln sowie der Kompostierungsdienst für die Gemeinde Pettenbach. Auch auf den Hof „Schicklgrub“ kommen die Küken am Tag, nachdem sie geschlüpft sind. Dort wachsen sie zunächst in einem „Hendlkindergarten“ mit Fußbodenheizung auf, bevor sie nach drei bis vier Wochen in den größeren Stall mit Freilandzugang übersiedeln.
Nach acht bis zehn Wochen erreichen sie ein Lebendgewicht von rund 1,8 Kilogramm. Gefüttert werden die Tiere je nach Alter mit drei verschiedenen Futterrationen, die am Hof selbst zusammengemischt werden. Weizen, Soja und Mais für die Futtermischungen bauen die Langs am Hof selbst an.
Bei der Vermarktung der Tiere setzen die Langs auf mehrere Bioläden und Wiederverkäufer, die sie zum Großteil wöchentlich beliefern. „Wir schlachten immer nur so viele Tiere, wie wir auch absetzen können. Auf Werbung verzichten wir großteils, die Nachfrage ist in der Regel wesentlich höher als das Angebot“, erklärt Hannes Lang. Die Tiere werden am Hof geschlachtet und dann – je nach Bestellung – verarbeitet und verpackt. Im Schnitt verlassen den Hof rund 10.000 Tiere pro Jahr.

Mit Anbau von Leinsamen und Hanf alte Tradition wiederbelebt
Am Emerhof in Niederwaldkirchen statteten die Teilnehmer an der Innovationreise Judith und Günther Rabeder einen Besuch ab. Bis vor 15 Jahren war der Betrieb ein klassischer Milchvieh- und Mastbetrieb mit Stieren, Schweinen und Hühnern. 2009 übernahm Günther Rabeder den Hof und entschied sich für einen völlig neuen Weg: Er startete mit dem Anbau von Leinsamen, was im oberösterreichischen Mühlviertel lange Tradition hat. Nach und nach kamen weitere Kulturformen wie Hanf, Mohn, Raps,  Sonnenblumen und Kürbisse dazu. Problematisch ist bei Leinsamen und Hanf vor allem die Ernte, weil diese aufgrund der extremen Reißfestigkeit der Fasern mit einem herkömmlichen Mähdrescher nicht möglich ist.
2014 stieg Rabeder auf Bio um, bereits ein Jahr zuvor hatte er die Kooperation „Farmgoodies“ gegründet, der mittlerweile 25 Bauern angehören. Sie bauen auf insgesamt 110 Hektar die verschiedenen Kulturen an, die am Emerhof dann zu Ölen und verschiedenen anderen Produkten verarbeitet werden. Rabeder organisiert das Saatgut für die Bauern, diese erhalten dann den beim Pressen des Öls entstehenden Presskuchen als Futtermittel zurück. Produziert und vermarktet werden unter dem Label „Farmgoodies“ sieben verschiedene Öle aus Leinsamen, Hanf, Mohn und Sonnenblumen. Zum Sortiment gehören zudem die Lein- und Hanfsamen sowie Blaumohn und Senf, der von einem befreundeten Bauern angebaut wird.
Ebenfalls dem Anbau von Hanf verschrieben hat sich die „Hanfwelt Riegler-Nurscher“ in St. Leonhard am Forst in Niederösterreich. Insgesamt wird dort die Hanfernte von 400 Hektar Hanf verarbeitet, die aus dem gesamten Norden Österreichs stammen. Zehn Hektar Hanf baut Stefan Riegler-Nurscher selbst an. Dazu kommen am Betrieb auch noch Anbauflächen für Ackerbohnen, Leinsamen, Getreide und Grünland sowie die Haltung von Mastgänsen. Zur Produktpalette der „Hanfwelt Riegler-Nurscher“ gehören neben Ölen Hanfnudeln, Knabberhanf, Hanftee und viele weitere mehr.

Beeren, Biokisten und Chili
Auf dem Programm der Innovationsreise standen neben den beschriebenen Betrieben drei weitere Höfe, die auf ganz unterschiedliche Weise erfolgreich sind. Über 100 verschiedene Marmeladen, Tees, Sirupe und Destillate aus verschiedenen Beeren und Steinobst vermarktet „Mairs Beerengarten“ in Rietz im Tiroler Oberland. Der Familienbetrieb produziert pro Jahr rund 100 Tonnen Rohware und hat es geschafft, sich mit einem eigenen Qualitätsmanagement einen Platz im Premiumsektor zu sichern.
Ebenfalls kontinuierlich gewachsen ist der Biohof Achleitner, der auf rund 100 Hektar selbst Gemüse, Getreide und Leguminosen anbaut und gemeinsam mit zahlreichen Partnern ein umfangreiches Biokisten-Verteilersystem aufgebaut hat. Den Kompost für die eigenen Felder stellt Achleitner selbst her.
Schließlich waren die Gäste aus Südtirol auch noch bei „Fireland Food“ in St. Pölten zu Gast, wo Richard Fohringer mit Partnern auf rund 20 Hektar zahlreiche Chilisorten anbaut und daraus verschiedene Saucen und Gewürzmischungen produziert.

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Zur Innovationsreise haben wir eine Reihe von Posts veröffentlicht – mehr unter instagram.com/suedtirolerlandwirt