Südtiroler Landwirt, Produktion | 11.05.2017

Spätfröste mit Folgen

Zuerst frühsommerliche Temperaturen, dann das böse Erwachen: Die Spätfrostnächte nach Ostern haben ­Südtirols Landwirtschaft einen herben Dämpfer versetzt. Besonders der Weinbau kann sich an kein ähnliches Szenario erinnern.

Ein Bild der Verwüstung – vom Frost versengte Triebe in einer Überetscher Rebanlage

Ein Bild der Verwüstung – vom Frost versengte Triebe in einer Überetscher Rebanlage

Dass nach dem überdurchschnittlich warmen Frühlingsstart irgendwann eine deutliche Abkühlung kommen würde, war abzusehen. Als es dann aber dazu kam, war der Kälteeinbruch heftiger als allseits erwartet. Besonders die Hang- und Hügellagen waren zu dem Zeitpunkt in ihrer Entwicklung deutlich voran. „Die Apfelanlagen waren in diesem Jahr so früh dran wie selten“, erklärt Robert Wiedmer, Leiter des Beratungsrings für Obst- und Weinbau. „In etwa eine Woche bis zehn Tage früher als im langjährigen Durchschnitt sogar.“
Dann erreichte uns die erste Frostnacht, von Dienstag auf Mittwoch nach Ostern, eine zweite, teils noch heftigere, folgte von Donnerstag auf Freitag derselben Woche. Der Temperatursturz war bereits vorhergesagt worden, die Bauern hatten sich gerüstet. Allerdings war man auf die Heftigkeit der Frostnächte nicht gefasst: „Spätfröste sind normalerweise Strahlungsfröste“ erklärt Robrt Wiedmer. „Das bedeutet, dass die bodenna­hen Schichten wegen der fehlenden Wolkenschicht am Himmel durch Abstrahlung stark abkühlen.“ Um dem entgegenzuwirken, wird in Südtirol seit Jahren die Frostberegnung eingesetzt. Durch das Gefrieren des versprühten Wassers wird Erstarrungswärme freigesetzt, wodurch die Temperatur innerhalb der Eishülle nicht unter den Gefrierpunkt absinkt. Diese Maßnahme schützt in vielen Fällen vor Schäden.

Verschiedene Verfahren zur Frostabwehr versucht
In Gebieten und Anlagen, wo keine Überkronbewässerung möglich ist, also in Hang- und Hügellagen, im Weinbau oder in Marillen- und Kirschanlegen, versucht man andere Verfahren, um die Temperaturen um einige Grad anzuheben: Dazu gehören Luftbewegungsmaschinen (auch mit Helikoptern wird teilweise gearbeitet), um die kälteren Temperaturen in Bodennähe mit den wärmeren darüber geschichteten Luftmassen zu vermischen, oder Wärmequellen, die die Luft beheizen. Oder eine Kombination von Beheizen und Rußentwicklung, was zusätzlich die Abstrahlung mindern soll.
In den beiden Frostnächten vom 18. auf den 19. April und vom 20. auf den 21. April gab es aber laut Robert Wiedmer zwei Faktoren, die die teils bewährte Frostabwehr vielerorts außer Gefecht setzten: Zum einen war es der Wind, der so heftig war, dass die Frostberegnung nicht frühzeitig eingeschaltet werden konnte. Der Wind vermischte die Luftschichten zwar und war so anfänglich sogar von Vorteil, als er aber nachließ, sackten die Temperaturen so schnell ab (teilweise bis auf –8  Grad Celsius Feuchttemperatur), dass die Temperaturen trotz Frostschutzberegnung unter den Gefrierpunkt absanken. Zum anderen kamen zu den klassischen Strahlungsfrösten Strömungsfröste dazu: Das bedeutet, kalte Luftmassen liefen über die Bergrücken hinunter. Besonders hart getroffen wurden so im Obstbau wieder Gebiete, die es bereits im letzten Jahr stark erwischt hatte: im Vinschgau beispielsweise, aber auch im Eisacktal.

Schadensausmaß momentan schwer zu beziffern
Über das Schadensausmaß kann derzeit noch wenig Konkretes gesagt werden. „Wir werden erst im Sommer nach dem Handausdünnen beziffern können, wie viel Ausfall es im Obstbau geben wird“, meint Robert Wiedmer. „Erst dann wird offenkundig, wie der Behang ausfällt und wie hoch der Anteil an Industrieware wegen der Frostschäden sein wird.“ Auch wird dann erst klar werden, welchen Erfolg man mit alternativen Methoden zur Frostabwehr erreichen konnte. „Unsere Auswertungen werden zeigen, was die verschiedenen Verfahren gebracht haben.“
Konkrete Zahlen will Robert Wiedmer zum jetzigen Zeitpunkt auf jeden Fall nicht nennen. „Für jene Bauern, die es in den letzten Jahren öfter getroffen hat, wird es aber allmählich eng“, fürchtet er. Anlagen, die in den besonders frostgefährdeten Bergrinnen liegen, habe es nämlich in den letzten Jahren (zu) oft getroffen.

Kirschen und Marillen noch schlechter dran als Äpfel
Wiedmer rechnet aber in etwa mit einer Erntemenge, die im Vinschgau auf dem Niveau vom Vorjahr bleiben wird. Dort hat es bereits im Frühjahr 2016 starke Spätfröste gegeben. Das Burggrafenamt wurde eher stärker getroffen als im Jahr davor, das Eisacktal sehr stark und im Unterland und Etschtal vor allem die Hanglagen. In den Tallagen dürfte es hingegen kaum Ausfälle geben.
Schlechter noch als der Apfelanbau stehen laut Wiedmer der Kirsch- und der Marillen­anbau da: „Die hohen Kirschlagen sind heuer teils sehr stark betroffen. Dort, wo der Wind geblieben ist, schaut es ein bisschen besser aus, aber es wird insgesamt wohl starke
Ernteausfälle geben.“ Dasselbe gelte für die Marillenanlagen im Vinschgau. Wiedmer rechnet dort mit einem Ertragsausfall in etwa im Ausmaß vom letzten Jahr, als bereits rund 80 Prozent der Ernte wegen Spätfrost ausfielen.

Weinbau weiß kein vergleichbares Frostjahr
Der Weinbau indes kann sich an kein vergleichbares Frostjahr erinnern, wie Hansjörg Hafner, Verantwortlicher des Bereichs Weinbau im Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau, erklärt. Bedingt natürlich auch durch den frühzeitigen Austrieb und das deutlich vorangeschrittene Wachstum in den für den Weinbau klassischen Hügel- und Hanglagen. „Vielerorts hängen die jungen Triebe von der Kälte versengt herunter. Es ist ein Bild der Verwüstung, das sich in manchen Weinbaulagen zeigt.“
Besonders betroffen sei auch hier das ­Eisacktal, aber auch das Gebiet um Girlan und Schreckbichl. „Manche Betriebe hat es besonders schwer erwischt, für sie und die entsprechenden Kellereien wird es heuer schwierig“, sagt der Berater. Aber auch Hafner kann momentan noch nicht abschätzen, wie hoch der Schaden letztendlich ausfallen wird: „Uns fehlen einfach die Erfahrungswerte in diesem Bereich. Wir müssen zunächst abwarten, ob die Beiaugen austreiben bzw. ob sich Geiztriebe bilden. Und wie viele und welche Gescheine diese neuen Triebe auszubilden imstande sind.“ Insgesamt rechnet Hansjörg Hafner mit einem Ernteminus im Vergleich zum Durchschnitt der letzten Jahre von etwa zehn Prozent. Winterschäden inklusive. Denn auch der trocken-kalte Winter hat Reb- und Apfelanlagen in diesem Winter zugesetzt. Ein Phänomen, das vor allem Südtirol betrifft. Während die Spätfröste über dem Friaul, die Franciacorta, den Piemont und die Toskana bis hinunter in das Latium und Kampanien heftig zugeschlagen haben.
Der italienische Weinbau wird das stark zu spüren bekommen. Denn die Fröste bedingen nicht nur Mindererträge, sondern bringen auch einen erhöhten Arbeitsaufwand  während der Vegetationsperiode und bei der Ernte mit sich: Die stärker betroffenen Anlagen werden in der Entwicklung deutlich zurückbleiben, die Triebe, die aus den Beiaugen austreiben werden, schwieriger zu bändigen sein als „normale“ Triebe.

Deutlich mehr versichert als letztes Jahr
Wenn es um seriöse Schätzungen geht, verweisen die Berater aber auf das Hagelschutzkonsortium. Dort laufen die Schadensmeldungen ein, hier sammeln sich alle Informationen über das Ausmaß der Schäden. Heinrich Huber, Geschäftsführer des Hagelschutzkonsortiums, sagte: „Der Weinbau ist heuer stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Nach unserer Einschätzung sind etwa 20 Prozent der Weinbaufläche von Frostschäden betroffen, im Ausmaß von 40 bis 100 Prozent Ausfall.“ Allerdings sei das Versicherungsaufkommen in diesem Jahr deutlich höher als in den vergangenen Jahren: „Die Versicherungskampagne ist zwar noch nicht abgeschlossen, aber unsere Hochrechnungen ergeben, dass sowohl im Obst- als auch im Weinbau noch nie so stark versichert wurde wie heuer. Oft auch gegen Frost“, erklärt der Versicherungsexperte.
So haben besonders Bauern, die im letzten Jahr Frostschäden zu beklagen hatten, heuer eine entsprechende Versicherung abgeschlossen. „Die Selbstbehalte sind zwar relativ hoch, aber diejenigen, die starke Ausfälle zu beklagen haben, erhalten durch die Versicherung eine gute Entschädigung“, sagt Huber. „Die haben durch die verminderte Arbeit bei Ausdünnung und Ernte ja auch viel geringere Kosten.“
Wer allerdings nicht versichert ist, der schaue durch die Finger. Zwar sei der Termin für die Versicherungskampagne laut Heinrich Huber eigentlich bereits abgelaufen, durch das Schadensereignis, das italienweit nicht nur Obst- und Weinbau, sondern auch andere Obstkulturen sowie Gemüse- und Futterbau getroffen hat, habe man beim Landwirtschaftsministerium aber eine Verlängerung erwirken können. „Denn wer weiß heute schon, was er überhaupt noch zu versichern hat?“, sagt der Direktor des Hagelschutzkonsortiums.