Wirtschaft, Südtiroler Landwirt, Politik | 11.05.2017

Mit blauem Auge davongekommen

Angst und bange war vielen Bergbauern im vergangenen Jahr: Sinkende Milchpreise und Überproduktion gingen Hand in Hand und trübten die Aussichten. Insgesamt aber hat die Südtiroler Milchwirtschaft die Krise einmal mehr gut überstanden. von Bernhard Christanell

Südtirols Milchwirtschaft die Krise am Milchmarkt einmal mehr gemeistert hat. (Foto: Frieder Blickle)

Südtirols Milchwirtschaft die Krise am Milchmarkt einmal mehr gemeistert hat. (Foto: Frieder Blickle)

Annemarie Kaser, Direktorin des Sennereiverbandes, brachte es bei der Vollversammlung im Haus der Tierzucht auf den Punkt: „Vor einem Jahr habe ich an dieser Stelle hier die Entwicklung der Milchwirtschaft mit einem defekten Aufzug verglichen, der ungebremst in die Tiefe rast. Heute wissen wir: Der Absturz hat ein Ende, und wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“
Nach dem Aus der Milchquoten vor mittlerweile zwei Jahren produzierten die Milchbauern in einigen EU-Ländern auf Teufel komm raus.
Ein Überangebot und ein Preisverfall für Milch und Milchprodukte waren die Folge. „Südtirol ist ein kleiner Player am Weltmilchmarkt, aber auch wir spüren diese Folgen“, unterstrich Kaser. Warum die Südtiroler Milchwirtschaft diese turbulente Zeit einigermaßen gut überstanden hat, fasste Joachim Reinalter, der bei der Versammlung  im Amt bestätigte Obmann des Sennereiverbandes, zusammen „Da ist natürlich die hohe Qualität, die Südtiroler Milch und Milchprodukte auszeichnet; da ist der gute Ruf, den unsere Genossenschaften bei Handelsketten und Konsumenten haben; und da ist die Tatsache, dass der größte Teil der Milch veredelt wird“, erklärte der Obmann den anwesenden Geschäftsführern und Obmännern der Südtiroler Milchhöfe.

EU-Hilfspaket bremste Produktion in zweiter Jahreshälfte ein
Mit einem Hilfspaket ist es in der zweiten Jahreshälfte 2016 gelungen, das Plus bei der Milchmenge EU-weit mit 0,4 Prozent in Grenzen zu halten. 150 Millionen Euro wurden gezielt als Belohnung für jene Bauern reserviert, die die Milchproduktion reduzierten. Mit weiteren 350 Millionen Euro konnten die  Mitgliedstaaten eigene Maßnahmen treffen. In Italien betrug der Anstieg bei der Milchmenge 2,2 Prozent, in Südtirol lag er bei 3,6 Prozent: 392,1 Millionen Kilogramm Milch wurden im Jahr 2016 an die Milchhöfe geliefert, davon waren 8,5 Millionen Kilogramm Biomilch (+ 22,9 %).
Die Zahl der aktiven Südtiroler Milchlieferanten ist auch im vergangenen Jahr wieder zurückgegangen und lag mit Ende 2016 bei 4795. Damit haben weitere 91 Lieferanten im Laufe des Jahres die Milchproduktion eingestellt. „Es ist nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine gesellschaftliche Entwicklung, die immer mehr junge Bauern veranlasst, die äußerst arbeitsintensive Milchwirtschaft aufzugeben“, bedauert Reinalter.
So wenige Bauern wie noch nie haben also im vergangenen Jahr so viel Milch wie noch nie geliefert. Die erfreulichste Nachricht dabei: Der durchschnittliche Auszahlungspreis, den sie dafür erhielten, lag mit 49,98 Cent – ab Erfassungsstelle, bei natürlichen Inhaltsstoffen, mit Qualitätszuschlägen und ohne Mehrwertsteuer – nur einen Cent unter dem Rekord des Vorjahres und war damit der zweithöchste der Geschichte. „Die vom Südtiroler Bauernbund erhobenen 62 Cent an Produktionskosten können aber auch damit nicht gedeckt werden. Das ist weiterhin nur mit der Unterstützung durch Fördermittel möglich“, betonte Reinalter.
Der hohe Veredelungsgrad in der Südtiroler Milchwirtschaft spiegelt sich in den Produktionszahlen wider: Mengenmäßig liegt der Joghurt mit 135,4 Millionen Kilogramm weit vorne, gefolgt vom Käse (20,3 Mio. kg) sowie Mascarpone, Ricotta und Topfen (insgesamt 9,5 Mio. kg).
Eine Nische bleibt nach wie vor der gesamte Bio-Sektor. Den höchsten Anteil am Gesamtaufkommen verzeichnet Bio noch bei der Frischmilch (knapp 6 %). Bei den veredelten Produkten verzeichnet Bio zwar zum Teil zweistellige Zuwachsraten, allerdings auf einem sehr niedrigen Niveau. Im Schnitt erhielten die Biomilch-Produzenten 62,50 Cent pro Kilo Milch. Ähnlich ist die Lage bei der Ziegenmilch – auch sie bleibt trotz spürbarer Preisunterschiede eine Nische: Die Zahl der Lieferanten ist um drei auf nunmehr 32 gestiegen. Diese produzieren rund 1,3 Millionen Kilogramm Ziegenmilch und erhielten dafür im Schnitt 59,54 Cent.

Projekt Nachhaltigkeit gestartet
Gerade weil das internationale Marktumfeld immer schwieriger wird und die Ansprüche von Handelsketten und Konsumenten steigen, geht der Sennereiverband neue Wege, um Südtiroler Milch und Milchprodukte von der Konkurrenz abzuheben.
Mit dem Projekt Nachhaltigkeit will Südtirols Milchwirtschaft einen umsichtigen und verantwortungsbewussten Umgang mit natürlichen Ressourcen festschreiben und kontrollieren. „Wir werden damit nicht nur unserer Verantwortung der Gesellschaft gegenüber gerecht, sondern bauen unser positives Image bei den Handelsketten weiter aus“, erklärte Reinalter und ergänzte: „Wir können unser bewährtes System der Milchwirtschaft nur halten, wenn Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft an einem Strang ziehen und die Leistungen unserer Bergbauern weiterhin gebührend anerkannt werden.“

Immer mehr Proben im Labor
Direktorin Kaser verwies auf die umfangreiche Labortätigkeit des Sennereiverbandes: „Im Jahr 2016 wurden über 761.000  Rohmilchproben genommen, damit sichern wir die hohe Qualität unserer Milch.“ Die Daten werden an die Bauern übermittelt, 90 Prozent der Lieferanten rufen ihre Daten mittlerweile über SMS ab. Auch immer mehr veredelte Produkte werden im Labor analysiert – im vergangenen Jahr waren es über 18.000 Produkte und 66.000 Untersuchungen.

Viele Mängel bei Melkanlagen
Auch die Beratung der Betriebe bildet einen Schwerpunkt der Tätigkeit im Sennereiverband. Dass diese notwendig ist, zeigt sich bei den Melkanlagen: Nur rund die Hälfte der über 1700 kontrollierten Anlagen wiesen keine oder nur geringe Mängel auf. Beraten wurden im Vorjahr auch 66 Milchviehalmen, dazu kommen Besuche bei 30 Hofkäsereien.
Ausgezeichnet wurde bei der Versammlung des Sennereiverbandes wie gewohnt auch der beste Milchlieferant des Jahres: Im Jahr 2016 ging die Auszeichnung an Thomas Steger vom Felder-Hof in St. Peter/Ahrntal (mehr dazu auf Seite 26 in dieser Ausgabe).