Südtiroler Landwirt, Politik | 14.04.2017

Gesetze mitgestalten statt erdulden

Die Confagricoltura soll wieder mehr zu sagen haben in der italienischen Politik. Dieses ehrgeizige Ziel verfolgt der am 30. März zum neuen Präsidenten gewählte Massimiliano Giansanti. Der Südtiroler Bauernbund spielt dabei eine wichtige Rolle, erklärt Giansanti dem „Südtiroler Landwirt“ im Exklusivinterview. von Guido Steinegger

Massimiliano Giansanti in Bozen: „Wir werden keine Sekunde zögern, die Interessen der Berggebiete in Brüssel zu verteidigen.“

Massimiliano Giansanti in Bozen: „Wir werden keine Sekunde zögern, die Interessen der Berggebiete in Brüssel zu verteidigen.“

Südtiroler Landwirt: Präsident Giansanti, Sie wollen den ursprünglichen Sinn des Verbandes Confagricoltura wieder in den Mittelpunkt rücken. Was meinen Sie damit?
Massimiliano Giansanti: Nichts anderes als das, was im Artikel 1 unseres Statutes steht: „Es ist Aufgabe der Standesvertretung, die Mitgliedsbetriebe zu schützen und zu vertreten.“ Zu dieser Aufgabe wird Confagricoltura zurückkehren. Confagricoltura wird wieder mehr darauf hinweisen, wie wichtig die italienische Landwirtschaft ist und welchen Beitrag sie zur Wirtschaft in Italien leistet.

Für Ihre Reformgedanken fordern Sie den Rückhalt aus allen Einzugsgebieten der ­Confagricoltura. Inwiefern?
Wenn wir die Vertretung der landwirtschaftlichen Unternehmer sein wollen, müssen wir deren Bedürfnisse genau kennen. Dazu brauchen wir die starke Unterstützung unserer Verbände vor Ort. Sie müssen wir stärker in das neue gemeinsame Projekt ­Confagricoltura einbinden. Daher habe ich all unsere Präsidenten in den Regionen und Provinzen (Anm. d. Red.: in Südtirol Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler) gebeten, sich aktiv einzubringen und uns mitzuteilen, was ihre Mitglieder vor Ort brauchen.
Es wird neun thematische Arbeitsgruppen geben. Jeder Präsident wird in einer von ihnen zusammen mit einem Vorstandsmitglied und anderen Präsidenten mitarbeiten. Die Ergebnisse ermöglichen Confagricoltura, eine Reihe von Aktionen vorzuschlagen und die italienischen Bauern im Vergleich zum restlichen Europa wettbewerbsfähig zu halten.
Nehmen wir das Beispiel Berglandwirtschaft: Um zu wissen, was die Bauern dort brauchen, müssen wir den Obmann der Südtiroler und Trentiner Bauern hören!

Apropos Südtirol: Was verbinden Sie mit den Bauern hier?
Ich denke vor allem daran, dass sich der Südtiroler Bauernbund über Jahre als erfolgreiches Organisationsmodell bewiesen hat: Ein System, das Verantwortung übernimmt für die Einheit von Landwirtschaft, Umwelt und Gemeinschaft. Es sieht alle Wirtschaftszweige als gleichwertige Teile eines Ganzen an: Der Landwirt ist gleich wichtig wie der Gastwirt, Dienstleister, Händler oder Handwerker.
Dieses Modell sollte auch in anderen ita­lienischen Gebieten wiederbelebt werden. Ganz deutlich wird das in den Erdbebengebieten im Apennin. Die Landwirtschaft dort muss wieder aufholen. Das könnte sie sehr gut, wenn sie vom Südtiroler Modell lernen könnte.
Darüber hinaus müssen wir insgesamt daran denken, was die Landwirtschaft in den Berggebieten braucht: Denn Landwirtschaft in den Bergen ist etwas ganz anderes als in der Ebene.

Der Südtiroler Bauernbund ist Teil der Confagricoltura, aber aus Sicht der Zentrale in Rom weit oben im Norden. Wie beschreiben Sie das Verhältnis?
Für uns ist diese Realität überhaupt nicht weit weg. Ich erwarte mir viel von Bozen, das ist für uns ein zentraler Ansprechpartner. Bozen bringt sich jetzt schon stark ein, aber der Südtiroler Bauernbund hat die Kraft, seine Interessen noch stärker zu artikulieren und sich noch aktiver an unserer Tätigkeit zu beteiligen. Confagricoltura braucht Vorbilder, damit die anderen Regionen davon lernen können, und Bozen ist so ein Vorbild.

Südtirols Autonomie ermöglicht auch eine eigene Gesetzgebung für die Landwirtschaft. Aber die Autonomieskepsis in Italien wächst. Wie stehen Sie dazu?
Wir italienischen Staatsbürger müssen respektieren, was in der Verfassung steht. Dort ist das Recht der Minderheiten auf Autonomie festgeschrieben. Das heißt: Alle Rechte, die im Rahmen der Autonomie für Südtirol festgeschrieben sind, müssen geschützt werden. Wir sprechen ja von Gebieten, die ihre Geschichte, Traditionen und Gewohnheiten haben. Wehe, man tastet die Traditionen an!
Die Landwirtschaft lebt von Traditionen. Wir haben unser Herz in der Gegenwart und unseren Geist in der Zukunft. Aber die Beine haben wir in der Vergangenheit. Geben wir die Traditionen auf, geben wir unsere ganze Lebensart auf. Das wäre falsch!

In Italien gibt es sehr viel Sympathie für Wolf und Bär – aber wenig Verständnis für die Schäden für die Landwirtschaft und den Tourismus im hochalpinen Gebiet. Was sagt die Confagricoltura dazu?
Confagricoltura wird sich stärker mit den wilden Tieren beschäftigen müssen. Dieses Problem beschäftigt ja ganz Italien. Was Wildtiere anrichten, wird zu einem nicht kalkulierbaren Schaden für unsere Landwirte. Es ist richtig: Den Bürgern gefallen die Wölfe, den Bürgern gefallen die Wildschweine.
Aber genauso ist richtig, dass sich jemand um die Schäden kümmern muss, die die Bauern durch diese Tiere erleiden. Entweder die Allgemeinheit übernimmt die Kosten, oder sie akzeptiert, dass die Bauern ihre Unternehmen genauso schützen wie irgendwelche Unternehmer in der Stadt.

In der politischen Vorarbeit bei den Ministerien und im Parlament kann die Südtiroler Landwirtschaft jede Hilfe brauchen. Wird die Confagricoltura mithelfen, die Südtiroler Eigenheiten verständlich zu machen?
Auf jeden Fall! Confagricoltura muss überall dort präsent sein, wo Entscheidungen über die Landwirtschaft getroffen werden: Egal ob in Brüssel, in Italien bei der Regierung oder im Parlament, in Regional- und Landesregierungen oder auf Gemeindeebene … Wir müssen es schaffen, alle zusammen ein Netzwerk zu bilden. Dann können wir auch auf die Gesetze Einfluss nehmen, die über uns entscheiden. Wenn wir alleine gehen, müssen wir die Gesetze immer nur erdulden: Dann müssen wir sie zur Kenntnis nehmen und umsetzen. Wir müssen wieder dahin zurückkehren, bei ihrer Entstehung mitzubestimmen!
Auch hier ist Südtirol ein positives Beispiel: Bozen pflegt einen sehr engen Kontakt zu den Südtiroler Parlamentariern in Rom und Brüssel. Hätten wir alle so gute Beziehungen wie ihr, würde Confagricoltura in der Politik viel öfter Gehör finden.

In Italien bedeutet agrarpolitische Interessenvertretung oft einen Abwehrkampf gegen die Bürokratisierungswut …
Eine Confagricoltura-Arbeitsgruppe wird sich mit der Vereinfachung der Bürokratie beschäftigen. Wir verbringen heute viel zu viel Zeit mit Zetteln und Dokumentationen im Büro. Wir müssen den Blick auf die Globalisierung richten und somit auch den Mut haben, unsere Betriebe zu öffnen und zu erkennen, dass sich die Welt rasend weiterentwickelt und immer stärker vernetzt.
Ich werde mich stark dafür einsetzen, die bürokratische Last zu senken und den Betrieben sowohl Zeit als auch Geld zu sparen.

In Brüssel geht es bereits um die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020. Der Südtiroler Bauernbund hat dabei ein starkes, länderübergreifendes Netzwerk für die Berggebiete. Wie stehen Sie dazu?
Zunächst einmal: Die nächste GAP muss auf der Seite der Bauern sein! Diese Politik muss eine erfolgsorientierte Landwirtschaft unterstützen. Für die Berggebiete heißt das: Wir brauchen Instrumente, die der Landwirtschaft in der Makroregion Alpen – sei es in Italien, Österreich, Slowenien usw. – einen Mehrwert verschaffen. Diesen Weg müssen wir unbedingt gehen.

Viele agrarpolitische Entscheidungen auf EU-Ebene fallen im Rat der europäischen Agrarminister. Die Berggebiete bedecken meist nur einen kleinen Teil der Gesamtfläche ihrer Staaten. Sie brauchen Minister als Fürsprecher. Wird sich Confagricoltura beim italienischen Agrarminister dafür einsetzen?
Wenn Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler und die Präsidentin von Confagricoltura Trentino, Cinzia Cainelli, einen starken Einsatz für die Bauern der Berggebiete in der Europäischen Agrarpolitik fordern, werde ich keine Sekunde zögern, diese Themen bei den dafür zuständigen Institutionen vorzubringen, um diese Ziele zu erreichen.

Ein heikles inneritalienisches Thema ist die Verteilung der EU-Flächenprämien innerhalb der italienischen Gebiete. Bisher erhalten die Berggebiete – trotz allmählicher Angleichung – deutlich weniger als die Gunstlagen. Wird sich Confagricoltura für einen standardisierten Sockelbeitrag einsetzen, eventuell sogar für einen Zuschlag für die Flächen in Berggebieten?
In Fragen wie diesen schaue ich mir immer zuerst die konkreten Zahlen an. Wir sind dabei, die Daten in diesem Bereich genau zu analysieren. Über die Frage, wie diese Gelder auf die verschiedenen Gebiete aufgeteilt werden sollen, wird Confagricoltura dann entscheiden, wenn wir genau wissen, wie viel Geld verfügbar ist.
Wenig Gelder unter vielen aufzuteilen, wäre jedenfalls ein Fehler. Der Grundgedanke ist: Wir dürfen keinesfalls zulassen, dass die landwirtschaftlichen Gebiete verlassen werden. Dabei ist klar: Die Aufgabe landwirtschaftlichen Grundes in der Ebene hat eine Bedeutung, in den Berggebieten reicht sie wesentlich weiter. Daher müssen wir unsere Aufmerksamkeit unbedingt auf die benachteiligten Gebiete und die Berggebiete richten.