Südtiroler Landwirt, Produktion | 14.04.2017

Biene oder Hummel

Wenn Apfelblüten nicht fremdbestäubt werden, bringen sie kaum Früchte hervor. Deshalb sind Bestäubungs­insekten für den intensiven Obstbau lebensnotwendig. In ganz besonderem Maße aber die Honigbiene. Dieser Beitrag erklärt, warum. von Andreas Platzer, Fachschule Laimburg

Die Bedeutung von Bienen für den intensiven Obstanbau wird oft unterschätzt. Dabei sind sie als Bestäuber unersetzlich.

Die Bedeutung von Bienen für den intensiven Obstanbau wird oft unterschätzt. Dabei sind sie als Bestäuber unersetzlich.

Die Honigbiene hat für den heutigen modernen Obstbau eine nicht mehr wegzudenkende Bedeutung erlangt. Das ist nicht nur die Aussage von Imkern oder Imkerverbänden, sondern wissenschaftlich in zahlreichen Versuchen weltweit immer wieder bewiesen. Diese Erkenntnisse haben gezeigt, dass etwa 85 Prozent der gesamten Obstanlagen in Europa heute von der Honigbiene bestäubt werden.
Das Wissen um die Bestäubungsleistung kann der Obstbauer sehr zu seinen Gunsten nützen. Jegliche weitere kulturführende Maßnahme, ob Schnitt, Düngung, Pflanzenschutz und all die anderen bringen nicht den Erfolg, wenn nach der Blüte der Fruchtansatz fehlt. Fehlender Fruchtansatz ist für dieses Jahr irreversibel.
Vorab muss uns klar sein, dass vor allem Äpfel größtenteils selbststeril sind, d. h., der Pollen der eigenen Sorte ist unzureichend bzw. kann nicht für eine Befruchtung herangezogen werden. Es braucht also Pollen einer fremden Sorte. Die Blütenstände (Narben und Pollenstände) sind so angelegt, dass eine Selbstbefruchtung der Blüte praktisch unmöglich ist. Dies ist zum Glück durch den relativ großen Sortenspiegel auf engstem Raum in Südtirol größtenteils gegeben. Jetzt muss der Pollen noch auf die entsprechende Narbe gelangen. Diese Aufgabe übernehmen größtenteils die Bestäubungsinsekten.
Wie in einigen Fällen oft fälschlich behauptet, ist die Windbestäubung bei unseren Intensivanbauflächen ein reines Zufallsprodukt und kann nicht für einen gewinnbringenden Fruchtansatz herangezogen werden. Windbestäubende Pflanzen haben generell keine Blütenblätter und sowohl die Narben als auch Pollenstände sind ganz anders angelagert. Alle blütenbildenden Pflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten ausgerichtet. (Vögel oder andere Tiere haben in unseren Breiten keine Bedeutung als Bestäuber!) Zudem wurde festgestellt, dass Pollen mechanisch auf die Narbe bzw. in den Narbeneingang gedrückt werden muss, um so eine schnellere und bessere Befruchtung zu gewährleisten. Dies können ausschließlich Insekten.

Warum die Honigbienen als Bestäubungsinsekt?
Es ist die Feststellung berechtigt, dass es in der Natur viele Insekten (Hummeln, Wildbienen usw.) gibt, die ebenso als Bestäuber infrage kommen. Warum nun ist gerade die Honigbiene so wichtig für die Bestäubung in den Obstanlagen?
Fakt ist, dass es in der Natur keine derartigen Flächen an Pflanzbeständen gibt, wie wir sie in unseren Obstanlagen finden. Alleine diese Tatsache erfordert schon ein besonderes Einsatzszenario.
Es gibt weltweit kein anderes Fluginsekt, das eine annähernd gleich starke Population zu dieser Jahreszeit aufweist wie die Honigbienen. Diese sogenannte Abundanz ist ausschlaggebend für die Bestäubungsleistung.
Zum anderen hat die Honigbiene eine extrem stark ausgeprägte Blütentreue oder Blütenstetigkeit, d. h. ein Bienenvolk fliegt so lange eine Blütenart an, bis diese versiegt ist. Diese Blütenstetigkeit hat bei den Honigbienen eine Ausprägung von 85 Prozent. Zum Vergleich: Das Insekt mit der zweithäufigsten Ausprägung ist die Hummel mit knapp 40 Prozent.
Die Honigbiene trägt ein Haarkleid, das genau die Länge besitzt, dass Pollen gut anhaftet und im Flug nicht verloren geht, aber auch die Stabilität besitzt, dass der Pollen mechanisch in die Narbe gedrückt werden kann. Bei der Hummel oder bei anderen Wildbienen ist dieses Phänomen durch die längere Körperbehaarung eingeschränkt.
Aber auch die Mobilität durch den Imker ist ein Pluspunkt für die Honigbiene. Es können so viele Bienenvölker in eine Anlage verbracht werden wie nötig.

Gute Befruchtung bringt guten Fruchtbesatz
Welchen Einfluss hat nun aber eine gute Befruchtung auf die Fruchtentwicklung? Nachdem die Blüte bestäubt wurde, wächst der Pollen über den Keimschlauch zur Eizelle, danach erfolgt die Befruchtung. Sie ist wichtig, weil die wachsenden Fruchtsamen das Fruchtfleischwachstum positiv beeinflussen. Das bedeutet, dass eine gute Befruchtung einerseits ein gleichmäßigeres und schöneres Fruchtwachstum bewirkt und andererseits qualitativ hochwertigere Früchte.
Für den Obstbau besonders wichtig ist die Tatsache, dass es für eine gute Befruchtung nicht nur Pollen unterschiedlicher Sorten braucht, sondern dieser Pollen auch keimfähig zur Eizelle kommen muss. Obstkulturen (Apfel) geben keimfähige Pollen in einem Temperaturbereich von 10 bis 19 Grad Celsius ab. Pollen, der niederen oder höheren Temperaturen ausgesetzt wird, verliert seine Keimfähigkeit in unterschiedlichem Maße. Auch hier beeinflussen Honigbienen mit einer besonderen Eigenschaft das Ergebnis positiv: Denn nur keimfähiger Pollen ist für das Bienenvolk auch ernährungsphysiologisch interessant. Aus diesem Grund prüfen die Bienen bei ihren Sammelflügen die Keimfähigkeit des Pollens mit ihren Fühlern und entscheiden damit, ob sie die Sammeltätigkeit beginnen oder nicht.
Diese Notwendigkeit besitzen beispielsweise Hummeln nicht. Sie können auch nicht mehr keimfähigen Pollen in ihrer Ernährung verwerten und unterscheiden demzufolge nicht zwischen keimfähig oder nicht keimfähig. So steigt natürlich auch die Fehlerquote, weil auch  unfruchtbarer Pollen zur Eizelle transportiert wird. Dadurch ist es aber auch möglich, dass Bienen in Temperaturbereichen unter 10 Grad Celsius und über 19 Grad Celsius auf andere – beispielsweise bodennahe – Kulturen ausweichen und später wieder auf die Obstkultur auffliegen.

Bienen selektieren Pollen nach Keimfähigkeit vor
So relativiert sich der frühere Flugbetrieb von Hummeln und Wildbienen. Vielmehr erweist sich dieser sogar als Nachteil, weil dadurch nicht keimfähiger Pollen übertragen wird und das zu einer verzögerten Befruchtung vor, Hummlen mach das nicht. Dadurch verkürzt sich der natürliche zeitliche Unterschied zwischen Königblüten und Seitenblüten merklich. Ein chemisches Ausdünnen in weiterer Folge wird erschwert.
Als Faustregel sollten mindestens vier Bienenvölker pro Hektar Intensivkultur in den Apfelanlagen aufgestellt werden. Sinnvoll ist es, diese im Block an einem windgeschützten, sonnigen Standort aufzustellen. Dem Landwirt kommt dabei eine zentrale Rolle zu, weil er seine Anlage genau kennt und weiß, wo sich feuchte Stellen befinden. Solche Standorte können den Ausflug nämlich merklich verzögern.
Es sei darauf verwiesen, dass die Imker die gesetzlichen Bestimmungen zur Bienenwanderung einhalten und dafür verantwortlich sind. Bei der Einbringung von Hummelvölkern übernimmt der Landwirt als neuer Besitzer diese Aufgabe und muss sich selbst um die Einhaltung der Bestimmungen kümmern (siehe rechtlicher Hinweis im Kasten).

Wer einen Imker sucht, der seine Bienenvölker als Bestäubungsdienstleister zur Verfügung stellt, kann sich an den Südtiroler Imkerbund  unter der E-Mail-Adresse info@suedtirolerimker.it wenden. Dieser wird versuchen, die entsprechenden Kontakte herzustellen.


Tabelle 1: Bestäubungsleistung von Honigbiene und Hummel im Vergleich

 

Honigbiene

Hummel

 

Volksstärke bei Blüte

Min. 15.000 Bienen

Max. 300 Hummeln

 

Davon Flugbienen

5.000 (1/3)

200 (2/3)

 

Ausflüge / Tag

x 10

x 10

 

Zwischenergebnis

50.000

2.000

 

Blüten / Sammelflug

x 30

x 30

 

Zwischenergebnis

1.500.000

60.000

 

 

 

+ Faktor 10

Mehrleistung der Hummel auf Bienen

Zwischensumme

1.500.000

600.000

 

Blütenstetigkeit

85% (-15%)

40% (-60%)

 

Effektive Bestäubungsleistung an Blüten / Tag /Volk

1.275.000 Blüten

360.000 Blüten

 



Das Verbringen von Bienen und Hummeln

Rechtlicher Hinweis

Nach Richtlinie 92/65/EWG, welche mit Legislativdekret Nr. 633/1996 von Italien übernommen wurde, müssen für das Verbringen von Bienen und Hummeln aus EU-Mitgliedsländern die TRACES-Meldungen inklusive Gesundheitsbescheinigungen gemacht werden.
Dazu muss sich der zukünftige Besitzer am Veterinäramt für EU-Angelegenheiten von Trentino-Südtirol (UVAC) in Sterzing registrieren und erhält dort seine persönliche Tierimportnummer. Jedes innergemeinschaftliche Verbringen von Tieren und tierischen Produkten muss dann sowohl dem tierärztlichen Dienst des Südtiroler Sanitätsbetriebes als auch dem UVAC vorher schriftlich gemeldet werden!
Achtung, Zuwiderhandlungen werden mit empfindlichen Geldbußen von einigen 1000 Euro pro Tiereinheit geahndet!