Südtiroler Landwirt | 30.03.2017

Fennberg statt Toskana

Das Leben hält manchmal Überraschungen bereit. Die muss man am Schopf packen: Alexandra Schweiggl hat das beherzt getan und übernahm gemeinsam mit ihrem Freund Peter den Hof Unternberg am Fennberg. Eine gute Entscheidung! von Renate Anna Rubner

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf – der Hof Unternberg am Fennberg

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf – der Hof Unternberg am Fennberg

Niemand weiß, warum der ledige Onkel – ein Bauer aus Kurtatsch – den Hof Unternberg seinem Neffen Adalbert Schweiggl vermacht hat. War es, weil Adalbert handwerklich sehr geschickt ist oder weil er beim Onkel immer mal wieder nach dem Rechten gesehen hat? Oder folgte er einfach einer Eingebung? Fest steht, dass Adalbert und seine Frau Maria aus allen Wolken fielen, als sie von der Erbschaft erfuhren. Das war im Jahr 2008. Adalbert war zu dem Zeitpunkt Briefträger, Maria führte einen Bioladen in Neumarkt. Sie macht das noch heute, sehr erfolgreich und mit Überzeugung.

Traum vom eigenen Hof wird wahr
Tochter Alexandra hatte Grafikdesign in Urbino studiert und arbeitete in einem Büro in Bozen. Ihren Traum vom eigenen Bauernhof irgendwo in der Toskana oder in den Marken träumte sie im Stillen. Gemeinsam mit ihrem Freund Peter. Der ist eigentlich gelernter Schlosser, begann aber schon früh, auf einer kleinen Fläche in seinem Heimatdorf Laag biodynamisch Gemüse zu ziehen.
So war eigentlich gleich klar, dass der Hof Unternberg von Alexandra und Peter bewirtschaftet werden würde. Und zwar nach Demeter-Richtlinien. „Der Fennberg ist ein ganz besonderer Ort“, ist sich Alexandra Schweiggl sicher. Heute ist sie Bäuerin dort:  Ihr Traum ist also – zumindest teilweise – in Erfüllung gegangen. Statt der Toskana ist es halt der Fennberg oberhalb Kurtatsch geworden. Alexandra ist glücklich damit. Nachdem sie den Junglandwirte-Kurs abschlossen hatte, übernahm sie 2013 den Hof von ihrem Vater. Trotzdem ist Adalbert Schweiggl bis heute eine tragende Säule – in der Landwirtschaft genauso wie bei der Sanierung des Wohngebäudes, was zum Großteil in geduldiger Kleinarbeit in Eigenregie gemacht wird.
Das Gebäude war nämlich ziemlich heruntergekommen, seit beinahe 60 Jahren war es nur notdürftig repariert worden. Die Ursprünge des Hofes gehen auf das 13. Jahrhundert zurück, nicht viel jünger dürfte der Stadel sein, der gleich daneben steht. Lange schon ist der Hof in Besitz der Familie Schweiggl, diente zuletzt aber nur noch als Sommerdomizil, wenn das Vieh von Kurtatsch auf den Fennberg gebracht wurde. Im Winter stand er lange Zeit ganz leer. Kein Wunder, denn es gab weder fließendes Wasser noch eine Heizung.

Gemüse direkt vermarkten
Seit den 1960er Jahren lagen auch die Flächen, die zum Hof gehören, brach. Manche Wiesen wurden zwar noch gemäht, aber von den Nachbarn. Davon hat der Hof Unternberg genau fünf: alles Viehbauern, von denen einige noch einem anderen Beruf nachgehen. Das wollten Alexandra und Peter aber nicht. Sie wollten den Hof gemeinsam bewirtschaften und davon leben können. Mit vier Hektar Wiesen und knapp sieben Hektar Wald unmöglich – zumindest als klassischer Viehbetrieb. Im Gemüseanbau mit Direktvermarktung sehen die beiden ihren Weg.
Ihnen war auch klar, dass die Sanierung des Wohnhauses viel Zeit und Geld in Anspruch nehmen würde. „Dass das Haus ein riesiger Kostenpunkt wird, war uns gleich klar“, sagt Peter und fügt lachend hinzu: „Unser Hof ist der wohl bestgeschützte Südtirols – er steht unter Denkmal- und Ensembleschutz und liegt im Biotop Fennberg, einer hydrologisch sensiblen Zone und Natura-2000-Gebiet.“ Mit der Sanierung haben sie im Jahr 2014 begonnen. Im kommenden Dezember – hoffen die beiden – werden sie in ihre Wohnung einziehen können. Dann erst werden sie Schritt für Schritt weitermachen. Denn der Hof ist groß, vielleicht sogar groß genug für Urlaub auf dem Bauernhof. Aber das ist Zukunftsmusik: Noch beschäftigen sich Alexandra und Peter mit vielen anderen alltäglichen Herausforderungen.
Denn der Weg ist steinig. Im wörtlichen Sinne sogar. Der Untergrund am Fennberg ist felsig, die Humusauflage eher dünn. „Auf den Boden müssen wir besonderes Augenmerk richten“, sagt Alexandra. Dazu gehören eine sinnvolle Fruchtfolge, eine gute Kompostwirtschaft und der Einsatz der biodynamischen Präparate. Zudem ist Wasser rar am Fennberg. „Auf unserem Hof gibt es zwar Quellen, aber bevor wir die Konzessionen dafür nicht haben, dürfen wir kein Wasser entnehmen“, sagt die junge Bäuerin. Das sei in trockenen Jahren ein Problem. Auch aus diesem Grund müsse man mit dem Boden besonders achtsam umgehen.

Mit Salat und Karotten gestartet
Mit dem Gemüseanbau begonnen haben sie – gemeinsam mit Adalbert – bereits im Jahr 2009. Mit einem vom Nachbarn geliehenen Gerät haben sie im Grünland einen kleinen Acker umgebrochen. Salat und Karotten waren die ersten Kulturen. Die Ernte brachten sie nach Neumarkt in den Bioladen der Mutter – als Umstellungsware. „Im Juli und August sind Blattsalate eher Mangelware auf dem Markt, weil es vielerorts zu heiß ist“, erklärt Alexandra. „Und Karotten mussten einfach sein, die gehören einfach ins Sortiment.“ Von da an ging es stetig aufwärts, wenn auch mit viel Einsatz und Geduld: „Wir haben die ersten Jahre ja alle drei noch Vollzeit gearbeitet“, erzählt die junge Bäuerin. „An den Wochenenden haben wir aber immer am Hof gearbeitet, manchmal sind wir auch nach Feierabend noch hinaufgefahren auf den Fennberg.“
Jahr um Jahr haben sie immer wieder ein Stück Weide umgebrochen, Bäume gerodet, Land urbar gemacht und neue Kulturen ausprobiert. Peter erzählt: „In den ersten Jahren haben wir sicher auch viele Fehler gemacht. Und daraus gelernt.“ Inzwischen sind sie den Kinderschuhen entwachsen, haben mit dem Jahr 2013 einen deutlichen Sprung gewagt: Mehr Fläche, mehr Kulturen und weniger Arbeit auswärts: Alexandra hat zunächst die Arbeit im Büro reduziert und letzthin ganz aufgegeben, Peter hilft bei einem Landschaftsgärtner aus, denn „das lässt sich besser mit der Arbeit am Hof vereinbaren“, und Adalbert ist inzwischen in Rente.
Gleichzeitig haben sie sich neue Absatzwege aufgetan: Neben dem Bioladen der Mutter beliefern sie nun zwei Märkte – den in Mezzolombardo und einen in Bozen. „Die laufen beide sehr gut“, erzählt Alexandra. „Obwohl wir in Mezzolombardo eher Bedenken hatten, weil da eigentlich noch viele einen eigenen Garten haben. Aber wir haben uns dort eine gute Kundschaft aufgebaut. Die kaufen oft für die ganze Woche bei uns ein. Das passt richtig gut!“ Allerdings läuft ihr Gemüse im Oktober langsam aus. Was noch fehlt, ist ein Lager, um das Erntegut länger frisch zu halten. „Das ist eines der Projekte für die kommenden Jahre“, sagt Alexandra. Der Direktverkauf hat für sie nur Vorteile: „Am Anfang mussten wir unsere Preise schon rechtfertigen. Durch den direkten Kontakt zum Kunden konnten wir unsere Argumente aber gut anbringen. Viele kamen gleich wieder und wurden zu Stammkunden. Die freuen sich immer, wenn wir im Frühling wiederkommen.“

Auch Tiere gehören dazu
Seit dem Jahr 2013 gibt es auch Tiere auf dem Hof. In dem Jahr haben sieeinen  Esel geschenkt bekommen, zwei Stuten und ein Fohlen. Die fühlten sich gleich wohl am Fennberg. Dann kam auch noch ein Hengst dazu, den sie seitdem jeden Sommer ausgeliehen kriegen. „Der deckt uns beide Stuten und hilft uns bei der Feldarbeit“, erzählt Peter. Denn Maschinen sind Mangelware am Hof Unternberg. Pflug und Egge werden vom Esel gezogen, denn „der braucht eine Beschäftigung“. Zum Glück!
Auch Schweine hat sich Peter angeschafft. Jedes Jahr kauft er zwei, die im Herbst geschlachtet werden. Für den Eigengebrauch. Peter, der aus überzeugter Tierliebe Vegetarier war, sagt: „Irgendwann wurde mir  klar, dass es viel mehr Verantwortung braucht, ein Tier respektvoll zu halten. Dann kann man es auch essen.“ Die Arbeit mit den Tieren gefällt ihm. So kommt Leben auf den Hof. Gerade ist er auf der Suche nach einer robusten Schweinerasse, die sich gut für den Hof eignet.
Letzten Herbst haben die Schweine den Erdbeeracker umbrechen dürfen. „Der war schon vier Jahre alt und braucht jetzt ein neues Feld“, sagt Peter. Die Schweine haben die alte Fläche durchwühlt und gedüngt, damit er jetzt im Frühjahr für eine andere Kultur verwendet werden kann.

„Wwoofers“ bei Arbeitsspitzen

Und Hühner sind da. Für die Eier. Denn obwohl der Hof eine Baustelle ist, leben Alexandra und Peter seit letztem Jahr durchgehend – also auch im Winter – am Hof Unternberg: Gemeinsam mit Freunden haben sie sich nämlich als Übergangslösung eine Lehmhütte gebaut, in der sie einen Herd zum Heizen und Kochen sowie Dusche und Klo haben. Davor hatten sie einen ausrangierten Wohnwagen als Schlafstelle im Sommer. Gekocht wurde draußen. Heute steht der Wohnwagen den „Wwoofers“ zur Verfügung. Diese Willing Workers on Organic Farms (Freiwillige Helfer auf Biohöfen) helfen bereits seit einigen Jahren am Hof Unternberg mit. Immer im Sommer, wenn es Arbeitsspitzen gibt: beim Pflücken der Erdbeeren zum Beispiel, beim Hacken und Ernten des Gemüses und beim Herrichten für die Märkte. „Für uns sind die Wwoofers eine Bereicherung“, sagt Alexandra. „Sie kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und bringen neue Impulse mit. Sie sind auch deshalb gut für uns, weil wir flexibel bleiben – auch sprachlich – und nicht immer von der Arbeit reden, wenn sie mit am Tisch sitzen. Sie lenken uns ab, das tut gut“, sagt sie.

Noch viele Baustellen offen
Denn es gibt noch viele Baustellen am Hof: Nicht nur das Wohnhaus, dessen Sanierung im letzten Jahr die volle Aufmerksamkeit beansprucht hat, sondern auch in der Landwirtschaft. „Die Kompostwirtschaft müsste dringend verbessert werden“, sagt Peter. „Aber dafür bräuchte ich ein Gerät. Dafür fehlt aber gerade das Geld.“
Auch im Wald gäbe es noch viel zu tun: Dort ist jahrzehntelang nichts passiert. Er ist reif. „Wir verwenden jetzt natürlich einiges an Bauholz für die Sanierung, aber da wäre noch viel Holz zu holen“, sagt Peter.
Das Gemüselager ist ein weiteres Ziel, damit die Präsenz am Markt verlängert werden kann. Nicht zuletzt ist die Wasserkonzession für den Hof zu regeln. Für die Produktionssicherheit.
Es gibt also noch jede Menge zu tun. Ob sie nie daran gezweifelt haben, dass das der richtige Weg ist? Alexandra überlegt nicht lange: „Doch, letzten Herbst, als ich im ausgehöhlten Haus stand und gesehen habe, was noch alles zu tun ist, war ich schon ziemlich fertig.“ Und in der Landwirtschaft? „Nein, nie! Das mit der Landwirtschaft hat von vorne-herein immer Sinn gemacht“, darin sind sich Alexandra und Peter voll einig …