Südtiroler Landwirt | 16.03.2017

Heumilch als zusätzliches Standbein

Vor einem Jahr wurde die Heumilch von der EU als eine garantiert traditionelle Spezialität geschützt. Auch die Südtiroler Milchwirtschaft hat das Potenzial der Heumilch längst erkannt. von Raiffeisenverband Südtirol

Die Heumilchwirtschaft gilt als die ursprünglichste Form der Milcherzeugung. Die Kühe erhalten vorwiegend Heu und Gräser, aber keine Gärfuttermittel. (Foto: Sennereiverband, Frieder Blickle)

Die Heumilchwirtschaft gilt als die ursprünglichste Form der Milcherzeugung. Die Kühe erhalten vorwiegend Heu und Gräser, aber keine Gärfuttermittel. (Foto: Sennereiverband, Frieder Blickle)

Die Südtiroler Milch – jährlich an die 385 Millionen Kilogramm – ist zur Gänze gentechnikfrei und entspricht den Kriterien des Qualitätszeichens Südtirol. Die Wirtschaftsformen der Milchbauern und die Gebiete sind aber sehr vielfältig. Daher stehen den Molkereien auch verschiedene Milchsorten zur Verfügung. Diese werden getrennt gesammelt und verarbeitet. „Die Verbraucher können somit jene Milchsorten auswählen, die den eigenen Wünschen am besten entsprechen“, sagt Annemarie Kaser, Direktorin des Sennereiverbandes. Als neue Milchsorte macht in letzter Zeit die Heumilch von sich reden. Die Heumilchproduktion ist die ursprünglichste Art der Milchherstellung – eine traditionelle Wirtschaftsweise, welche die nachhaltige Bewirtschaftung und die Artenvielfalt der Wiesen fördert.

Garantiert traditionelle Spezialität
Die Grundlagen der Heumilchproduktion sind in einer Durchführungsverordnung der EU geregelt (2016/304 vom 2. März 2016). Damit wurde die Heumilch auch in das Register der garantiert traditionellen Spezialitäten aufgenommen und als „garantiert traditionelle Spezialität“ (g. t. S.) geschützt. Nur mehr jene Milch darf als Heumilch bezeichnet werden, die nach den Vorgaben der Verordnung produziert wird. Bis März 2018 läuft eine zweijährige Übergangsphase, dann muss die Heumilch den EU-Kriterien entsprechen. „Ab dann darf nur mehr auf jenen Produkten der Begriff Heumilch aufscheinen, die einer zertifizierten Kontrolle unterliegen“, sagt Annemarie Kaser. Für Italien erwartet man bereits für die nächsten Wochen das Dekret, das die Heumilchproduktion laut EU-Verordnung regelt und die Grundlage für eine zertifizierte Produktion und für die Kontrolle der Heumilch-Bauern durch vom Landwirtschaftsministerium akkreditierte  Kontrollstellen schafft.
„Die Kontrollmechanismen und die standardisierte Kontrollprozedur, nach der die Heumilch produziert wird, bieten eine ­wichtige Garantie für alle“, sagt Joachim Reinalter, Obmann des Sennereiverbandes zur neuen g.-t.-S.-Bezeichnung der Heumilch. Bei der Bio-Heumilch muss der Hof im Unterschied zur Heumilch zusätzlich nach biologisch-ökologischen Gesichtspunkten bewirtschaftet und kontrolliert werden.

Chance mit Potenzial
Für die Südtiroler Milchwirtschaft ist die Heumilch ein weiterer Schritt hin zu Produkten mit besonderem Mehrwert für die Verbraucher. „Wir sehen in der Heumilch ein großes Potenzial und eine gute Chance, uns auf dem Markt abzuheben“, meint Reinalter. Die Heumilch biete eine Möglichkeit, um mit noch mehr Qualität der schwierigen Marktentwicklung entgegenzusteuern. Bei der Heumilchproduktion erfolgt eine naturnahe Fütterung der Kühe im Jahreslauf: frische Gräser, Kräuter, Heu und als Ergänzung Getreideschrot. Es werden keine Gärfuttermittel verfüttert wie Silofutter, Feucht- oder Gärheu. Der Einsatz von Kraftfutter ist genau geregelt und darf maximal ein Viertel der Fütterung ausmachen.
Der Raufutteranteil an der Trockenfutter-Jahresration muss hingegen mindestens 75 Prozent betragen. Raufutter ist trockenes Futter, das viele Faserstoffe enthält wie Heu, Stroh oder Spreu. Hier liegt aber auch eine der Problematiken für die Heumilch-Bauern, denn bei längeren Regenperioden gibt es Schwierigkeiten mit der Einbringung des trockenen Futters, oder es kommt bei Trockenheit zu wenig Futter zusammen. Zudem braucht Heu insgesamt größere Futterbergeräume, weil es mehr Volumen hat als Gärfutter. Hinzu kommt, dass es sehr gute Belüftungsanlagen braucht. „Die Heumilch- und Bio-Heumilchproduktion kann natürlich große Investitionen und Umbauten für Stadel und Ställe erfordern“, sagt Joachim Reinalter. „Wir hoffen daher, dass auch das Land das Potenzial für die Heumilch-Produktion erkennt, weil wir der Meinung sind: Das wird das zukünftige Standbein für die Südtiroler Berglandwirtschaft. Daher braucht es das Verständnis der Politik, dass Investitionen in diesem Bereich zukunftsabsichernd für den gesamten Bergbauernsektor sind.“

Milchhöfe bereits aktiv
Südtirols Sennereien und Milchhöfe sind in Sachen Heumilch schon längst aktiv. Beispielsweise hat die Sennerei Algund, die viele kleine Produzenten hat und immer schon silofrei produziert hat, bereits den gesamten Betrieb auf Heumilch umgestellt, die Sennerei Burgeis produziert ausschließlich Käse in Heumilch-Qualität, der Milchhof Meran hat seine Frischmilchlinie auf Heumilch umgestellt, die Käserei Sexten bietet ebenfalls Heumilch-Frischmilch und die Sennerei Drei Zinnen in Toblach zudem auch noch Heumilch-Käse.
Der Milchhof Sterzing hat mit Jahresbeginn seine gesamte Biomilch auf Bio-Heumilch umgestellt. „Die Reaktionen seitens der Konsumenten sind durchwegs positiv“, freut sich Geschäftsführer Günther Seidner. Noch heuer will man auch einige Linien der Biojoghurt-Produktion auf Bio-Heumilchqualität umstellen. Der Milchhof Sterzing bezieht heute etwa zwölf Prozent des Umsatzes aus Bioprodukten. Etwa ein Drittel der Frischmilch ist Bio-Heumilch, zwei Drittel sind noch konventionelle Frischmilch. „Diese wollen wir noch heuer auf Heumilchqualität umstellen“, sagt Seidner.
Bei der Bergmilch Südtirol/Mila hingegen ist seit Anfang März die klassische Mila Frischmilch ausschließlich als Heumilch erhältlich. „Wir verfügen jetzt über die technischen Voraussetzungen, um den Vorschriften zu entsprechen. Ausschlaggebend sind dabei unsere neuen Sammelwagen mit getrennten Pumpen und Kammern, so kann erstmals; kontrollierte und zertifizierte Heumilch getrennt von konventioneller Milch gesammelt werden“, erklärt Bergmilch-Obmann Joachim Reinalter. Er verweist darauf, dass Mila noch viele Mitglieder hat, die schon von Haus aus Heumilch produzieren, also das Potenzial vorhanden sei und sich dieses durch die Umstellung der Sammlung auch leichter schöpfen lasse. Derzeit produziert Mila an die 17 Millionen Liter Heumilch. „Wir werden in Zukunft sicher versuchen, bei unseren Mitgliedern noch mehr Heumilch und Bio-Heumilch einzusammeln, weil das einfach auf dem Markt gute Chancen mit hoher Wertschöpfung bietet“, erklärt Reinalter, der sich – sollte sich die Heumilch bewähren – auch Heumilch-Joghurt und Heumilch-Käse vorstellen kann.

Erste Heumilch-Mozzarella
Auf ein gutes Echo der Verbraucher kann indes der Milchhof Brixen Brimi verweisen, der bereits seit September 2016 Heumilch im Angebot hat. „Wir sind bei der Heumilch mittlerweile bei einem Anteil an der Frischmilch von 20 Prozent, Tendenz stark steigend“, sagt Geschäftsführer Martin Mair. „Wir planen aber nicht, dass die Heumilch die gesamte andere Milch ersetzt, sondern wir fahren mehrgleisig.“ Neben der konventionellen Milch und der Biomilch gibt es zusätzlich eben auch die Heumilch. Vor einem Monat hat Brimi als erster Milchhof in Südtirol auch eine Heumilch-Mozzarella auf den Markt gebracht. „Bei unserer Präsentation im italie­nischen Handel war das die absolute Neuheit“, sagt Mair.
Man kann davon ausgehen, dass Südtirols Sennereien und Milchhöfe in nächster Zukunft mit weiteren innovativen Produkten in Sachen Heumilch aufwarten werden.