Südtiroler Landwirt | 02.03.2017

Anliegen der Bauern ernst nehmen

Der Apfel ist für junge Leute nicht sexy genug. Das muss sich ändern, sagt Siegfried Rinner. Im Interview zeigt der Direktor des Südtiroler Bauernbundes noch andere Herausforderungen für Südtirols Obstwirtschaft auf. Er hat aber auch Lösungen anzubieten.

Der Sortenspiegel ist eines der brennendsten Themen im Südtiroler Obstbau: Es fehlen die marktfähigen Sorten in entsprechendem Ausmaß. (Foto: www.fruchthandel.de)

Der Sortenspiegel ist eines der brennendsten Themen im Südtiroler Obstbau: Es fehlen die marktfähigen Sorten in entsprechendem Ausmaß. (Foto: www.fruchthandel.de)

Südtiroler Landwirt: Südtirol hat sich über die Jahre zu einem bedeutenden Akteur auf dem Apfelmarkt entwickelt. Dieser gerät aber immer stärker unter Druck. Warum?
Siegfried Rinner: Hauptgrund dafür ist sicher der abnehmende Apfelkonsum und die relativ hohe Apfelproduktion in Europa und weltweit. Dadurch gerät der Markt außer Gleichgewicht, die Preise sinken. Nachdem Europa weiterhin etwa zwölf Mio. Tonnen Äpfel produziert, in Europa aber nur etwa acht bis neun Mio. Tonnen gegessen werden, ist auch in näherer Zukunft nicht mit Entspannung zu rechnen.

Wie stehen wir in diesem hart umkämpften Markt da?
Südtirol steht trotz aller Schwierigkeiten gut da. Wir haben eine hohe Qualität erreicht und sind durch die Genossenschaften stark am Markt präsent.

Außer den genossenschaftlichen Strukturen, welche Stärken haben wir darüber hinaus?
Die sehr hohe Qualität und – ganz wich­tig – auch in den Bereichen Beratung, Forschung und Entwicklung sind wir sehr gut aufgestellt. So können den Landwirten stets passende Lösungen angeboten werden.

Und welche Schwächen hat der Südtiroler Obstbau?
Zurzeit ist unsere größte Schwäche das Sortenspektrum: Die Bauern würden gerne umstellen. Besonders jene Anlagen mit Golden Delicious, in denen diese Sorte nicht die erwünschte Qualität bringt. Aber derzeit fehlen die zukunftsfähigen Alternativen in entsprechendem Ausmaß. Deshalb gibt es bei den Bauern momentan eine starke Verunsicherung in diesem Bereich. Das wiederum steigert den Druck auf die Vermarktungsorganisationen und auf das Sortenerneuerungskonsortium. Für sie gilt es, die Marktfähigkeit neuer Sorten wie bisher zügig einzuschätzen und entsprechende Empfehlungen zu geben.
Ich halte es nach wie vor für unbedingt notwendig, dass der Anbau über die Vermarkter organisiert wird. Sie wissen um die spezifischen Bedürfnisse der Märkte. Deshalb halte ich nichts davon, dass jeder pflanzt, was er will und dann der Genossenschaft sagt, sie habe das zu verkaufen. Und das auch noch zu einem guten Preis natürlich. Das geht sicher nicht! Es geht also auch künftig nur gemeinsam mit den Vermarktern.

Welchen Einfluss hat unsere klein strukturierte Landwirtschaft auf die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe?
Die betriebswirtschaftlichen Analysen haben ganz klar gezeigt, dass die wettbewerbsfähigsten Strukturen in einer Größenordnung von fünf bis zehn Hektar Fläche liegen. Sie stehen betriebswirtschaftlich am besten da. Betriebe zwischen zwei und vier Hektar liegen leicht darunter, während Betriebe, die kleiner als zwei Hektar sind, die schlechtesten Voraussetzungen haben: Hier sind die Kosten für Investitionen, Maschinen und Anlagen relativ hoch im Vergleich zu den Erträgen.
Diese strukturellen Nachteile können zwar etwas aufgefangen werden, indem wenig Fremdarbeitskräfte nötig sind. Oder indem der Maschinenring oder andere Kooperationen genutzt werden. Aber: Die Schwankungen innerhalb der einzelnen Betriebe sind sehr groß. Das bedeutet, dass es doch zu einem wesentlichen Teil auf die Betriebsführung ankommt. Also darauf, wie jemand seinen Betrieb im Griff hat. Es gibt sowohl bei den kleinen Betrieben sehr erfolgreiche wie auch bei den mittelgroßen und auch bei den großen.

Die Genossenschaften sind ein wichtiger Baustein in der Erfolgsgeschichte des Südtiroler Obstbaus: Was macht dieses Vermarktungssystem so erfolgreich, und wie können sie zukunftstauglich erhalten werden?
Der Erfolg liegt vor allem darin begründet, dass es uns mit den Genossenschaften gelingt, am Markt geschlossen aufzutreten: Durch die gemeinsame Lagerung und Verarbeitung können Investitionskosten minimiert werden.
Und man kann auf die entsprechenden EU-Förderungen, sprich die operationellen Programme zugreifen. Denn die Europäische Union fördert Strukturen, in denen sich die Bauern zusammentun. Die EU denkt letzthin auch darüber nach, den Produzentenorganisationen noch mehr Möglichkeiten zu geben, um sie gegenüber dem Einzelhandel schlagkräftiger zu machen. Denn der organisierte Einzelhandel konzentriert ständig mehr Ware und hat dadurch einen starken Einfluss auf den Markt.
Es geht also um nichts weniger, als eine gerechtere Verteilung der Erträge entlang der Wertschöpfungskette.

Welche Bedeutung haben Ausbildung und Beratung für den Obstbau?
Ausbildung und Beratung sind immens wichtig, werden immer wichtiger. Wie schon gesagt, sind betriebswirtschaftliche Fähigkeiten mitentscheidend dafür, wie erfolgreich ein Betrieb ist. Deshalb werden sie künftig eine noch größere Rolle spielen.
Ich glaube auch, dass wir mit unseren Qualitätsbemühungen noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sind. Hier wird es zusätzliche Bemühungen geben müs­-
sen – auch auf Produzentenseite.
Durch die Nutzung der Daten aus den Genossenschaften könnte die Beratung weiter verbessert werden: Genossenschaften haben ja alle Sortierergebnisse der einzelnen Betriebe und Parzellen. Wenn der Beratungsring diese Daten hätte, könnte er ganz spezifisch auf die jeweilige Sorte bzw. Parzelle eingehen und entsprechend beraten. So könnte die Beratungsleistung nochmals verbessert werden, weil sie exakt zugeschnitten wäre. Obwohl der Beratungsring ja heute schon exzellente Arbeit leistet und wir in diesem Bereich sicher europaweit mit an der Spitze sind.

Und in der Forschung?
Ja, da sind zwei Bereiche ganz oben in der Liste: Zum einen die Anforderungen an den Pflanzenschutz, bezogen sowohl auf altbekannte als auch neue Schadorganismen. Der Druck ist groß, den Pflanzenschutz zu minimieren und den Integ­rierten Anbau – sprich nach Agrios-Richtlinien – weiterzuentwickeln.
Und zum anderen ist die Sortenfrage ein wichtiges Thema: Die Suche nach marktfähigen Sorten gehört dazu, also Sorten, die am Markt die entsprechenden Preise erzielen. Es geht aber auch darum – und auch hier wieder mit dem Fokus der Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln – resistente bzw. sogar multiresistente Sorten zu entwickeln, die mit einem Minimum an Pflanzenschutz auskommen.
Beide Bereiche sind Zukunftsthemen. Daneben gibt es aber auch die alltäglichen Themen wie die Optimierung der Lagertechnik, die Bekämpfung der Bodenmüdigkeit und andere Dinge, die ins Forschungsprogramm der Laimburg einfließen – in enger Absprache mit den Produzentenorganisationen. Aber auch an der Automatisierung der Produktion muss gearbeitet werden, um die Produktionskosten zu senken.

Worin liegen die größten Herausforderungen für den Südtiroler Obstbau – mittel- bis langfristig?
Aus der Sicht der Landwirte ist die größte Herausforderung sicher die, aus dem Betrieb weiterhin ein ausreichendes Einkommen zu erwirtschaften. Wie erreicht man das? Durch eine weitere Verbesserung des gesamten Systems, also vom Anbau über die Vermarktung und die Kostenreduzierung im eigenen Betrieb bis hin zur Optimierung der Vermarktung durch die Genossenschaften und die Erschließung neuer Märkte.
Dazu kommen Herausforderungen wie das Reduzieren des Marktrisikos (durch das rechtzeitige Erschließen neuer Märkte), des Betriebsführungsrisikos, des Kostenrisikos (durch Kooperationen, die helfen, Kosten zu reduzieren), des Produktionsrisikos und des Sortenrisikos. Gerade letztes ist eine Riesenherausforderung, die von den Landwirten sehr stark gefühlt wird: Welche sind die Sorten, die im Anbau wenig Probleme bereiten, am Markt gut bestehen können und entsprechende Preise erzielen? Schließlich haben wir in gewisser Weise auch das gesellschaftliche Risiko: Bleibt die Akzeptanz des Obstbaus auf dem Niveau wie derzeit? Was können wir tun, um diese Akzeptanz zu erhöhen? Was können wir aber auch tun, um den Apfel als Produkt wieder attraktiv zu machen; um die Jungen dazu zu bewegen, wieder zum Apfel zu greifen? Denn es schaut so aus, als ob uns die Apfelkonsumenten ausgingen, weil die jungen Konsumenten tropische Früchte oder Schokosnacks bevorzugen. Wir müssen also etwas dazu tun, um den Apfel wieder attraktiv, sexy zu machen.

Wie ist die derzeitige Stimmung bei den Obstbauern?
Nach zwei, drei schwierigen Jahren ist die Stimmung gedämpft. Man hört überall den Wunsch, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, um aus diesem Preistief herauszukommen. In dieser Phase ist ein verstärkter Austausch der Produzenten mit den Genossenschaften, der Forschung und natürlich auch mit uns, dem Bauernbund, notwendig. Diese Sorgen müssen wir ernst nehmen. Das tun wir auch! Kurzfristig wird es schwierig werden,  das Preistief zu überwinden, aber mittelfristig muss es gelingen, Südtirol so aufzustellen, dass mittlere und kleine Betriebe wieder die Chance bekommen, entsprechende Erträge zu erzielen.