Südtiroler Landwirt, Arbeitsberatung | 02.02.2017

Wer im Glashaus sitzt …

Die Gewerkschaft AGB-CGIL will die „Voucher“-Gutscheine abschaffen. Mit diesem Vorstoß hat sie in den letzten Wochen viel Staub aufgewirbelt. Gleichzeitig wurde aber auch bekannt, dass diese Gewerkschaft selbst für 750.000 Euro jährlich jene Wertgutscheine verwendet, die sie selbst verteufelt.

Wenn es nach dem Wunsch einzelner Gewerkschaften geht, soll die Bezahlung mit „Voucher“-Gutscheinen bald nicht mehr möglich sein.

Wenn es nach dem Wunsch einzelner Gewerkschaften geht, soll die Bezahlung mit „Voucher“-Gutscheinen bald nicht mehr möglich sein.

Diese Forderung kommt von derselben Gewerkschaft, die in eigenen Positionspapieren eine Lösung für gelegentliche Arbeitsverhältnisse fordert. Die Schwestergewerkschaft Cisl verwendete im Jahr 2015 sogar Wertgutscheine im Wert von 1,5 Millio­nen Euro, schreibt der INPS/NISF-Präsident Boeri in einer Aussendung. Man hat den Eindruck, dass hier jemand gerne mit dem Finger auf andere zeigt, der selbst dieselben Instrumente nutzt.
Die Wertgutscheine wurden 2003 mit dem sogenannten Biagi-Gesetz eingeführt. Der Anwendungsbereich wurde immer wieder abgeändert – und das nicht unbedingt zum Besseren. Die letzten Änderungen wurden durch die Regierung Renzi vorgenommen, und zwar die Erhöhung der Obergrenze von 5000 auf 7000 Euro sowie letztlich die Nachvollziehbarkeit. Damit haben sich dann jene durchgesetzt, welche jedes Instrument verbürokratisieren und darin die Lösungen sehen.
Richtig ist, dass die Änderungen der letzten Jahre in einigen Sektoren zu einer liberalen Handhabung und damit zu sehr starkem Gebrauch der Wertgutscheine geführt haben. Die Wachstumsraten lagen letztlich bei über 30 Prozent. Trotzdem müssen Daten und Fakten relativiert werden. Wir sprechen von 0,23 Prozent der Lohnkosten auf nationaler Ebene. Nur rund acht Prozent jener, welche mit Wertgutscheinen beschäftigt werden, hatten vorher mit demselben Arbeitgeber ein Arbeitsverhältnis. Die Hälfte jener, die mit Wertgutscheinen gezahlt wurden, erhielten insgesamt Beträge unter 250 Euro – es handelt sich also um einen typischen Zuerwerb.
In der Landwirtschaft ist der Einsatz der Wertgutscheine subjektiv und objektiv eingegrenzt. Die Anwendungsmöglichkeit in der Landwirtschaft ist bekanntlich auf Studenten und Rentner für saisonale Arbeiten begrenzt. Eine jahrelange Forderung des Bauernbundes, innerhalb der Landwirtschaft auch jene kurzzeitig mit Wertgutscheinen beschäftigen zu können, welche z. B. als Angestellte sowieso schon pflichtversichert sind, wurde immer zurückgewiesen.

Unkomplizierte Möglichkeit in Spitzenzeiten
Mit dieser Änderung hätte man Arbeitnehmern, welche arbeiten wollen, unkompliziert die Mithilfe bei der Erntearbeit in der Landwirtschaft ermöglicht. Inzwischen beträgt der Anteil der Wertgutscheine, welche in der Landwirtschaft verwendet werden, lächerliche zwei Prozent, Tendenz sinkend. Sie werden verwendet, um Arbeitsspitzen und Unvorhergesehenes abzufedern, und nutzen den Betrieben, aber auch den Studenten und den Rentnern, die sich ein Zubrot verdienen, wenn sie wollen.
Es verwundert ebenso die Aussage der Gewerkschaftsvertreter, welche Krankenversicherung, Mutterschutz, Arbeitslosengeld, Abfertigung und mehr fordern. Wir sprechen ja von kurzfristigen, sporadischen, gelegentlichen Arbeitsverhältnissen! Wir sprechen von Studenten, von Rentnern und von jenen in anderen Sektoren, die meistens schon ein stabiles Arbeitsverhältnis haben! Zusätzliche 13 Prozent Rentenzahlungen tragen dazu bei, die Rentenpositionen aufzustocken bzw. während des Studiums erste Einzahlungen zu leisten. Die Forderung nach Mutterschutz erscheint bei einem sporadischen Arbeitsverhältnis für wenige Tage wohl überzogen. Nutzt man die Wertgutscheine für jene sporadischen, kurzfristigen Arbeitsverhältnisse, für welche sie ursprünglich gedacht sind, so stellen sie ein hilfreiches Instrument dar, welches beiden Seiten dienlich sein kann. Bürokratische Verkomplizierungen erschweren deren Einsatz und hindern diese Personen, einen Zuerwerb zu erhalten.
Wer die Abschaffung der Wertgutscheine fordert, muss sich die Frage gefallen lassen, ob das die Personen in stabile Arbeitsverhältnisse führt oder wohl eher zurück in die Schwarzarbeit. Und folglich auch die Frage, ob man damit den Menschen und der Gesellschaft einen Gefallen tut.
Die Sozialpartner sollten sich auf die Ausarbeitung von Maßnahmen konzentrieren, welche die Produktivität in diesem Staat wieder in Schwung bringt und Formalitäten verringert. Im internationalen Vergleich ist Italien seit vielen Jahren Schlusslicht und fällt immer mehr hinter die meisten europäischen Staaten zurück. Spanien beispielsweise hat die Zügel im Arbeitsmarkt gelockert. Weniger Absicherung am Arbeitsmarkt gegen Wirtschaftswachstum von drei Prozent und Reduktion der Arbeitslosigkeit – eine mutige Entscheidung. Doch es gilt: nur gesunde Betriebe überleben, sichern Arbeitsplätze, und produktive Arbeitsplätze schaffen neue. Der Arbeitsmarkt ist kein aufzuteilender Kuchen, sondern eher mit einem Ballon zu vergleichen. Darüber gilt es nachzudenken.