Südtiroler Landwirt, Produktion | 02.02.2017

Klima verändert Anforderungen

Gut Beobachten, Prognosemodelle weiterentwickeln und Regulierungsstrategien anpassen, lautet das Rezept von Michael Maixner im Umgang mit klimabedingt neuen Schadorganismen. Aber besonders eines legte er dem Publikum der diesjährigen Weinbautagung ans Herz: Keine Panik! von Renate Anna Rubner

Die Rebenkrankheit Esca ist seit Jahren auf dem Vormarsch: Die Klimaveränderung tut Ihres dazu. (Foto: Wikimedia, Karl Bauer)

Die Rebenkrankheit Esca ist seit Jahren auf dem Vormarsch: Die Klimaveränderung tut Ihres dazu. (Foto: Wikimedia, Karl Bauer)

Die Wetteraufzeichnungen beweisen es: Der Klimawandel ist spürbar. Laut Aufzeichnungen am Versuchszentrum Laimburg sind die Temperaturen seit 1980 durchschnittlich um 1,4 °C gestiegen. Und zwar in allen Jahreszeiten, besonders stark aber im Sommer.
Bei den durchschnittlichen Niederschlägen können keine so deutlichen Auswirkungen festgestellt werden: Hier gibt es keine signifikanten Veränderungen, allerdings sind starke Schwankungen festzustellen. Auch das ist typisch für den Klimawandel, wie Michael Maixner vom Julius-Kühn-Institut, Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, bei der Weinbautagung am vergangenen Freitag im Raiffeisensaal in Eppan sagte.
Auch die Strahlung nimmt dramatisch zu: So registriert man am Standort Laimburg inzwischen 500 Sonnenscheinstunden mehr als noch vor 35 Jahren. Sonnen- und Tropentage werden laufend mehr.

Austrieb zwei Wochen eher
„Die Rebe reagiert natürlich auf diese Veränderungen“, erklärte Michael Maixner. An der Sorte Riesling habe man das über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet: Am Standort Mosel konnte man so feststellen, dass der Austrieb der Rebe heute in etwa zwei Wochen eher beginnt als früher. Dasselbe gelte für die Blüte, der Abstand zwischen Austrieb und Blüte sei also gleich geblieben. Der Reifebeginn der Trauben sei heute sogar einen Monat früher, während beim Laubfall keine zeitliche Verschiebung festgestellt werden konnte. „Das bedeutet, dass wir insgesamt längere Vegetationsperio­den haben“, erklärte Michael Maixner und fügte hinzu. „Für uns in den nördlichen Anbaugebieten haben sich dadurch die Anbaubedingungen verbessert, weil Sommer und Herbst länger sind.“

Die Schattenseiten
Diese längeren Vegetationszeiten haben aber auch ihre Schattenseiten: So treten Schadorganismen heute früher auf, was Frühjahrs- und Nacherntebehandlungen sinnvoll macht. Auch gebe es Wechselwirkungen, die nicht vorhersehbar sind: So können Nützlinge durch höhere Temperaturen sowohl gefördert als auch in Mitleidenschaft gezogen werden, wie es bei Raubmilben schon beobachtet wurde.
Auch abiotische Schäden wie Spätfröste oder Hagel treten häufiger auf.  Zudem sei fest zu stellen, dass sich die Bedingungen für Pflanzenschutzmittelanwendungen ändern: Es werden mehr Behandlungstermine nötig was ein ausgeklügeltes Resistenzmanagement erfordert. Auch Aufnahme und Wirkung von Pflanzenschutzmitteln können sich durch die klimatischen Veränderungen wandeln. Was auch dazu kommt: Es werden nicht nur neue Schädlinge heimisch, es kann sich auch das Verhalten bereits bekannter Schadorganismen verändern, was die Notwendigkeit der Anpassung von Prognosemodellen mit sich bringt.

Früherer Infektionsdruck
Das sei besonders am Beispiel des Falschen Mehltaus (Peronospora) zu beobachten, wie Maixner darlegte: Die Wissenschaftler beobachten bei diesem Schadpilz ein deutliches Ansteigen des Infektionsdrucks. Und zwar werde es nicht nur frühere Primärinfektionen geben, sondern auch eine Überlagerung von Primär- und Sekundärinfektionen.

Komplexes Problem Traubenfäulen
Auch die Traubenfäulen verlangen nach einer Anpassung in der Regulation: Durch lange Trockenperioden mit anschließendem Starkregen werde eine plötzliche Stickstoffmobilisierung im Boden provoziert. Die Beeren – die früher zu reifen beginnen – platzen. Das wiederum führe zu Sekundärfäulen und zum Auftreten von Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster und Drosophila suzukii) mit den entsprechenden wohlbekannten Folgen.

Nicht immer Klimawandel schuld
In diesem Zusammenhang wies Maixner aber auch darauf hin, dass nicht alle neu auftretenden Schadorganismen dem veränderten Klima anzulasten seien: Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) sei zwar relativ neu in Mitteleuropa, aber eingeschleppt worden, vermutlich durch Importe aus Übersee. Dasselbe gelte für den Asiatischen Marienkäfer oder die Marmorierte Baumwanze. Auch die Ausbreitung des Bekreuzten Traubenwicklers dürfe vermutlich nicht den wärmeren Temperaturen zugeschrieben werden, sondern habe eher seine Ursache in der Reduktion breitenwirksamer Insektizide. „Solche Phänomene müssen differenziert beurteilt werden“, erklärte Maixner, „denn es ist nicht immer der Klimawandel am Aufkommen neuer Schädlinge schuld.“

Esca auf dem Vormarsch
Seit etwa 20 Jahren wird das Phänomen Esca verstärkt beobachtet. Es handelt sich dabei um einen Komplex verschiedener Pilzarten, die laut Maixner eines der drängendsten Probleme im Weinbau darstellen. Dies sei wohl dem Klimawandel zuzuschreiben.

Schädlinge ändern Verhalten
Auch tierische Schädlinge verändern durch die Klimaerwärmung ihr Verhalten teils merkbar: So habe man in Deutschland beim ­Einbindigen Traubenwickler seit der Jahrtausendwende beobachtet, dass dieser Weinbauschädling inzwischen beinahe jedes Jahr eine dritte Generation hervorbringt. Diese sei zwar ofn nicht ganz ausgebildet, was zunächst eine Entwicklungsverzögerung im Folgejahr bedingt, insgesamt steige aber die Gefahr durch diesen Rebenschädling.

Vektoren besonders gefährlich
Von besonderer Bedeutung sind nach Maixner Tiere, die als Vektoren (Überträger) von Viren fungieren: Wie Schild- und Schmierläuse, die nachweislich die Blattrollkrankheit der Rebe verbreiten. Oder die Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus), die die Vergilbungskrankheit der Rebe überträgt. Diese Virose habe ein hohes Schadpotenzial. Der Überträger sei zwar aus Amerika eingeschleppt worden, die Phytoplasmen, die Flavescense doré hervorrufen, waren aber schon heimisch, wie Studien inzwischen belegen.
Da Virosen nicht direkt bekämpft werden können, müssen die Vektoren unter Kontrolle gehalten werden. Bei Scaphoideus titanus hat die Sommertemperatur einen starken Einfluss auf die einzelnen Individuen und die Populationsdynamik, Fröste dagegen können der Amerikanischen Rebzikade nichts anhaben.

Xylella im Auge behalten
Hohes Gefahrenpotenzial gehe auch vom Bakterium Xylella fastidiosa aus, das durch die verherenden Schäden an Italiens Olivenbeständen traurige Berühmtheit erlangt hat. Das Bakterium wird von xylemsaugenden Zikaden übertragen und verursacht an Reben die Pierce’sche Krankheit. Es kann aber an 300 verschiedenen Wirtspflanzen Schäden hervorrufen. Derzeit steht Südtirol nicht auf der Karte der hoch gefährdeten Gebiete. Das könne sich laut Maixner aber noch ändern. Begrenzender Faktor für das Bakterium sei die Temperatur: Lange Frostperioden können zur Heilung der Pflanzen beitragen. Da es sich hier um eine Quarantänekrankheit handelt, hat die Europäische Union bereits Notmaßnahmen erlassen, um eine weitere Ausbreitung zu unterbinden. Jedenfalls wird der Erreger im Auge behalten.

Prognosemodelle weiterentwickeln
Die Beobachtung solcher und ähnlicher neuer Schadorganismen, die sich durch klimatische Veränderungen bis in unsere Breiten ausdehnen, sei das Um und Auf in einer erfolgreichen Regulierungsstrategie, wie Michael Maixner zum Abschluss seiner Ausführungen feststellte. Deshalb müssen die Prognosemodelle für Phytopathogene, Schädlinge und Vektoren ständig weiterentwickelt werden. Auch Pflanzenschutzmittel und ihre Einsatzmöglichkeiten seien den sich ändernden Bedingungen laufend anzupassen. Letztendlich sei es Aufgabe der Forschung, die Landwirtschaft für diese neuen Herausforderungen zu rüsten.
„Es kann aber jeder von uns dazu beitragen, dass Schädlinge sich nicht ungehindert ausbreiten“, erklärte Maixner: „Wir alle müssen die pflanzengesundheitlichen Regeln einhalten und unbedingt vermeiden pflanzliche Reservoirs für weitere neue Schadorganismen zu ,importieren‘.“ Zwar sei Vorsicht geboten, Panik dürfe deshalb aber nicht aufkommen, endete der Wissenschaftler seinen Vortrag.