Südtiroler Landwirt, Betriebsberatung | 19.01.2017

Vieles spricht für Weidehaltung

Wenn die Voraussetzungen passen, dann kann die Weidehaltung in der Viehwirtschaft für alle Vorteile ­bringen – für die Tiere ebenso wie für den Tierhalter und das Ansehen bei der Gesellschaft. So lautete das ­Fazit der zehnten Berglandwirtschaftstagung vergangene Woche in Brixen.

Über 500 Besucher kamen zur Berglandwirtschaftstagung ins Forum Brixen.

Über 500 Besucher kamen zur Berglandwirtschaftstagung ins Forum Brixen.

Organisiert wurde die Tagung im Forum Brixen wieder vom Beratungsring Berglandwirtschaft – BRING. Dessen Obmann Daniel Gasser blickte zu Beginn auf die zehnjährige Geschichte der Berglandwirtschaftstagung zurück. Zunächst wurde die Tagung von der Dienststelle Bergbauernberatung in Zusammenarbeit mit vielen Partnern in der Messe Bozen organisiert, seit 2014 findet sie unter der Federführung des BRING im Forum Brixen statt.
Landesrat Arnold Schuler eröffnete die Tagung und blickte auf ein aus der Sicht der Berglandwirtschaft turbulentes Jahr 2016 zurück: „Mit Genugtuung können wir feststellen, dass Südtirol die Krise am Milchmarkt gut überstanden hat. Die gute Arbeit der Sennereien und Milchhöfe sowie der hohe Veredelungsgrad haben sich bezahlt gemacht“, ist Schuler überzeugt. Weitere Schwerpunktthemen waren und sind die Gülleausbringung und die Almerschließungen. „Bei beiden Themen sind wir in der Diskussion auf einem guten Punkt, jetzt geht es um die Umsetzung“, betonte Schuler. Die Schwierigkeiten bei der Auszahlung der Betriebsprämien sollten nun behoben sein, die meisten Landesförderungen seien mittlerweile nach neuen Kriterien wieder möglich: „Grundsätzlich sollten aber nicht die Förderungen im Mittelpunkt stehen, sondern der Erlös, den die bäuerlichen Familien mit ihrer Arbeit am Hof erwirtschaften.“
EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann bot den rund 500 Teilnehmern der Tagung einen Überblick über die jüngsten Entwicklungen auf dem EU-Milchmarkt (siehe dazu auf S. 51 in dieser Ausgabe).

Natürlichste Art der Tierhaltung
Eine Reihe von namhaften Experten hatte der BRING zum Schwerpunktthema „Weidehaltung“ eingeladen. BRING-Geschäftsführer Christian Plitzner führte als Moderator durch den Vormittag und verwies auf die traditionelle große Bedeutung der Weidehaltung in Südtirol: „Sie ist die Grundlage für unsere Kulturlandschaft und damit auch für den Tourismus in unserem Land. Bei den Kleintierzüchtern ist sie nach wie vor sehr weit verbreitet, in der Milchviehhaltung mittlerweile nicht mehr. Dabei ist sie nach wie vor die natürlichste Art der Tierhaltung.“
Auf die vielen Vorteile der Weidehaltung ging Andreas Steinwidder von der Forschungsanstalt Raumberg-Gumpenstein in seinem Referat ein: „Die Weidehaltung birgt ein hohes Potenzial in sich – sofern sie zur Region und zum Betrieb passt.
Gut umgesetzte Weidehaltung hilft, Kosten, Kraftfutter und Arbeit zu sparen, bringt eine hohe Produktqualität und gesunde Rinder und nicht zuletzt Vorteile am Markt und eine größere Akzeptanz bei der Gesellschaft.“

Weidehaltung muss zum Umfeld passen
Dennoch gilt es, auch bei der Weidehaltung einige wesentliche Punkte zu beachten: Die Wahl der richtigen Strategie – auf der breiten Palette zwischen der im Berggebiet geläufigen Stundenweide und der beispielsweise in Neuseeland praktizierten Vollweidehaltung – ist nur einer davon. „Eine Vollweidehaltung ist nur dann wirtschaftlich, wenn sie gesamtbetrieblich konsequent umgesetzt wird. Außerdem muss sie zum Hof, zur Familie und auch zum Marktumfeld passen“, unterstrich Steinwidder.

Den passenden Kuhtyp für die Weidehaltung finden
Die Frage, welcher Kuhtyp am besten zur Weidehaltung passt, beantwortete Werner J. Zollitsch von der BOKU Wien: „Es geht um eine Grundsatzentscheidung: Je weiter ein Betrieb in Richtung Weidehaltung geht, umso wichtiger werden für ihn Fitnessmerkmale der Tiere, und die Bedeutung der Milchleistung geht zurück.“
Stoffwechselstabile Kühe mit geringerer Masse und einer mittleren Milchleistung bis ca. 7000 Kilogramm seien gut für die Weide geeignet. „Dabei geht es nicht so sehr darum, eine bestimmte Rinderrasse zu wählen, sondern in der bestehenden Herde jene Kühe herauszufiltern, die eher diesem kleinrahmigen Typ entsprechen“, betonte Zollitsch.
Resistenzproblem bei Parasiten
Um ein unangenehmes, aber umso brisanteres Thema ging es im Vortrag von Hubertus Hertzberg von der Universität Zürich: Der Parasitenbefall ist ein Punkt, der bei der Weidehaltung besonders zu beachten ist. Zu den verbreitetsten Parasiten zählen die Magen-Darm-Rundwürmer, die Lungenwürmer und die großen Leberegel.
Die beiden Letzteren sind vor allem im Spätsommer und Herbst eine Gefahr, Erstere kommen flächendeckend vor und können sehr lange auf der Weide überleben. „Das größte Problem ist die ständig steigende Resistenz der Parasiten gegen die Medikamente, die uns zur Verfügung stehen. Die Ursache dafür liegt vor allem im falschen Einsatz der Medikamente“, warnte Hertzberg.

Geringere Kosten bei Weidehaltung
Pius Hofstetter vom Berufsbildungszentrum Natur und Ernährung im Schweizer Kanton Luzern stellte eine Untersuchung vor, bei der Herden mit Stallhaltung mit solchen in Weidehaltung verglichen wurden. Für die Weidehaltung spreche unter anderem, dass die Kosten für Pflanzenbau, Arbeit und Maschinen wesentlich geringer und damit der Erlös höher seien. Auch schneide die Weidehaltung besser ab, wenn man berücksichtigt, wie viel Lebensmittel mit der in die Herde investierten Energie produziert werden können. Nachteile der Weidehaltung seien die geringere Milchleistung und der zum Teil wechselhafte Verlauf bei den Inhaltsstoffen der Milch.

Bericht aus der Praxis
Den Abschluss der Tagung bildete der Bericht eines Bauern, der seit Jahren erfolgreich Weidehaltung betreibt. Paul Peter Mutschlechner aus Toblach betreibt seit zehn Jahren Kurzrasenweide. Von den 16 Hektar Grünland seines Hofes wird etwa die Hälfte beweidet. „Die Weidewirtschaft ist eine sehr gute Möglichkeit, mit wenig Aufwand Gras in Milch – und damit Einkommen – zu verwandeln. Vor allem aber ist sie die beste Möglichkeit, um das Image der Landwirtschaft in der Gesellschaft zu verbessern“, erklärte Mutschlechner.


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Bildergalerie auf Facebook
Auf unserer Facebook-Seite gibt es eine Bildergalerie mit Eindrücken von der zehnten Berglandwirtschaftstagung in Brixen. Zu finden ist sie unter http://bit.ly/blw-tagung17