Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 19.01.2017

Bio-Zuversicht mit Vorbehalt

Bio-Äpfel aus Südtirol haben Zukunft. Allerdings wachsen auch auf diesem Markt die Bäume nicht in den Himmel. Dies ist eine der zentralen Botschaften von der 64. Obstbautagung vergangene Woche in Meran. Insgesamt wissen Südtirols Obstbauern: Sie stehen vor vielen Herausforderungen. von Guido Steinegger

Die Installation der Fachschule Laimburg zeigte auf zwei Seiten einer Apfelscheibe die Welt der alten und (im Bild) der neuen Apfelsorten.

Die Installation der Fachschule Laimburg zeigte auf zwei Seiten einer Apfelscheibe die Welt der alten und (im Bild) der neuen Apfelsorten.

Als Südtirols Bio-Vermarktungsexperten Gerhard Eberhöfer und Werner Castiglioni am späten Vormittag im Kurhaus von Meran ihren Vortrag begannen, hatten die Besucher der Obstbautagung bereits viele Informationen über Südtirols Apfelwelt zu verdauen.

Mutig sein bei Sortensuche
Sie wussten bereits, dass eine der großen Herausforderungen in der Sortenfrage liegt. Stefan Pircher, als Obmann des Absolventenvereins Landwirtschaftlicher Schulen (ALS) der Gastgeber der Veranstaltung, äußerte die Hoffnung, dass die Inhaber der Clubsorten trotz all ihrer Markenschutz-Überlegungen mehr Flächen in Südtirol zulassen.
Wie Pircher sieht auch Landwirtschafts-Landesrat Arnold Schuler den „schwierigen Zugang zu Konsumenten und neuen internationalen Märkten“ als eine der großen Herausforderungen. „Hier müssen wir bei der Sorteninnovation den Mut haben, in der Zucht auf eigene Pferde zu setzen,“ sagte Schuler und sieht die Reorganisation des Versuchszentrums Laimburg als wertvollen Beitrag.
Für „sinnlos“ hingegen hält er die italienische Regelung der Null-Toleranz bei Rückstandswerten, „weil durch die neuen Messmethoden auch minimale,völlig ungefährliche Rückstände gefunden werden.“ Ziel sei es, den Anbau immer ökologischer zu machen, „aber gänzlich ohne Rückstände werden wir nie produzieren können.“
Insgesamt zog Schuler mit Blick auf eine gelungene Schau-Installation der Schüler aus der Fachschule Laimburg (s. Bild oben) im Meraner Kurhaus eine positive Bilanz: „Die Apfelwelt dreht sich schnell weiter. Aber Südtirols Obstwirtschaft ist gut aufgestellt und wird dank ihrer Vernetzung die Herausforderungen der Zukunft gut meistern!“
Gehört hatten die Tagungsteilnehmer auch Andrew Wallace, dem Außenhandel-Verantwortlichen des Unternehmens San Clemente aus Chile. Er erklärte, wie dieses entlegene südamerikanische Land mit Verlässlichkeit, Vielfalt verschiedener Obstarten und mit einer langen Vegetationsphase durch verschiedene Klimazonen einen wesentlichen Platz am weltweiten Obstmarkt eingenommen hat.
Ebenso hatten sie von Marc Leprince, dem Europäischen Programm-Manager des neuseeländischen Unternehmens T§G, gehört, wie dieser Obstvermarktungsriese die Flächen für seine Clubsorten den Bauern zuteilt. Er lobte Südtirol für sein Klima und die guten Voraussetzungen durch verlässliche Partner und erfolgreiche Vermarktungsstrukturen.
Dennoch interessierte die Tagungsteilnehmer kurz vor der Mittagspause vor allem der Vortrag „Wieviel Bio verträgt der Markt?“. Viele Apfelbauern liebäugeln derzeit mit einer Umstellung auf ökologischen Anbau, auch wegen des aktuell guten Auszahlungspreises. Das allein aber darf auf keinen Fall das entscheidende Argument sein, warnten Gerhard Eberhöfer, Verkaufsleiter Bio beim Vi.P, und Werner Castiglioni, Geschäftsführer der OG Bio Südtirol. Sie bemühten sich um eine realistische Einschätzung der Aussichten am internationalen Bio-Apfelmarkt.

5–10 % Zuwachs bei Bio realistisch
Ihr Fazit: Der Absatz für Bio wird weiter wachsen. Aus Südtiroler Sicht halten sie „eine Wachstumsprognose von fünf bis zehn Prozent pro Jahr für vernünftig“. Denn der internationale Biomarkt ist derzeit noch unterversorgt. Der Anteil an Bio-Ware am Gesamtkonsum ist in der EU von zwölf Prozent im Jahr 2005 auf 25 Prozent in 2014 gestiegen. Das durchschnittliche Wachstum in der EU liegt derzeit  bei 7,4 Prozent pro Jahr.
Doch sie warnten davor, in Euophorie zu verfallen: „Das derzeit sehr hohe Niveau bei den Auszahlungspreisen kann mittel- und langfristig wohl nicht gehalten werden.“ Bauern in vielen europäischen Gebieten – z.B. Piemont, Österreich, Norddeutschland und Frankreich – stellen derzeit um und werden schon bald massiv auf den Markt drängen. Eberhöfer und Castiglioni warnten umstellungswillige Bauern daher, „einfach nur mit den derzeitigen Preisen zu rechnen“ Nach wie vor gelte: „Auf biologische Produktion stellt man nicht wegen des Geldes um, sondern weil man fest von Bio überzeugt ist!“
Verabschieden sollten sich die Produzenten auch von der alten Irrmeinung, dass sich Bio-Ware mit geringer Qualität locker verkaufe: „Der Konsument ist wählerisch. Bieten wir ihm nicht höchste Qualität, wechselt er sofort zu konventioneller Ware.“ Hier habe Südtirol gegenüber anderen Regionen klare Vorteile, wobei die Bio-Obstwirtschaft von der generell gut aufgestellten und vernetzten Südtiroler Obstwirtschaft profitiert. Insofern halten Eberhöfer und Castiglioni den Südtiroler Bio-Apfel für eine „Erfolgsgeschichte“. Bis heute habe die Bio-Anbaufläche 1650 Hektar erreicht, das sind knapp zehn Prozent der gesamten Apfelanbaufläche. Dabei liegt der Vinschgau mit 15,6 Prozent der weit vor dem restlichen Anbaugebiet (6,2 Prozent).

Zwei Extrem-Szenarien für Bio
Möglich – allerdings eher unwahrscheinlich  – seien auch zwei weitere Szenarien: Erstens könne es auch ein wesentlich stärkeres Wachstum geben. Aber nur, wenn tatsächlich alle positiven Faktoren eintreten, z.B. die gesetzlichen Voraussetzungen auf EU und italienischer Ebene. Wichtig wäre der erleichterte Verkauf von losem Bio-Obst im Lebensmittel-einzelhandel, aber auch eine kleine Toleranzgrenze bei den Rückstandswerten.
„Weiters müssen wir den Lebensmitteleinzelhandel überzeugen, Bio-Ware sichtbarer und auf mehr Fläche zu platzieren.“ Internationale Beispiele zeigen, dass dies für beide Seiten erfolgreich funktionieren kann.
Als zweites Szenario ist auch ein wesentlich schwächeres Wachstum der Bio-Nachfrage denkbar, z.B. wenn Skandale die Glaubwürdigkeit des biologischen Anbaus untergraben, wenn neue Schädlinge auftauchen oder wenn andere Produktionsweisen in punkto rückstandfreier und naturnaher Produktion so stark aufholen, dass der Konsument keinen Grund mehr sieht, zur Bio-Ware zu greifen.
Am Nachmittag konnten die Tagungsteilnehmer dann noch Fachvorträge zur ­Lagertechnologie, der Forschung gegen den Besenwuchs und der bedarfsorientierten Bewässerung folgen.