Südtiroler Landwirt, Produktion | 22.12.2016

„Wir sind Berater, keine Missionare“

Seit Anfang September arbeitet Irene Holzmann als Beraterin für biologische Landwirtschaft beim Beratungsring für die Berglandwirtschaft BRING. Der „Südtiroler Landwirt“ hat sich mit ihr über ihren Aufgabenbereich sowie die Chancen und Schwierigkeiten für Bio im Berggebiet unterhalten.

„Südtiroler Landwirt“: Frau Holzmann, Sie sind noch ein recht neues Gesicht beim BRING. Wie sieht ihr genauer Aufgabenbereich aus, und was haben Sie gemacht, bevor Sie zum BRING kamen?
Irene Holzmann: Ich bin Ansprechpartnerin für alle Bauern im Berggebiet, die sich über die biologische Wirtschaftsweise informieren möchten. Ich kläre sie über die verschiedenen EU-Gesetze und Richtlinien auf, die zu berücksichtigen sind, und erkläre ihnen, was im jeweils konkreten Fall zu tun wäre, um den Betrieb auf Bio umzustellen. Dabei geht es um stallbauliche Maßnahmen ebenso wie Umstellungszeiten, konforme Tierhaltung und biologische Fütterung. Ich biete für alle Betriebe im Berggebiet die Umstellungsberatung und die Beratung zu Richtlinien und Regelungen. Produktionstechnisch gehe ich vor allem in Richtung Gemüse und Beerenobst.
Da zuletzt auch das Thema Heumilch in Südtirol immer wichtiger wird, werde ich interessierte Landwirte auch dazu beraten.
Vor meiner Zeit beim BRING habe ich in Bozen und Padua Agrarwissenschaften studiert, für eine private Kontrollstelle Biokontrollen gemacht und an der Fachoberschule für Landwirtschaft in Auer unterrichtet.

Welche Erfahrungen haben Sie in den ersten Monaten beim BRING gemacht? Wie groß ist das Interesse der Südtiroler Bergbauern an der biologischen Landwirtschaft?
Das Interesse ist durchaus vorhanden, das zeigen auch die Anfragen, die mich in diesen ersten Monaten erreicht haben. Viele Bauern denken schon länger über eine Umstellung nach, nun haben sie einen Ansprechpartner, der sie sachlich und neutral über die biologische Wirtschaftsweise berät.

Worauf muss sich ein Bauer einstellen, der seinen Betrieb auf Bio umstellen möchte? Sind die Hindernisse dafür groß?
Grundsätzlich ist es so, dass viele Bergbauern in Südtirol in ihrer Arbeitsweise schon nahe an Bio dran sind. Der Sprung von der konventionellen zur biologischen Wirtschaftsweise ist im Berggebiet sicher kleiner als in anderen Sektoren.
Zunächst einmal muss der Landwirt natürlich die nötige Überzeugung und Einstellung zur biologischen Wirtschaftsweise mitbringen. Eine grundlegende – gegebenenfalls meist auch die kostspieligste – Frage ist, ob der Stall in Ordnung ist. Dann geht es um Themen wie Auslauf und Weide, die zu klären sind. Da sich in Südtirol viele Höfe in Steillagen befinden, ist es oft schwierig, den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden.
Bei der Fütterung ändert sich im Grunde nur die Art des Kraftfutters, und die tierärztliche Behandlung ist teilweise eingeschränkt.

Was die meisten Bauern von einer Umstellung auf Bio abschreckt, sind die Kontrollen. Wie versuchen Sie, den Bauern hier die Angst zu nehmen?
Es gibt bei Biobetrieben eine routinemäßige Kontrolle pro Jahr, die frühzeitig angemeldet wird. Nur wenn der Verdacht besteht, dass an einem Betrieb etwas nicht in Ordnung ist, kann es zu weiteren unangemeldeten Kontrollen kommen.
Wer bei der Umstellung darauf achtet, dass der Betrieb die Auflagen erfüllt, muss sich vor den regelmäßigen Kontrollen nicht fürchten. Es ist ja unsere Aufgabe als BRING, den Bauern genau zu erklären, was sie beachten müssen, damit die Kontrollen eben kein Problem, sondern Routine werden.

Nehmen wir an, ein von ihnen betreuter Bauer stellt auf Bio um. Gehen Sie in einem solchen Fall auch aktiv auf benachbarte Bauern zu und versuchen diese zum Umstieg zu bewegen, damit zum Beispiel eine getrennte Milchsammlung möglich ist?
Auf keinen Fall, das ist auch gar nicht unsere Aufgabe! Wir sind Berater, keine Missionare! Unser Auftrag ist es, den Bauern alle notwendigen Informationen zu geben. Den Entschluss, die Produktionsweise auf Bio umzustellen, muss und kann nur jeder Bauer selbst treffen.
Es ist auch keineswegs so, dass von jemandem, der unsere Beratung in Anspruch nimmt, automatisch erwartet wird, dass er umsteigt. Wenn ein Bauer anhand unserer Informatio­nen zum Entschluss kommt, dass Bio nichts für seinen Betrieb ist, dann steht es ihm natürlich frei, weiterhin konventionell zu arbeiten.

Wie schätzen Sie allgemein die Chancen für die biologische Wirtschaftsweise im Berggebiet ein?
Herkunft, Qualität sowie umweltbewusste Produktion von Lebensmitteln werden immer wichtiger, das ist ein internationaler Trend, der seit Jahren anhält und das auch noch weiterhin tun wird.
Dementsprechend ist der Markt für biologische Lebensmittel nach wie vor vorhanden, die Nachfrage übersteigt bei Weitem das Angebot.
Ich sehe die biologische Wirtschaftsweise als mögliche zusätzliche Aufwertung für die Südtiroler Berglandwirtschaft. Wie sich dieser Bereich in Südtirol weiterentwickelt, hängt aber von vielen Faktoren – nicht zuletzt auch von der Strategie der Vermarktungsgenossenschaften – ab.

Interview: Bernhard Christanell