Südtiroler Landwirt | 22.12.2016

Gott kommt ganz leise

Was ist das Besondere an Weihnachten? Warum bewegt uns die Geschichte von Gott, der als kleines Kind in die Welt kam, jedes Jahr aufs Neue? Pater Peter Unterhofer, der Dekan von Lana, hat sich für unsere Leser Gedanken dazu gemacht. von P. Peter Unterhofer

Nicht mit großem Prunk kommt Gott in die Welt, sondern still und leise – als Kind. Das ist die wunderbare Botschaft von Weihnachten.

Nicht mit großem Prunk kommt Gott in die Welt, sondern still und leise – als Kind. Das ist die wunderbare Botschaft von Weihnachten.

Jedes Jahr feiern wir Weihnachten, das Hochfest der Geburt Jesu Christi. Immer wieder neu wird uns die Botschaft verkündet, dass in Jesus Christus Gott Mensch geworden ist, dass Er uns nahegekommen ist und uns als Mensch auf Augenhöhe begegnet.
Immer neu sind wir eingeladen, uns in der Adventszeit für diese Botschaft zu öffnen, diese Botschaft zu glauben und zu feiern, sie aber auch für unser Leben und für die Welt zu entdecken. Beim Bedenken und Feiern dieser Botschaft wird mir immer wieder bewusst, wie unscheinbar und unauffällig Gott Mensch wird und dass es die Offenheit des Herzens und des Glaubens braucht, Gottes Kommen und seine Nähe zu erfahren.
Das unauffällige und leise Kommen Gottes zu uns Menschen, aber auch die Offenheit des Herzens werden in folgender Legende aus Russland für mich ganz eindrucksvoll deutlich gemacht.

Schuster Konrad erwartet den lieben Gott
An diesem Morgen war der Schuster Konrad schon sehr früh aufgestanden, hatte seine Werkstatt aufgeräumt, den Ofen angezündet und den Tisch gedeckt. Heute wollte er nicht arbeiten, denn er erwartete einen hohen Gast. Den höchsten, den man sich denken kann. Er erwartete Gott selbst. In der vorigen Nacht hatte Gott ihn im Traum wissen lassen, dass er ihn besuchen werde.
Nun saß Konrad in der warmen Stube und wartete. Sein Herz war voller Freude. Da hörte er von draußen Schritte, und schon klopfte es an der Tür. Da ist er, dachte Konrad, sprang auf und riss die Tür auf. Aber es war nur der Briefträger, der vor Kälte ganz blau gefrorene Finger hatte. Konrad ließ ihn herein, gab ihm eine Tasse Tee und ließ ihn sich aufwärmen. „Danke“, sagte der Briefträger, „das hat gutgetan.“ Und er stampfte wieder in die Kälte hinaus.
Konrad räumte schnell das Geschirr ab und stellte saubere Tassen auf den Tisch. Dann setzte er sich wieder ans Fenster und wartete. Es wurde Mittag, aber von Gott war nichts zu sehen. Da erblickte er einen kleinen Jungen, dem die Tränen über die Wangen liefen. Konrad rief ihn zu sich. Das Kind hatte im Gedränge der Stadt seine Mutter verloren und fand nun nicht allein nach Hause. Konrad schrieb auf einen Zettel: „Bitte warte auf mich. Ich bin gleich zurück“, und legte ihn auf den Tisch. Beim Hinausgehen ließ er die Tür einen Spalt offen, nahm den Jungen an die Hand und brachte ihn heim.
Der Weg war weiter, als er gedacht hatte. Es wurde dunkel, als er wieder zurückkam. Schon aus der Ferne sah er, dass jemand in seinem Zimmer am Fenster stand. Er erschrak, aber dann klopfte sein Herz vor Freude: Nun war Gott zu ihm gekommen. Doch dann erkannte er die Frau. Sie lebte allein mit ihrem Sohn im gleichen Haus. Sie sah müde und traurig aus. Sie hatte seit drei Tagen nicht geschlafen. Ihr Sohn Petja war krank, und das Fieber stieg immer höher. Die Frau tat Konrad leid. Er ging mit ihr, und gemeinsam wickelten sie Petja in feuchte Tücher. Konrad wachte am Bett des Kindes, während die Frau sich etwas ausruhte. Es war schon weit nach Mitternacht, als er endlich wieder in sein Zimmer zurückkehrte.
Müde und enttäuscht legte er sich schlafen. Der Tag war vorüber. Gott war nicht gekommen. Da hörte er eine Stimme. „Danke, dass ich mich bei dir aufwärmen durfte. Danke, dass du mir den Weg nach Hause gezeigt hast. Danke für den Trost und deine Hilfe. Ich danke dir, Konrad, dass ich bei dir sein durfte.“

Offen für die Ankunft Gottes sein
Ob wir nun wirklich davon träumen, dass Gott uns besuchen kommt oder nicht, im Glauben sind wir offen für Gottes Kommen in unser Leben und für die Begegnung mit ihm. Das geschieht in unterschiedlicher Weise und wohl meist auch ganz leise.
Wenn wir auf Gottes Kraft vertrauen und uns im Gebet an Gott wenden, wenn wir miteinander den Glauben und die Feste des Glaubens feiern und vor allem auch wenn wir in Liebe miteinander und füreinander leben und offen sind für die Menschen, die uns begegnen und unsere Hilfe brauchen. Überall dort kommt Gott ins Spiel und leuchtet seine Liebe in menschlichen Gesichtern auf.

Gott kommt auf vielfältige Weise
Die Bereitschaft und Offenheit des Schusters Konrad brauchen wir auch heute dringender denn je, denn Gott will auch heute das Reich seiner Liebe unter uns verwirklichen, unter uns wohnen und ein „IMMANUEL“, ein „Gott mit uns“ sein. Gott kommt auch heute zu uns in das Haus unseres Lebens und unserer Welt: In den vielen Notleidenden und Hilfsbedürftigen verschiedener Art klopft Gott auch heute an unsere Türen, in den Flüchtlingen und Arbeitslosen, in den Kranken und Leidenden, in den von Trauer und Enttäuschung Bedrückten, in den Kindern und Jugendlichen, die Geduld, aber auch Zeit und Zuwendung brauchen, in denen, die Rat und Orientierung suchen.
Wie Maria und Josef Herberge suchten, damit Gott in Jesus Christus Platz findet, so suchen immer wieder Menschen Herberge, damit die Liebe Platz findet unter uns. „Wo die Güte und die Liebe wohnt, dort nur wohnt der Herr“ heißt es in einem Liedvers. Wo wir der Liebe Raum geben in uns, in unseren Worten und Taten, in unserem Leben und Sein, wird Gottes Liebe immer wieder neu Mensch – und meist ganz leise.
Wo wir in Liebe und mit der Offenheit des Herzens anderen Menschen begegnen, begegnet uns Gott in Jesus Christus, der gesagt hat: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
So gilt es, Weihnachten zu leben und nicht nur zu feiern! Nicht nur diese Nacht und den Tag, der von der Nacht den Namen hat, zu „weihen“, zu heiligen, sondern alle Tage unseres Lebens zu heiligen, mit Heil, mit Güte und Liebe zu erfüllen, damit Gottes Liebe auch durch unsere Liebe ein menschliches Gesicht bekommt.

WEIHNACHTEN

Wo ist Betlehem?
Gott kam in die Welt:
Einfach, arm, menschlich,
hilflos, schwach und klein.
Sucht ihn! Macht euch auf den Weg!
Sucht ihn nicht über den Sternen,
nicht in den Schaufenstern,
nicht unter Bergen von Geschenken.
Sucht ihn in BETLEHEM.

Wo aber ist Betlehem?

Betlehem ist dort, wo Menschen arm und verloren sind.
Betlehem ist dort, wo Menschen hungern und frieren, wo sie krank und einsam sind.
Betlehem ist dort, wo Menschen traurig sind und in Schuld leben.
Betlehem ist dort, wo wir Streit beenden und Frieden schließen.
Betlehem ist dort, wo wir die lieben, die uns wehgetan haben.
Betlehem ist dort, wo wir die Wahrheit sagen.
Betlehem ist dort, wo wir Beleidigungen vergessen, wo wir verzeihen.
Betlehem ist dort, wo wir den anderen das Leid tragen helfen.
Betlehem ist überall.
Betlehem ist hier und jetzt.
Betlehem ist jederzeit.