Südtiroler Landwirt, Produktion | 09.12.2016

Noch mehr Flexibilität gefragt

Der Apfelmarkt ist hart umkämpft. Entsprechend hoch sind die Herausforderungen, die auf Bauern und Vermarkter zukommen. VOG und VI.P geben sich aber kämpferisch: Mit Top-Qualität und neuen Sorten will man sich abheben und der Konkurrenz trotzen. von Renate Anna Rubner

Die Apfelernte ist in den Lagern, die neue Vermarktungssaison angelaufen: Die Sorte Gala besticht heuer durch besondere Qualität.

Die Apfelernte ist in den Lagern, die neue Vermarktungssaison angelaufen: Die Sorte Gala besticht heuer durch besondere Qualität.

Südtirols Apfelernte 2016 liegt nun in den Lagern: Die neue Vermarktungssaison hat begonnen. Ein guter Zeitpunkt, um mit den beiden Direktoren Gerhard Dichgans vom Verband der Obstgenossenschaften (VOG) und Josef Wielander von den Vinschgauer Produzenten (VI.P) das Geschäftsjahr abzuschließen und einen Ausblick in die zukünftigen Entwicklungen zu wagen.

Südtiroler Landwirt: Die Vermarktungssaison 2015/16 für Äpfel war nicht einfach. Wie wirkte sich das auf die Auszahlungspreise für die Bauern aus?
Gerhard Dichgans: Die Mehrzahl der Vollversammlungen unserer Mitgliedsgenossenschaften sind bereits abgehalten, natürlich haben die dort vorgelegte Endabrechnung und die  Auszahlungsergebnisse enttäuscht: Die Ernte 2015 lag mengenmäßig rund zehn Prozent unter jener des Jahres davor (2014) und war hinsichtlich Qualität und vor allem Haltbarkeit der angelieferten Früchte enttäuschend.  
Die Verkaufserlöse lagen zwar, wenn ich nur das klassische Sortiment betrachte, einige Cent über jenen des Vorjahres, die konnten die Mindermenge und die geringere Ausbeute aber leider nicht kompensieren.
Josef Wielander: Ich denke, wir können alles in allem zufrieden sein, sind doch die Kosten etwas niedriger ausgefallen als befürchtet und die Erlöse doch etwas  höher als ursprünglich angenommen. Nun gilt es aber, das Rad in Schwung zu halten und vor allem unsere Kunden und Konsumenten auch im laufenden/kommenden Jahr nicht zu enttäuschen.

Gibt es Sorten, die sich schwerer/mit schlechteren Preisen vermarkten ließen als andere?
Gerhard Dichgans: Am meisten gelitten hat unsere Hauptsorte Golden Delicious. Der knallharte Verdrängungswettbewerb und eine Vollernte dieser Sorte im Alpenraum hat dazu geführt, dass sich die Verkaufspreise gegenüber dem bereits schwachen Vorjahr 2014 gar nicht erholen konnten.
Josef Wielander: Es ist richtig, dass ein höherer bzw. tieferer Flächenerlös  auch sortenbezogen ist, aber mindestens genau so ausschlaggebend ist die Qualität der einzelnen Sorten! Deshalb war und ist für uns die Sorte mit der richtigen Qualität das ausschlaggebende Kriterium im Preisgefüge, da das eine ohne dem anderen nicht das gewünschte Resultat bringen kann.

Die Ernte 2016 ist jetzt in den Lagern. Welche Mengen wurden nun definitiv geerntet?
Gerhard Dichgans: Für den VOG liegen nun die definitiven Zahlen 2016 vor: angelieferte Tafelware +1 Prozent gegenüber 2015. Für Fuji ist die Ernte leider mit –22 Prozent sehr schlecht gelaufen. Nach zwei Rekordernten fährt Granny Smith  mit –12 Prozent wieder eine Normalernte ein. Bei den anderen Hauptsorten erreichen  Gala und Red Delicious in etwa das Vorjahresniveau. Golden liegt mit +5 Prozent und Braeburn mit +10 Prozent über der Erntemenge des Jahres davor. Alle Clubsorten erzielen – nach einem schwachen Jahr 2015 – wieder eine Vollernte.
In der Summe rechnen wir mit angelieferter Tafelware – inklusive Bio-Äpfeln – von knapp 695.000 Tonnen.
Josef Wielander: Wir im Einzugsgebiet der VI.P haben heuer aufgrund der aufgetretenen Frühjahrsfröste runde 20 Prozent weniger geerntet als im Durchschnitt der letzten Jahre.

Welche Qualität hat die diesjährige Ernte? Gibt es Sorten, die besonders positiv oder negativ hervorstechen?
Gerhard Dichgans: Wir sind mit der Qualität unser heurigen Ernte wieder sehr zufrieden: Vor allem der Royal Gala war zur Ernte gut ausgefärbt und erreicht auch in Bezug auf Lagerfähigkeit und Haltbarkeit die sprichwörtliche „Südtiroler Qualität“. So können wir wieder einen normalen Vermarktungszeitraum bis Ende März, Anfang April einplanen. Und wir freuen uns, dass die Kunden nach nicht wenigen Enttäuschungen im letzten Jahr wieder das volle Vertrauen in unsere Äpfel setzen ...
Am meisten gelitten hat wohl der Fuji, der im kühlen und nassen Herbstwetter geerntet werden musste, sodass der letzte Pflückgang nicht optimal ausfärben konnte.
Aber im Großen und Ganzen können sich die Bauern über einen gelungenen „Jahrgang 2016“ freuen.
Josef Wielander: Unterm Strich sind wir – abgesehen von etwas Berostung bei der Sorte Golden Delicious und einem etwas höheren Anteil an kleineren Früchten – quer durch alle Sorten trotz der bereits erwähnten Frühlingsfröste mit einem blauen Auge davongekommen.

Wie ist die neue Vermarktungssaison angelaufen?
Gerhard Dichgans: Nach einem sehr guten Verkaufsstart der Sorte Gala mit Ende August und einem sehr schwachen September haben Oktober und November unsere Verkäufe wieder auf das geplante Verkaufsvolumen gebracht.
Die durchschnittlichen Verkaufspreise liegen auf dem Niveau des Vorjahres, eine weitere Erholung des Marktes und eine Stabilisierung der Preise in den kommenden Monaten – angefangen bei Gala – scheint möglich.
Josef Wielander: Wir spüren derzeit eine etwas verhaltene Stimmung, weil niemand so richtig einzuschätzen vermag, wie die auf uns zukommende Saison wird: Da haben wir einerseits die polnische Rekordernte und andererseits die etwas mäßige äußere Qualität unserer eigenen Ware. Das heißt konkret, dass wir nicht nur den vollen Einsatz aller unserer Kräfte brauchen, sondern auch alle Märkte, damit wir Angebot und Nachfrage im Einklang halten können. Und zwar trotz unserer geringeren Mengen.

Welche Märkte sind derzeit besonders aufnahmewillig und welche weniger?
Gerhard Dichgans: Gut laufen Italien und Deutschland. Sie beide liegen im Trend der letzten Jahre. Enttäuscht hat bis jetzt der skandinavische Markt, der bisher mit der eigenen Vollernte beschäftigt war, aber in den kommenden Wochen wieder auf Importware zugreifen muss.
Enttäuscht haben auch Nordafrika und Ägypten, die in den letzten Jahren wichtige Säulen unserer Exporte waren. Dafür haben sich aber die Märkte Spanien, Nahost und Übersee ständig weiterentwickelt und haben die Defizite im Maghreb zum großen Teil auffangen können.
Josef Wielander: Ich würde  grundsätzlich von einem überschaubaren europäischen Markt ausgehen und von einem etwas schwammigen, unzuordenbaren Rest-Markt in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten.

Wie schätzen Sie die Entwicklung der Märkte ein? Wie wird Ihrer Meinung nach also die  Vermarktungssaison 2016/17?
Gerhard Dichgans: Die große Unbekannte ist in der Tat der polnische Lagerbestand, der zum 1. November wieder auf Rekordhöhe liegt und für den auch dieses Jahr der russische Markt verschlossen bleiben wird. Ich rechne aber dennoch mit einer positiven Verkaufsentwicklung in der zweiten Saisonshälfte, mit wenig Ware aus der südlichen Halbkugel für Europa. Dabei zählen wir vor allem auf die wiedergefundene Qualität unserer Tafelware.
Josef Wielander: Die Entwicklung der Märkte ist zum aktuellen Zeitpunkt schwer abzuschätzen: Ich denke aber, dass wir auch im  kommenden Jahr zwar keine Freudensprünge machen können doch ein normales durchschnittliches Jahr erleben werden. Besonders weil die inneren Werte der geernteten Äpfel gut ausgefallen sind.

Was erwartet unsere Obstbauern kurz- bis mittelfristig?
Gerhard Dichgans: Der globale Apfelmarkt steht vor tief greifenden Umwälzungen. Die Anforderungen, die an unsere Obstproduzenten gestellt werden, sind heute schon enorm: Da gibt es Umweltauflagen, eingeschränkte Mittellisten und vielfache Zertifizierungsstandards auf der einen Seite. Die andere Seite ist geprägt von einem überfüllten und dadurch stark umkämpften Apfelmarkt, der die Erlöse der Bauern teilweise unter die Produktionskosten sinken lässt.
Mut gibt uns aber die Tatsache, dass unser Genossenschaftssystem solide aufgestellt ist und unsere Leistung und die Qualität unserer Äpfel am Markt geschätzt werden. Um aus dem Preisdruck, der auf den konventionellen Sorten lastet, ausbrechen zu können, müssen wir aber die Sortenerneuerung mutig vorantreiben. Das ist eine der Hauptaufgaben für die Südtiroler Obstwirtschaft.
Josef Wielander: Ich denke, dass die Obstbauern künftig immer schneller und immer öfters gefordert sein werden. Vor allem bei der Sortenfrage müssen bestimmte Risiken eingegangen und schneller, als in der Vergangenheit üblich muss gehandelt werden.
Auch unsere  Produktionsweise muss stets mit den Erfordernissen des Marktes abgestimmt werden: Und mir ist bewusst, dass das leichter gesagt als getan ist.
Alles in allem bin ich aber optimistisch, wenn auch die nächsten Jahre von Höhen und Tiefen gekennzeichnet sein werden. Wir Südtiroler werden schlussendlich die Nase vorne behalten!