Südtiroler Landwirt, Produktion | 09.12.2016

Neue Nischen für eine alte Kultur

Wie hoch hinaus kann der Südtiroler Weinbau? Dieser Frage ging man beim Weinbauseminar des Absolventenvereins Landwirtschaftlicher Schulen (ALS) nach. In der Podiumsdiskussion wurde bald klar, dass die Frage anders lautet. Nämlich, wie hoch hinaus will er überhaupt …

Barbara Raifer und Lukas Egarter Vigl stellen dem Publikum „ihre“ Formel vor.

Barbara Raifer und Lukas Egarter Vigl stellen dem Publikum „ihre“ Formel vor.

Die globale Klimaerwärmung liegt bei durchschnittlich einem Grad Celsius. In Südtirol liegt sie sogar doppelt so hoch, wenn man den Zeitraum zwischen 1920 und 2010 betrachtet. Eine Tatsache, die laut Barbara Raifer spürbar ist. Die Wissenschaftlerin vom Versuchszentrum Laimburg verdeutlichte in ihrem Vortrag beim Weinbauseminar im Haus Lichterstern am Ritten das Phänomen der Klimaerwärmung. Dazu nannte sie konkrete Veränderungen, die sich im Laufe der langjährigen Beobachtungen manifestiert haben: „Die Sommertage nehmen zu (20 bis 30 Tage mehr pro Jahr), dem gegenüber stehen immer weniger Frost- und Eistage. Vor allem kommt es zu einer Verschiebung der Kälteperioden, wie es sich im letzten Frühjahr wieder eindrücklich gezeigt hat.“
Insgesamt falle weniger Schnee, dafür komme es zu einer immer stärkeren Variabilität der Niederschläge. Gleichzeitig gingen die Gletscher zurück, die Wasserreserven werden weniger. Auch die Null-Grad-Grenze steige und mit ihr die Vegetationsgrenze.
„Dadurch erschließen sich neue Räume für Kulturen, wie eben den Weinbau“, sagte die Weinbauexpertin. Über die Jahre habe man in Versuchen festgestellt, dass die Zuckergradation der Weintrauben stetig steige, während die Gesamtsäure teils drastisch gesunken sei. Abhängig natürlich vom jeweiligen Standort und von der Sorte. „Bisher ist es so, dass die hohen Lagen eindeutig von dem wärmeren Klima profitieren“, sagte Barbara Raifer.
Das Zukunftsszenario schaue aber schaurig aus: So rechnet man damit, dass im Jahr 2100 im Mittelmeerraum kaum noch Reben angebaut werden können. Auch nicht in anderen klassischen Weinbaugebieten, wie in Australien beispielsweise. Dort versuche man jetzt schon, auf Neuseeland oder Tasmanien auszuweichen. Es werde also große Verschiebungen geben.

Flexibleres System für Weinbauzonierung gesucht
Diesen Entwicklungen stehe aber EU-weit ein starres System gegenüber: Weinbau ist hier nur in ausgewiesenen, genau festgelegten Zonen möglich. So wird es auch in Südtirol gehandhabt. Eine Liberalisierung wird es kaum geben.
Deshalb habe man entschieden, ein flexibleres System auszuarbeiten, um die Weinbauzonen wissenschaftlich transparent umreißen zu können. Und zwar auf der Basis einer agronomischen Formel, anhand derer man Aussagen darüber treffen kann, ob in einer bestimmten Zone Weinbau wirtschaftlich erfolgreich betrieben werden kann.

Modell der Wachstumsgradtage
Dieses Modell ist von der Europäischen Akademie (Eurac) ausgearbeitet worden. Lukas Egarter Vigl stellte die Formel vor. Der Wissenschaftler erklärte, dass es vier Klimakomponenten gibt: Strahlung, Wind, Niederschlag und Temperatur. Die wichtigste Komponente sei die Temperatur: Daraus lassen sich anhand der Wachstumsgradtage (WGT)die Minimalanforderungen für sämtliche Rebsorten errechnen: Denn jede Rebsorte hat klimatische Grenzen innerhalb derer sie erfolgreich angebaut werden und ihre Charakteristik optimal entfalten kann.
Mit einer dreidimensionalen Südtirol-Karte (siehe Grafik 1) veranschaulichte Egarter Vigl dann auch, wo derzeit die Weinbauzonen laut LAFIS liegen und wie sie sich anhand der Einschätzungen laut ausgearbeitetem Modell präsentieren.

Reine Entscheidungshilfe
Lukas Egarter Vigl stellte am Ende seiner Präsentation klar, dass die Formel lediglich eine Entscheidungshilfe für die Bewertung potentieller Flächen darstellt. Sie sei weder ein Indikator für den Klimawandel, noch einer für zukünftige Weinbauflächen. Auch kein Indikator für die mikroklimatische Beschreibung eines Standortes oder für Qualitätsparameter eines Weines. Derzeit arbeite man daran, das Modell weiter zu validieren, indem zusätzliche Reifeproben gemacht und weitere Umweltfaktoren integriert werden, die für die Rebstandortbeschreibung wichtig sind (zum Beispiel Bewölkung, Boden oder Strahlung) und Klimaszenarien mit einbezogen werden, um zukünftige Einschätzungen vornehmen zu können.

Je höher umso weniger Ertrag
An dieser Stelle ergriff Barbara Reifer wieder das Wort und erklärte, dass man die Grenze für wirtschaftlich erfolgreichen Weinbau auf Zonen mit mindestens 1100 Gradstunden festgelegt habe. Über zwölf Jahre hinweg habe man verschiedene Sorten in 90 Rebanlagen in Grenzlagen evaluiert. Dabei habe man folgende Beobachtungen gemacht: Mit zunehmender Höhe müssen die Erträge teils drastisch gesenkt werden. In extremen Lagen halte sich die Erntemenge aber von vorne herein in Grenzen, auch bei pilzwiderstandsfähigen Sorten (PIWI). Zudem kämen Anlagen in der Höhe später in Ertrag. Das bedeute vor allem für Neueinsteiger einen großen Aufwand, und zwar nicht nur arbeitstechnisch sondern vor allem finanziell. „Die Bilanz der Betriebe, die in hohen Lagen neu in den Weinbau eingestiegen sind, ist eher ernüchternd“, stellte Barbara Raifer lapidar fest. Hier sei Beratung dringend notwendig.

Interreg-Projekt beantragt
Aus diesen Gründen habe das Versuchszentrum Laimburg gemeinsam mit der Eurac ein Interreg-Projekt mit der Landwirtschaftskammer Kärnten und Johanneum Research in Graz beantragt. Ziel des Projekts sei die Verbesserung des derzeitigen Modells: Jede Parzelle der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Südtirols und Kärntens solle mit angemessener Genauigkeit für den Anbau von Rebsorten bewerten und eine Prognose für die weitere Entwicklung abgegeben werden können.

Rege Diskussion
In der anschließenden Podiumsdiskussion drehte sich das Gespräch bald nicht nur um den Weinbau in Höhenlagen, sondern mehr noch um Fragen wie: Ist es überhaupt erstrebenswert, die Monokultur Rebe noch weiter in die Höhe zu treiben? Müssten nicht stattdessen in tieferen Lagen Ausgleichsflächen geschaffen werden? Ist es möglich, Vielfalt zu erhalten und trotzdem wirtschaftlich zu sein? Und was versteht man unter wirtschaftlich erfolgreich?
Neben zwei Schweizern, dem Winzer Peter Wegelin und dem Chefredakteur der Schweizer Zeitschrift für Obst- und Weinbau Hans Peter Ruffner, nahmen auch Alois Lageder vom gleichnamigen Weingut in Margreid, Stephan Filippi, Kellermeister der Kellerei Bozen und Regionalentwickler und Kulturwirt Konrad Meßner an der Diskussionsrunde teil. Auch das Publikum beteiligte sich rege, erzählte von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen oder wartete mit kreativen Denkansätzen auf.
Zum Schluss waren viele Themen angeschnitten worden. Klar war nur eines: Dem Klimawandel muss etwas entgegen gesetzt werden. Einige versuchen es mit höheren Lagen, andere setzen auf neue Sorten und Klone, die besser an die höheren Temperaturen angepasst sind, auch Erziehungsformen und Kulturmaßnahmen werden den neuen Herausforderungen angepasst. Wer langfristig die richtigeren Entscheidungen trifft, wird sich wohl erst in Zukunft zeigen.