Südtiroler Landwirt, Produktion, Betriebsberatung | 09.12.2016

Arbeitszeit als Kostenfaktor im Stall

Milchviehhaltung ist ein sehr arbeitsintensiver Betriebszweig. Dadurch ist das Produkt Milch erheblich durch die entstehenden Arbeitskosten belastet. Silvia Steinmayer und Martin Nock haben im Rahmen ihrer Master-­Arbeiten an der Freien Universität Bozen nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht. von Silvia Steinmayer, Martin Nock, Christian Lambertz, Matthias Gauly, Freie Universität Bozen

Wie man die Arbeitszeit im Stall reduzieren oder besser einteilen kann, haben Studenten der Uni Bozen untersucht.

Wie man die Arbeitszeit im Stall reduzieren oder besser einteilen kann, haben Studenten der Uni Bozen untersucht.

Auch oder vor allem im Nebenerwerb gilt das Motto „Zeit ist Geld“! Aus diesem Grund sollte auf allen Betrieben nach Wegen gesucht werden, wie und wo Arbeitszeit eingespart werden kann. Im ersten Teil werden die Ergebnisse zur Anbindehaltung präsentiert, in einem zweiten Artikel (siehe Seite 38) folgen die der Laufstallhaltung.
In Südtirols Landwirtschaft nimmt die Milchviehhaltung eine zentrale Rolle ein. Aufgrund der vergleichsweise kleinen Herdengrößen (durchschnittlich 12,5 Kühe pro Betrieb) stehen die Betriebe unter hohem wirtschaftlichen Druck. Jährlich stellen rund 100 Bauern ihre Milchproduktion ein oder geben sogar den gesamten Betrieb auf. Ein Grund dafür ist die extreme Arbeitsbelastung. Die Arbeitszeiterfassung kann ein erster Schritt sein, um Potenziale zur Reduktion der Arbeitszeit und Steigerung der Arbeitsproduktivität auf Betriebsebene zu erkennen und die Landwirte entsprechend zu beraten.

Aufteilung nach Arbeitsvorgängen
Arbeitszeiterfassungen werden vor dem Hintergrund gemacht, zeitfressende Arbeiten im Betrieb aufzudecken, Einsparungspotenziale zu suchen und somit die Effizienz zu steigern. Ziel muss es dabei sein, dem Landwirt mehr Lebensqualität – also Zeit für Familie oder Freizeit – zu ermöglichen.
Zunächst wird für die Erhebungen die Gesamtarbeit in einzelne Vorgänge aufgeteilt; im Anbindestall sind dies Melken, Füttern, Entmisten/Einstreuen, Kälber- und Jungrinderbetreuung sowie Sonderarbeiten (u.a. Büro­arbeiten, Klauenpflege, Geburtshilfe u. a.).
Mittels eines Fragebogens, südtirolweit an 122 Milchviehbetriebe mit Anbindehaltung verschickt, wurde in einem ersten Schritt der Arbeitszeitbedarf der genannten einzelnen Vorgänge erhoben. Insgesamt 51 der angeschriebenen Betriebe mit einer durchschnittlichen Herdengröße von 16,2 Kühen schickten den Fragebogen zurück, das entspricht einer Rücklaufquote von 42 Prozent.
Der durchschnittliche kumulative Gesamtarbeitszeitbedarf für die Innenwirtschaft (d. h. ohne Futterbergung) der Betriebe lag bei durchschnittlich 176 Arbeitskraftstunden (AKh) pro Kuh und Jahr – das heißt, für eine Kuh werden mehr als sieben 24-Stunden-Tage aufgebracht! Erwartungsgemäß erweist sich die Melkarbeit als zeitintensivster Vorgang (siehe Abbildung 1).

Großer Einfluss der Herdengröße
Es zeigt sich deutlich, dass der Gesamtarbeitszeitbedarf sehr stark von der Herdengröße abhängt (siehe Tabelle 1). Während in Betrieben mit weniger als zehn Kühen mehr als 270 AKh pro Kuh und Jahr anfielen, waren es im Durchschnitt bei Betrieben mit mehr als 30 Milchkühen weniger als 80 AKh pro Kuh und Jahr. Allerdings gibt es in den einzelnen Größenklassen deutliche Abweichungen des Arbeitszeitaufwandes von den Durchschnittswerten (siehe Max.- und Min.-Werte). In fast jedem Betrieb gibt es also unabhängig von der Größe erhebliche Verbesserungsmöglichkeiten.
Im Vergleich zu Studien aus Nachbarländern schneiden die hiesigen Landwirte trotz der hohen Werte gut ab. In Österreich etwa lag der durchschnittliche Arbeitszeitbedarf laut einer Studie von Fischer-Colbrie (2009) in Anbindeställen bei 195 AKh pro Kuh und Jahr, also bei etwa 20 Stunden mehr. Eine andere Studie, durchgeführt von Moriz (2007) auf Betrieben in Deutschland und der Schweiz, zeigte in Herden mit bis zu zehn Kühen einen Durchschnittsbedarf von 185 AKh.

Suche nach den „Arbeitszeitfressern“
Neben den Arbeitszeiterfassungen mittels Fragebogen wurden im Rahmen der vorliegenden Master-Arbeit auch Direktmessungen auf ausgewählten Betrieben vorgenommen. Durch die direkte Erhebung der einzelnen Arbeitsvorgänge und der Gegenüberstellung von Mess- und Schätzwerten wurde deutlich, dass Landwirte ihren Gesamtarbeitszeitbedarf sehr gut einschätzen können.
Schwachstellen gibt es hingegen bei der Einschätzung der einzelnen Arbeitsvorgänge. Darin liegen gleichzeitig auch die Potenziale für Arbeitszeiteinsparungen. Der Arbeitsvorgang Melken nimmt durchschnittlich 74 AKh pro Kuh und Jahr ein und birgt somit das meiste Einsparungspotenzial. Melken mit mehreren Melkgeschirren kann die Melkzeit je Kuh erheblich verringern (siehe Tabelle 2). Auch das Arbeiten mit einer Rohrmelkanlage statt der Kübelmelkanlage kann die Arbeitszeit verringern. Weiterhin bietet sich die Verwendung von stationären Geräten zur Entmistung (z. B. Schubstange) anstelle des Mistkarrens zur Optimierung der Arbeitseffizienz an.

Technik allein ist nicht die Lösung
Die Anschaffung neuer Maschinen ist aber vielfach teuer und für den Landwirt auf den ersten Blick unrentabel. Umso mehr muss jeder Betriebsleiter über die Verwendung einfacher Hilfsmittel zur Verbesserung der Arbeitseffizienz nachdenken.
Ein erster Schritt hierbei ist das Führen eines Arbeitstagebuches zum Erkennen der Schwachstellen. Solche Arbeitstagebücher sind einfach zu führen und online verfügbar. Wer lieber Hilfe von außen in Anspruch nimmt, also individuelle Hilfestellungen wünscht, kann sich auch an den Südtiroler Bauernbund sowie an den Beratungsring Berglandwirtschaft (BRING) wenden.

Milch pro Stunde: Menge und Kosten
Die Arbeitsproduktivität, das heißt, die mengenmäßige Beziehung zwischen Arbeit und Ertrag (Milch) lag in den untersuchten Betrieben bei durchschnittlich 56 Kilogramm Milch/AKh. Unter Annahme von einem Stundenlohn für spezialisierte Fachkräfte in der Landwirtschaft von 13,50 Euro/Stunde (Richtpreise des Maschinenringes Südtirol 2016) und einem durchschnittlichen Milchpreis von 51 Cent/Kilogramm (Wirtschaftsjahr 2015) fallen bereits 24,3 Cent (47,7 Prozent) pro Kilogramm Milch für Arbeitskosten in der Innenwirtschaft an.

Stimmung unter Bergbauern ist dennoch gut
Im Fragebogen wurde auch die Stimmung der Milcherzeuger abgefragt. Wenn auch die Mehrheit der Betriebe (64 Prozent) das Verhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Entlohnung in Südtirols Milchwirtschaft als schlecht oder sehr schlecht empfinden, bewertete die Mehrheit der Betriebe die Situation der Landwirtschaft in Südtirol und im Speziellen auch für Milchviehbetriebe als sehr gut, gut oder okay (siehe Abbildung 2).
Ein besonderer Dank gilt abschließend allen Landwirten, welche den Fragebogen ausgefüllt und zurückgeschickt haben, und vor allem auch jenen, welche sich für die Direktmessungen zur Verfügung gestellt haben.

Tabelle 1: Arbeitszeitaufwand in Abhängigkeit der Herdengröße
(in AKh pro Kuh und Jahr)

Anzahl Kühe

Durchschnitt

Min.

Max.

<10

270,4

108,7

441,0

11 bis 20

156,9

74,0

318,9

21 bis 30

96,2

62,7

138,4

> 30

77,1

62,9

87,4



Tabelle 2: Arbeitszeitaufwand in Abhängigkeit der Anzahl
verwendeter Melkgeschirre (in Minuten pro Kuh und Tag)

Anzahl Melkgeschirre

Arbeitszeit

1

24,6

2

16,4

3

9,3

4

8,1

 

Abbildung 1: Relativer Anteil der einzelnen Arbeitsvorgänge an der Gesamtarbeitszeit

Abbildung 2: Stimmung in Betrieben mit Anbindehaltung