Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 11.11.2016

Tragende Säule der Milchwirtschaft

Mit vielen Wegbegleitern feierte der Sennereiverband Südtirol am 7. November im Hotel Stiegl in Bozen seinen 70. Geburtstag. Sowohl Ort als auch Termin der Feier waren bewusst gewählt: Am selben Tag des Jahres 1946 wurde genau dort der Grundstein für den Verband gelegt. von Bernhard Christanell

Viel Prominenz und jahrelange Wegbegleiter feierten mit dem Sennereiverband dessen 70. Geburtstag.

Viel Prominenz und jahrelange Wegbegleiter feierten mit dem Sennereiverband dessen 70. Geburtstag.

So wie ein Jubilar aus Fleisch und Blut seine engsten Verwandten und Freunde einlädt, um seinen runden Geburtstag zu feiern, hatte auch der Sennereiverband viele jener Wegbegleiter versammelt, die ihn über Jahrzehnte mitgeprägt und durch turbulente Zeiten geleitet hatten. Der amtierende Obmann des Sennereiverbandes bedankte sich bei ihnen: „Ohne euch würde es die tragende Säule der Berglandwirtschaft in Südtirol nicht geben. Eine solche Vorstellung finde ich persönlich erschreckend.“

Vom Ein-Mann-Betrieb zum größten Dienstleister
Reinalter hob die historische Tragweite der Entscheidung vor 70 Jahren hervor. Die Ausgangssituation sei damals eine völlig andere gewesen als heute. So gebe es heute statt der Dutzenden kleinen Dorfsennereien von damals nur mehr neun hoch spezialisierte, professionell arbeitende, mit ihren Produkten weitum vertretene Milchhöfe und Sennereigenossenschaften. Und der Sennereiverband habe sich von einem Ein-Mann-Betrieb zum größten Dienstleister für die Milchwirtschaft, zu dem Kompetenzzentrum in Sachen Milch in Südtirol entwickelt. „Das hätten wohl auch die ärgsten Optimisten vor 70 Jahren nicht annehmen können“, betonte der Obmann.

Sinkendes Schiff auf Kurs gebracht
Drei dieser Wegbegleiter des Sennereiverbandes erzählten bei der Feier im Hotel Stiegl, wie sie die Entwicklung des Sennereiverbandes erlebt hatten. Alfons Hainz – von 1967 bis 2005 Geschäftsführer des Verbandes – berichtete von den ersten Jahren seiner Tätigkeit: „Ende der 1960er-Jahre war der Sennereiverband ein sinkendes Schiff, die Milchwirtschaft als Gesamtes war in einem desolaten Zustand. Erst das zweite Autonomiestatut hat es uns ab dem Jahr 1972 ermöglicht, Qualitätsstandards einzuführen und deren Einhaltung auch selbst im eigenen Labor zu prüfen.“ Parallel dazu gab es sowohl flächendeckende Beratung für die Bauern als auch massive Investitionen in die Milchhöfe, deren technische Ausstattung modernisiert wurde. „So gelang es uns, innerhalb weniger in Punkto Qualität das international übliche Niveau zu erreichen“, erinnerte sich Hainz.
Ein zweiter Meilenstein in seiner langen Tätigkeit war laut Hainz die Umstellung auf die gentechnikfreie Fütterung Ende der 1990er-Jahre. „Damit hatten wir einen Mehrwert vorzuweisen, der uns beim Marketing für unsere Produkte sehr geholfen hat“, erklärte Hainz. Nun kamen die Fachleute aus dem Ausland nach Südtirol, um sich hier über Hygienestandards und Qualitätskontrolle zu informieren.

Milchmenge war Triebfeder für Entwicklung
Franz Kaser prägte als Obmann des Milchhofs Brixen viele Jahre lang die Geschicke der Milchwirtschaft im Eisacktal, für wenige Monate war er auch Obmann des Sennereiverbandes. Die Frage nach der entscheidenden Herausforderung für die positive Entwicklung der Südtiroler Milchwirtschaft beantwortete Franz Kaser ohne zu zögern: „Die steigende Milchmenge war die Treibfeder und der Motor für die Milchwirtschaft!“
Als in der Nachkriegszeit die Bergbauernhöfe nach und nach erschlossen wurden, entwickelten sich die Bauern allmählich von Selbstversorgern zu Marktproduzenten. Die Milchhöfe waren mit der rasant steigenden Milchmenge heillos überfordert und nutzten die Versandmilch als Ventil, um die Milchmenge auf den Markt zu bringen. Die Einführung der Milchkontingentierung im Jahr 1984 war ein Einschnitt, der zunächst für Panik unter den Milchbauern sorgte. „Allein dem Verhandlungsgeschick des damaligen Landwirtschafts-Landesrates Luis Durnwalder war es zu verdanken, dass wir für Südtirol eine Traumquote von 430 Millionen Kilogramm Milch bekamen. Das hat unsere Milchwirtschaft und unsere Bergbauern gerettet“, berichtete Kaser und lobte Durnwalder für seinen Weitblick.

Zusammenarbeit und Wille zur aktiven Mitarbeit
Der Gelobte selbst nannte die Südtiroler Autonomie als wichtige Grundlage dafür, dass sich die Milchwirtschaft so positiv entwickelte: „Die Autonomie hat uns viele Wege geöffnet, um die Strukturen am Land und auf den Bergen zu erhalten. Wesentlich war aber auch der Wille der Menschen, selbst anzupacken und das Beste aus ihren Möglichkeiten zu machen. Der Zusammenhalt und der Wille zur aktiven Mitarbeit waren immer unsere großen Stärken“, betonte Luis Durnwalder.
Landeshauptmann Arno Kompatscher betonte, dass die Milchwirtschaft aus den Leistungen der Vergangenheit lernen könne: „Wir sehen, dass man sich zusammengefunden hat, dass am Ende nicht die Kirchtürme, sondern das Gemeinsame gesiegt hat, dass Qualität gesichert und in die Technologie investiert wurde.“
Agrarlandesrat Schuler betonte, dass die Südtiroler Milchwirtschaft einen Punkt erreicht habe, um den sie weitum beneidet werde. „Wir sind ein kleines Land, in der Milchwirtschaft aber eine internationale Größe. Wir haben alle Voraussetzungen, um uns erfolgreich weiterzuentwickeln“, freute sich Schuler.
Der Sennereiverband hat sich selbst zum Geburtstag zwei Geschenke gemacht: Ein Buch und ein Film zur Entwicklung der Milchwirtschaft wurden bei der Feier im Hotel Stiegl vorgestellt. Mehr zu diesen beiden Geschenken gibt es in der nächsten Ausgabe des „Südtiroler Landwirt“. Den Film kann man sich gleich hier ansehen: