Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bauernjugend, Innovation | 10.11.2016

Mutige junge Bauern

Eine neue Idee und viel Mut können das eigene Leben schon mal auf den Kopf stellen. Bei einer Fachtagung der Südtiroler Bauernjugend informierten sich rund 200 Teilnehmer über Trends und Innovation. Fünf Bauern erzählten aus der Praxis. von Andreas Mair, Südtiroler Bauernjugend

Jungbauer Andreas Weifner hat sich mit seiner innovativen Idee, Getreide für Mehl und Brot anzubauen, ein neues Geschäftsfeld eröffnet.

Jungbauer Andreas Weifner hat sich mit seiner innovativen Idee, Getreide für Mehl und Brot anzubauen, ein neues Geschäftsfeld eröffnet.

Menschen, die innovativ sind, nehmen ihre Zukunft selber in die Hand. „Und davon gibt es gerade in der Landwirtschaft viele in unserem Land“, ist Sieghard Alber, Landesobmann der Südtiroler Bauernjugend, überzeugt.
„Die Vielfalt an heimischen Produkten ist Ausdruck mutiger Bäuerinnen und Bauern, die auch mal neue Wege gehen.“
Die Teilnehmer der diesjährigen Fachtagung der Bauernjugend nickten zustimmend, als Alber diese Worte in der Kellerei Meran Burggräfler in Marling aussprach. Fast sah es so aus als hätte jeder von ihnen in diesem Moment einen Nachbarn, Freund oder Bekannten im Kopf, der auf seinem Hof  etwas Neues wagte. Innovation ist also kein abgedroschenes Wort. Nein, vielmehr sind Südtirols Bauern innovativer als sie meinen.

Trends verändern die Welt
Eng verbunden ist das Thema Innovation mit gesellschaftlichen Veränderungen und Trends. „Diese haben mit Sehnsüchten und Wünschen zu tun, die in uns schlummern und ausbrechen wollen“, weiß Julia Verdorfer, Mitarbeiterin in der Abteilung Get Inovative bei IDM Südtirol und eine der Referenten der Fachtagung. So sehnen sich die Menschen etwa nach einem gesunden Leben, mobil zu sein und Neues zu erfahren oder nach neuem Wissen als Schlüssel zu einer hoffnungsvollen Zukunft.
Die Landwirtschaft stecke mitten in dieser Welt der Wünsche. Verdorfer unterstrich: „Diese Wünsche wollen die Konsumenten dann auch in den Produkteigenschaften wiederfinden.“ Demnach sollte das Produkt natürlich, frisch, nahrhaft und gut sein. „Wer sich das zu Herzen nimmt, der hat schon Vieles richtig gemacht.“ Ein weiteres großes Thema ist die Transparenz, denn es wird für den Konsumenten immer schwieriger, die Lebensmitteletikette zu verstehen. Er möchte aber wissen, welche Inhaltsstoffe im Produkt enthalten sind. „Fachchinesisch hilft ihnen da nicht weiter. Statt E330 sollten Sie alsHersteller einfach Zitronensäure auf die Verpackung schreiben“, riet Verdorfer.

Jeder kann innovativ sein, aber ...
Lukas Unterhofer, der zweite Referent der Tagung, ist fest davon überzeugt, dass jeder eine neue Idee umsetzen kann, die seinem Betrieb neue Zukunftsaussichten eröffnet, eine höhere Wertschöpfung sichert und diesen wettbewerbsfähiger macht. Seit drei Jahren hat er in der noch jungen Abteilung Innovation und Energie im Südtiroler Bauernbund bodenständige Ideen, wie einen Schafwolldünger, oder Exotisches, wie eine Indianerbanane oder Wagyufleisch, von der Ideenfindung bis zur marktreifen Umsetzung mit begleitet.
Unterhofer weiß auch, dass es nicht immer leicht ist eine neue Idee erfolgreich auf den Markt zu bringen: „Scheitern gehört dazu, denn statistisch gesehen durchdringen von rund 2000 fixierten Erstideen lediglich zehn erfolgreich den Markt.“ Eine Zahl, von der man sich nicht abschrecken lassen sollte, denn die Gründe fürs Scheitern liegen meist nicht am Produkt, wie Unterhofer erklärte: „Die meisten scheitern an einer unzureichenden Marktanalyse, gefolgt von Produkten, die nicht den Erwartungen entsprechen, oder ungenügendem Marketingaufwand.“
Wichtig sei also, seine Zielgruppe zu definieren, sie genau zu kennen, sich an ihr zu orientieren. Auch und vor allem was Werbung angehe. „Ich kann mit einem Inserat in einer bekannten Zeitung viel Geld zum Fenster hinauswerfen, denn wenn ich meine Zielgruppe über dieses Medium nicht erreiche, nützt mir das gar nichts. Facebook und andere soziale Netzwerke bieten mir da ein viel besseres Instrument, um meine Kunden gezielter zu erreichen“, riet Unterhofer.

... Erfolg ist harte Arbeit
Bis ein Produkt erfolgreich auf dem Markt ist, kann der Weg unter Umständen lang sein. „Wer sein Risiko minimieren will, sollte strukturiert vorgehen. Blind zu starten ist in wenigen Fällen sinnvoll“, unterstrich der Referent. Nach der Bewertung der Idee müsse die Konzepterarbeitung folgen. Dabei können Risiken analysiert und so reduziert werden. Erst dann komme es zur Entwicklung des Produkts und einer hoffentlich erfolgreichen Markteinführung.


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Der Erfolg gibt ihnen recht
Fünf Bauern haben sich auf fünf verschiedenen Wegen mit einer neuen Idee erfolgreich eine eigene Existenz aufgebaut: Bei der Bauernjugend-Innovationstagung haben sie sich den Fragen von Andreas Mair gestellt.

Auf die direkte Vermarktung des „geschmackvollen Fleisches“ setzt Franz Innerhofer, Obertimpflerhof, Vöran. Er hat viel investiert, auch in artgerechte Tierhaltung: „Bei uns kann jeder überall reinschauen: Stall, Verarbeitungsräume, Reifekeller …“ Innerhofer verkauft mit dem Speck auch Natur und Emotion. „Das Produkt muss seinen Wert haben“,  sagt er. Das Konzept geht auf: Innerhofer erzielt 30 Euro oder mehr pro kg Fleisch.

Raritätenobst und Brot
Lukas Tschenett hat studiert, bevor er parallel zum Vater in den Obstbaubetrieb am Tälerhof, Schluderns, einstieg: Der Vater verarbeitet Palabirnen, Lukas macht Stillwein aus alten Apfelsorten. Vieles erledigen sie gemeinsam: Bankgespräche, Vermarktungsfragen … Lukas sagt: Wenn Eltern etwas loslassen, können die Jungen innovativ werden.
Um im Hofladen auf dem Roanerhof in Jenesien auch im Winter Frisches anbieten zu können, setzt Familie Weifner auf Brot von hofeigenen Getreidesorten. Eine neue Kreation geht laut Jungbauer Andreas nur in Produktion, wenn Bruder und Eltern zustimmen. Als wertvoll sieht Andreas die positive Kritik der Kunden an: Auch sie sorgt für neue Ideen.

Gleich zwei Quereinsteiger
Harald Gasser, Aspingerhof in Barbian, war Sozialbetreuer. Seltenes Gemüse pflanzte er zum Ausgleich. Heute stehen über 600 Raritätensorten auf seinen Feldern. „Je größer die Vielfalt, desto weniger Probleme im Feld“, sagt er. Das haben ihn teure Fehler gelehrt. Für ihn ist daher weniger die Idee die Innovation, sondern das Nicht-Aufgeben. Inzwischen motiviert er andere Bauern mit einzusteigen, um die große Nachfrage zu bewältigen.
Als Sportpilot und im Sportdetailhandel lebte David Perathoner am Puls der Zeit. Bis es ihm zuviel wurde. Mit anfänglich 17 Ziegen baute er in Lajen „David's Goashof“ auf. Heute hat er 72 Ziegen. Am hochmodernen Melkstand muss es schnell gehen: So bleibt Zeit für Wichtigeres. Vermarktung z.B., von der er ohnehin viel Ahnung hat. Von Anfang an produzierte Perathoner nicht nur Ziegenkäse – „das machen viele“ –, sondern auch Milch, Joghurt, Desserts. Die Nachfrage ist groß, der Absatz gibt ihm recht.