Südtiroler Landwirt, Produktion, Politik | 27.10.2016

Die Angst vor dem Wolf geht um

Ein Unheil kommt selten allein: Südtirols Bergbauern hatten sich fast schon daran gewöhnt, dass Braunbären in den Wäldern vor ihrer Haustür herumstreifen, da mehren sich die Zeichen dafür, dass dies bald auch auf Wolfsrudel zutreffen könnte. Die Angst ist groß, doch ist sie auch berechtigt ...? von Bernhard Christanell

Falls sich der Wolf wirklich in Südtirol ansiedeln sollte, müssen sich die Tierhalter auf einige Änderungen gefasst machen.

Falls sich der Wolf wirklich in Südtirol ansiedeln sollte, müssen sich die Tierhalter auf einige Änderungen gefasst machen.

Südtirol, eine Alm im Ultental: Wir schreiben das Jahr 2031. Ein langer sonniger Sommertag geht zu Ende. Der Hirte Franz zählt noch einmal die Schafe auf der eingezäunten Weide und kontrolliert, ob der Schutzzaun auch wirklich unter Strom steht.
Er wirft einen Blick auf die beiden Herdenschutzhunde, sie sind hellwach. Franz fragt sich, wie lange das noch gehen soll. Seine Alm ist eine der letzten im Tal, auf der noch Schafe weiden. Seit gut zehn Jahren ziehen Wolfsrudel durch die Wälder und Wiesen. Oft bleiben sie unbemerkt – solange sie Rehe und andere Wildtiere als Futter vorfinden, haben die Schafe ihre Ruhe. Doch immer wieder kommt es auch zu Angriffen auf die weidenden Tiere. Bevor Franz die Tür zu seiner Hütte abschließt, wirft er noch einmal einen Blick Richtung Wald.
Er weiß: Der Zaun und die Hunde bieten einen gewissen Schutz – garantieren, dass am nächsten Morgen noch alle Schafe am Leben sind, können auch sie nicht ...

Vor 50 Jahren fast ausgerottet

Im Herbst des Jahres 2016 ist das noch ein Szenario, das in die Kategorie der Albträume eingeordnet werden kann. Die Angst geht aber um, dass solche Szenarien wahr werden könnten.
Tatsache ist: Der Wolf breitet sich im Alpenraum immer weiter aus. Mitte des 20. Jahrhunderts galt er in Zentraleuropa als nahezu ausgerottet. In Italien hielten sich – im Südwesten des Alpenbogens, vor allem aber im Apennin – einige wenige Tiere. 

Mehrfach unter Schutz gestellt

Ab den 1970er Jahren wurde der Wolf in Italien dann dank mehrerer staatlicher und internationaler Richtlinien in die Liste der „streng geschützten Arten“ aufgenommen.
Auf europäischer Ebene stellten vor allem die Berner Konvention im Jahr 1979 und die sogenannte EU-Habitat-Richtlinie im Jahr 1992 den Wolf unter Schutz. 

Heute leben über 100 Wölfe im Alpenraum

Eine Folge davon ist, dass es heute im Apennin laut Erhebungen des Wolf-Schutzprojektes „Life Wolfsalps“ über 1000 Wölfe gibt, im Alpenbogen sind es zwischen 100 und 150 Tiere. Nach den Kriterien der Habitat-Richtlinie gilt die Population im Apennin damit als ausreichend abgesichert, jene in den Alpen ist dies in der aktuellen Form noch nicht.
Im Gegensatz zum Bären wurde der Wolf in den Alpen also nicht wieder neu angesiedelt, sondern hat sich aufgrund intensiver Schutzmaßnahmen wieder neu ausgebreitet. Geschehen ist dies aus zwei Richtungen: einmal von Westen her, zum anderen aus der Richtung von Slowenien. In den italienischen Westalpen gibt es Schätzungen von „Life Wolfsalps“ zufolge zurzeit 23 Wolfsrudel, davon befinden sich 18 in der Region Piemont. 

Wolfspaar am Deutschnonsberg unter dauernder Beobachtung
In Südtirol gab es bislang nur vereinzelte Tiere, Ende September machte die Meldung die Runde, dass es im Gebiet des Deutschnonsbergs ein Wolfspaar – also ein Männchen und ein Weibchen – gibt. Dieses Paar steht nun unter ständiger Beobachtung, wie der Direktor des Landesamtes für Jagd und Fischerei, Luigi Spagnolli, berichtet: „Wir arbeiten eng mit den Trentiner Kollegen sowie mit den Jagdaufsehern und Förstern vor Ort zusammen und beobachten die beiden Wölfe sehr eingehend. Ob aus den beiden Wölfen im kommenden Frühjahr ein Rudel entsteht, lässt sich jetzt noch nicht sagen.“

Problem mit dicht besiedelten Bergregionen in Südtirol
Das größte „Problem“, das die Anwesenheit des Wolfes in Südtirol mit sich bringt, ist die Tatsache, dass der Wolf hier auch in den Tälern und auf den Bergen auf eine relativ dicht besiedelte Gegend trifft. Im Apennin und in den Westalpen wurde die landwirtschaftliche Bewirtschaftung in weiten Landstrichen im Laufe der letzten Jahrzehnte aufgegeben, eine Entsiedlung war die Folge. Der Wildbestand stieg deutlich an, was die Ausbreitung des Wolfes zusätzlich begünstigte.
In Südtirol wird es – sollte sich der Wolf auch hier ansiedeln – unweigerlich zu Schwierigkeiten kommen. Davon ist auch Oswald Schwarz, Vertreter der Bergbauern im Landesbauernrat, überzeugt: „Als Tierhalter ist meine Meinung klar: Es darf in Südtirol keine Wölfe geben. Wir haben schon genug Probleme mit den Bären, wobei wir für die sogenannten Problembären nach wie vor auf eine Möglichkeit der Entnahme warten. Wölfe sind noch wesentlich problematischer vor allem für Schafe, denn sie sind reine Fleischfresser.“ 

Doppelte Nutzung der Almen als Weide- und Wandergebiet
Als solche seien sie nicht nur eine Gefahr für die in Südtirol praktizierte freie Weidehaltung auf den Almen. „Unsere Almen sind nicht nur Weidegrund für unsere Tiere, sondern auch ein intensiv genutztes Wandergebiet. Eine großflächige Einzäunung der Almen kommt schon allein deshalb nicht in Frage.“
Dass die Präsenz von Großraubtieren wie Bären und Wölfen in einem Land wie Südtirol Probleme mit sich bringt, ist auch in der Landespolitik längst angekommen.
So hat Landesrat Arnold Schuler vor etwa über einem Jahr eine Steuerungsgruppe eingesetzt, in der neben Vertretern der zuständigen Landesabteilungen auch Sprecher der Bauern, Jäger, Hoteliers, der Gemeinden, von Natur- und Umweltschutz sowie des Alpen­vereins sitzen. Von Anfang an ging es bei den Treffen dieser Gruppe auch um die Frage, wie man den Artenschutz für den Wolf mit der praktizierten Weidewirtschaft unter einen Hut bringen kann.

Wölfe suchen immer das am leichtesten erreichbare Futter
Noch gibt es in Südtirol keine Wolfsrudel. Falls es – wie nach aktuellem Stand anzunehmen ist – eines Tages welche geben sollte, wird es aber Maßnahmen brauchen, um deren Verhalten möglichst zu steuern.
„Wölfe suchen sich immer das Futter, das für sie am leichtesten zu erreichen ist. Das Ziel muss es sein, dass sie sich möglichst auf Wildtiere im Wald beschränken und die Nutztiere auf den Almen geschützt sind“, erklärt Amtsdirektor Spagnolli.
Für ihn ist klar, dass sich auch die Bauern ihre Art, die Tiere auf der Alm weiden zu lassen, überdenken müssen: „Ich kann die Sorgen der Bauern gut verstehen. Solange der Wolf aber so streng geschützt ist, ist die Fortführung der freien Weidehaltung schlichtweg zu gefährlich für die Tiere.“ 

Mehrere Möglichkeiten zum Schutz der Herden
Die Lösung sieht Spagnolli in der Umsetzung verschiedener Herdenschutzmaßnahmen, wie sie auch anderswo im Alpenraum bereits zum Schutz vor dem Wolf gebräuchlich sind. Am verbreitetsten sind dabei Elektrozäune und Herdenschutzhunde. „Um einen einigermaßen wirksamen Schutz für die Weidetiere zu gewährlisten, ist es notwendig, die Tiere in größeren Herden zusammenzufassen. Eine größere Herde lässt sich mit Herdenschutzhunden wesentlich besser kontrollieren als vereinzelte Tiere, die auf den Almwiesen herumwandern“, betont Spagnolli.
Oswald Schwarz kann diesem Vorschlag wenig abgewinnen: „Wir werden unsere Art der Weidewirtschaft sicherlich nicht aufgeben. In anderen Regionen wie etwa der Schweiz mag der Zusammenschluss von Herden funktionieren, dort gibt es große Gemeinschaftsalmen. Bei uns hingegen gibt es zahlreiche Privatalmen, die mit überlieferten und verbrieften Weiderechten verbunden sind. Diese Rechte wird sich niemand nehmen lassen.“ 

Finanzierung noch ungeklärt
Inwiefern sich anderswo übliche Herdenschutzmaßnahmen in Südtirol überhaupt umsetzen lassen, bleibt also eine Frage, die es noch zu klären gilt. Sicher ist, dass die Umsetzung solcher Maßnahmen – ob es nun Hunde oder Zäune sind – einiges kosten wird. Spagnolli sieht zwar die Möglichkeit, dass die öffentliche Hand einen Teil dieser Kosten übernehmen könnte, alles würde davon aber wohl nicht abgedeckt. Schwarz sieht die Gefahr, dass in einem solchen Fall für die Finanzierung der Herdenschutzmaßnahmen Gelder aus dem Landwirtschafts-Topf hergenommen werden könnten – für den Bergbauern-­Vertreter wäre dies „keinesfalls akzeptabel“. 

Kontroverse Diskussion zur Wirksamkeit von Herdenschutz
Eine weitere Frage, die sich im Hinblick auf mögliche Herdenschutzmaßnahmen stellt – und die ebenfalls für kontroverse Diskussionen sorgt –, ist die nach ihrer Wirksamkeit. So gab es allein in den vergangenen Monaten mehrere Informationstreffen im ganzen Land, bei denen es auch darum ging, den Bauern mögliche Herdenschutzmaßnahmen vorzustellen. Bei einem Treffen mit Schülern im Ultental berichtete etwa ein Südtiroler Hirte, der seit vielen Jahren in der Schweiz arbeitet, von seiner erfolgreichen Arbeit mit Herdenschutzhunden.
Ein ganz anderes Bild zeichnet der französische Ökologe und Anthropologe Laurent Garde in diesem Filmausschnitt auf der Videoplattform YouTube ...



Garde arbeitet seit Jahren eng mit Tierhaltern in den französischen Alpen zusammen und zieht eine ernüchternde Bilanz zum Zusammenleben mit dem Wolf: „Herdenschutzmaßnahmen zeigen nur eine beschränkte Wirkung. Der Wolf ist nämlich ein schlaues Tier und lernt rasch, Hindernisse zu umgehen und trotzdem zu seiner Beute zu kommen. Wir sind mit unserem Latein am Ende.“ Seine Eigenschaften als scheues Wildtier hat der Wolf nur in jenen Ländern behalten, in denen er auch gejagt wird. Dort habe er gelernt, Abstand von Menschen und ihren Aktivitäten zu halten. „In Ländern wie Frankreich oder Italien, in denen der Wolf heute streng geschützt ist, hat der Wolf mit diesem scheuen Wildtier nichts mehr zu tun. Hier ist er eine große Gefahr für die Weidehaltung, wie wir sie kennen und schätzen.“

Italienischer Management-Plan in Ausarbeitung

Wie ernst Italien es mit dem Schutz des Wolfes meint, zeigt auch ein Entwurf zu einem Management-Plan für den Wolf, der zurzeit noch in Rom liegt und demnächst in der Staat-Regionen-Konferenz behandelt werden sollte. Der Plan sieht nicht nur vor, dass die Population des Wolfes in den Alpen noch wesentlich ausgebaut werden soll – geplant ist auch, dass umfassende Herdenschutzmaßnahmen eine Voraussetzung dafür sein sollen, um überhaupt zu Entschädigungen für gerissene Tiere zu kommen. Eine mögliche Entnahme von Problemtieren soll nur sehr eingeschränkt möglich sein.
Amtsdirektor Spagnolli ist Mitglied der Arbeitsgruppe, die sich derzeit auf technischer Ebene intensiv mit dem Management-Plan beschäftigt – und er versucht, die Südtiroler Tierzüchter zu beruhigen: „Der Plan muss in der Staat-Regionen-Konferenz einstimmig genehmigt werden. Das heißt, dass auch wir zustimmen müssten – das werden wir in der derzeitigen Form auf keinen Fall tun.“
Bergbauernvertreter Oswald Schwarz hat wenig Verständnis für manche Ansichten der Tierschützer: „Auf der einen Seite sollen sich Nutztiere in der Natur so frei wie möglich bewegen können. Auf der anderen Seite zwingen uns die Tierschützer mit dem Schutz des Wolfes zu Maßnahmen, bei denen wir die Weiden einzäunen und die Tiere einsperren müssen, um sie zu schützen. Das ist doch ein glatter Widerspruch“, stellt Schwarz abschließend fest.

Der Italienische Wolf 

Der Wolf (Canis lupus) ist ein Beutegreifer und gehört zur Familie der Hunde (Canidae) aus der Ordnung der Raubtiere (Carnivora). Wölfe leben in der Regel in Familienverbänden, umgangssprachlich auch Rudel genannt.
In den Alpen ist vorwiegend der Italienische Wolf (Canis lupus italicus) zu finden. Morphologisch und genetisch unterscheidet sich der Italienische Wolf deutlich von anderen Unterarten des Wolfes. Das Fell an den Flanken des Italienischen Wolfes ist grau-braun. An den Innenseiten der Läufe und am Bauch ist das Fell dagegen weiß. Am Rücken und an den Vorderläufen ist das Fell schwarz. Die charakteristische Schwarzfärbung an der Vorderseite der Vorderläufe ist so nur beim italienischen Wolf zu beobachten.
Italienische Wölfe sind im Vergleich mit anderen Wolfsarten eher klein und haben eine Schulterhöhe von ca. 70 Zentimetern. Ihre Kopf-Rumpf-Länge beträgt 150 Zentimeter. Ihr Gewicht ist je nach Region gewissen Schwankungen unterworfen, liegen im Durchschnitt aber bei etwa 30 Kilogramm für Weibchen und 35 Kilogramm für Männchen. Als Beute bevorzugt der Italienische Wolf kleinere Huftiere. In Italien sind dies vor allem Reh, Rothirsch und Wildschwein, in den Alpen auch Gämsen, unter den Nutztieren Schafe und Ziegen. Kühe und Pferde werden nur äußerst selten gerissen. Es handelt sich dabei praktisch immer um Kälber und Fohlen, ausgewachsene Tiere werden kaum getötet.

Quelle: Wikipedia

 


 

Luigi Spagnolli: „Fortführung der freien Weidehaltung ist zu gefährlich für die Tiere.“

Oswald Schwarz: „Wir werden unsere Art der Weidewirtschaft sicherlich nicht aufgeben.“