Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 13.10.2016

„Auf Augenhöhe miteinander reden“

Erstmals übernimmt ein Vertreter des Südtiroler Bauernbundes die Führung des Südtiroler Wirtschaftsrings (swr-ea). Neo-Präsident Leo Tiefenthaler über die Notwendigkeit von Netzwerken, die Kunst, verschiedene Interessen zu vereinen, und die Bedeutung des ländlichen Raumes.

Leo Tiefenthaler will als Präsident des Südtiroler Wirtschaftsrings die Anliegen der gesamten Wirtschaft weiterbringen.

Leo Tiefenthaler will als Präsident des Südtiroler Wirtschaftsrings die Anliegen der gesamten Wirtschaft weiterbringen.

Südtiroler Landwirt: Herr Tiefenthaler, herzlichen Glückwunsch zur Ernennung zum neuen Präsidenten des Südtiroler Wirtschaftsrings. Wie sehr freut Sie diese neue Aufgabe, die gesamte Wirtschaft zu vertreten?
Leo Tiefenthaler: Es ist eine große Ehre, dass ich als Vertreter des Bauernbundes bzw. der Landwirtschaft in den nächsten zwei Jahren die Interessen der Wirtschaft, die im Südtiroler Wirtschaftsring gebündelt sind, vertreten darf. Es ist ja das erste Mal, dass der Südtiroler Bauernbund die Führung innehat. Es ist aber natürlich auch eine große Verantwortung und nicht immer eine leichte Aufgabe, die ich aber gerne annehme. Besonders freut es mich, dass ich einstimmig nominiert wurde. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Ihr Vorgänger Philipp Moser hat in seiner Abschiedsrede betont, dass es „nur eine Wirtschaft gibt“. In der Vergangenheit hat der swr-ea aber nicht immer mit einer Stimme gesprochen. Auch der Bauernbund vertritt bei einigen Themen andere Standpunkte als lvh, Unternehmerverband oder HGV. Gerät man da nicht zwischen die Mühlsteine, als Bauernbund-Obmann und swr-ea-Präsident?
Es ist normal, dass es zu einzelnen Themen unterschiedliche Meinungen und Standpunkte gibt, weil natürlich jeder Verbandsvertreter die Interessen seiner Mitglieder vertreten muss. Wichtig ist immer das gemeinsame Gespräch. Solange man auf Augenhöhe und mit Respekt miteinander spricht und die Anliegen der anderen verstehen lernt, können Probleme gelöst werden. Im Wirtschaftsring herrscht ein sehr gutes Gesprächsklima, das das Arbeiten ungemein erleichtert. Ich bin überzeugt, dass es uns gelingt, auch bei unterschiedlichen Interessen einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Zudem dürfen wir nicht vergessen, dass wir als Wirtschaftsring „nur“ die Vorschläge ausarbeiten, entscheiden muss zuletzt immer noch die Politik.

Der Südtiroler Wirtschaftsring hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Was wollen Sie tun, damit der swr-ea der erste Ansprechpartner in Wirtschaftsfragen bleibt?
Wichtig ist, aktuelle Themen, die die Unternehmen beschäftigen, aufzugreifen und der Politik Vorschläge bzw. Lösungen zu präsentieren. Themen gibt es zuhauf, denken wir nur an die Arbeitssicherheit. Wir alle wollen Unfälle möglichst vermeiden. Aber nur mit mehr Bürokratie werden die Unfälle kaum verhindert. Hier braucht es Maßnahmen, die praxistauglich sind.
Gleiches gilt für die Entsorgung von Abfällen. An Themen, die die Unternehmen beschäftigen, mangelt es nicht. Es gibt auch in Zukunft noch viel zu tun.

Als ein vorrangiges Thema haben Sie die Arbeitssicherheit genannt. Welche weiteren Themen stehen in den nächsten zwei Jahren auf der Agenda?
Im Moment wird über das neue Landesraumordnungs- und Landschaftsschutzgesetz  am meisten diskutiert – in den Verbänden und im Wirtschaftsring.
Hier gibt es noch erheblichen Verbesserungsbedarf. Seit einigen Jahren beschäftigt sich der Wirtschaftsring auch intensiv mit dem Breitbandausbau. In den letzten Jahren konnte einiges erreicht worden, dennoch hinken wir beim Ausbau anderen Regionen noch immer hinterher.
Besonders in der Peripherie sind viele Bürger weiterhin ohne ein schnelles Internet. Das behindert nicht nur die Wirtschaft, sondern schränkt auch die privaten Haushalte ein. So wie Straßen, öffentliche Einrichtungen, soziale Treffpunkte usw. ist ein schneller Internetanschluss wichtig, um die Attraktivität des ländlichen Raumes zu erhalten. Der Ausbau muss daher zügiger vorangehen, wir werden entsprechend Druck machen!
Auch mit der Bürokratie und den Steuer-erleichterungen werden wir uns weiter beschäftigen.

Stichwort Raumordnung: Der erste Entwurf des Gesetzes, der nun vorliegt, löst nicht gerade Jubelstürme aus. Werden die wirtschaftlichen Anliegen zu wenig berücksichtigt?
Wir müssen aufpassen, die Wirtschaft mit diesem Gesetz nicht zu sehr zu beschränken. Einschränkungen, auch was die Ausweisung von Baugründen und die Bautätigkeit betrifft, können hie und da durchaus sinnvoll sein.
Eine notwendige wirtschaftliche Entwicklung muss aber auch weiterhin möglich
sein – in den Orts- und Stadtkernen genauso wie auf dem Land. Das werden wir als
Wirtschaftsring so auch fordern.

Der Südtiroler Bauernbund macht sich seit vielen Jahren für die Peripherie stark. Wie sehr werden Sie den Erhalt der Peripherie auch im Wirtschaftsring thematisieren?
Man muss anerkennen, dass in den letzten Jahrzehnten sehr viel für den ländlichen Raum und gegen die Abwanderung unternommen worden ist. Es wurden Wohnbauzonen ausgewiesen, Betriebe angesiedelt und Arbeitsplätze geschaffen sowie Infrastrukturen errichtet. Der Wirtschaftsring hat sich sehr oft mit dem ländlichen Raum beschäftigt, auch weil viele Betriebe aus dem Handwerk, dem Tourismus, dem Handel, der Landwirtschaft, dem Dienstleistungssektor und die Mitglieder des Unternehmerverbandes in der Peripherie wirtschaften. Für den Wirtschaftsring wird der ländliche Raum weiterhin ein großes Anliegen bleiben. Wir müssen auch in Zukunft daran arbeiten, die Peripherie attraktiv zu halten. Eine zentrale Rolle nimmt die ‚Plattform Land‘ ein, die sich dies zum Ziel gesetzt hat und in der alle Wirtschaftsverbände vertreten sind.

Philipp Moser hat immer die Bedeutung der Netzwerkarbeit unterstrichen. Sie gelten auch als exzellenter Netzwerker. Geht der swr-ea also den Weg der Zusammenarbeit weiter?
Das ist eine Voraussetzung, damit der Südtiroler Wirtschaftsring funktioniert.
Wichtig ist nicht nur eine gute Zusammenarbeit zwischen den Verbänden im Wirtschaftsring untereinander, sondern auch eine gute Vernetzung des swr-ea nach außen – mit der Politik, den Sozialpartnern, den Gemeinden usw.
Wir werden auch weiterhin die Zusammenarbeit suchen und versuchen, Interessen und gemeinsame Anliegen zu bündeln bzw. unsere Anliegen zu vertreten.

Letzte Frage: Wie wird die Zusammenarbeit mit den Landeshauptmann sein? Für seine Arbeit gab es zuletzt viel Lob von Ihrem Vorgänger ...
Ich bin überzeugt, dass es eine sehr gute Zusammenarbeit geben wird. Wir haben mit Landeshauptmann Arno Kompatscher bereits seit seinem Amtsantritt in den letzten zwei Jahren hervorragend zusammengearbeitet.
Vier bis fünf Mal im Jahr kommt der Landeshauptmann in die Sitzung des Wirtschaftsringes, um Themen zu besprechen.
Er hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Unternehmen. Und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Interview: Michael Deltedesco


ZUM THEMA
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Was ist der Wirtschaftsring?

Der Südtiroler Wirtschaftsring – Economia Alto Adige (swr-ea) wurde 1976 gegründet und ist der Zusammenschluss der sechs repräsentativsten Wirtschaftsverbände Südtirols: Handels- und Dienstleistungsverband (hds), Hoteliers- und Gastwirteverband (HGV), Unternehmerverband Südtirol, Südtiroler Bauernbund (SBB), Vereinigung der Südtiroler Freiberufler (VSF) und Wirtschaftsverband für Handwerk und Dienstleister (lvh). Der swr-ea ist somit Sprachrohr für über 41.000 Südtiroler Unternehmen.
Seit 2004 ist der Südtiroler Bauernbund Vollmitglied im Wirtschaftsring, im März des laufenden Jahres schlossen sich der SWR und der italienischsprachige USEB zur gemeinsamen Plattform Südtiroler Wirtschaftsring – Economia Alto Adige zusammen.
Zu seinen Zielen gehört es, die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsverbänden zu fördern, die Mitgliedsverbände bei der Interessensvertretung, insbesondere gegenüber der Politik und der Verwaltung, zu unterstützen, in der Bevölkerung die Kenntnis und positive Grundhaltung gegenüber der Wirtschaft zu stärken sowie den Austausch der Wirtschaftstreibenden der verschiedenen Sektoren auf Landes- und Bezirksebene zu fördern. Der swr-ea konzentriert seine koordinierende Tätigkeit dabei auf die Sachbereiche gemeinsamen Interesses. Im swr-ea gilt das Einstimmigkeitsprinzip, die Beschlüsse und Stellungnahmen müssen also immer von allen sechs Verbänden mitgetragen werden.
Der Vorstand besteht aus einem Präsidenten und seinem Stellvertreter (beide wechseln alle zwei Jahre unter den Mitgliedsverbänden) sowie den Präsidenten und vier weiteren Vertretern der Verbände. Geschäftsführerin des swr-ea ist Alexandra Silvestri.
Zudem gibt es fünf Bezirksausschüsse im Vinschgau, Burggrafenamt, Bozen und Umgebung, Eisacktal/Wipptal und Pustertal. Sie setzen sich aus vier pro Mitgliedsverband entsandten Vertretern zusammen und setzen sich mit Bezug auf ihr Territorium für die Umsetzung der von swr-ea definierten Ziele und Programme ein.