Südtiroler Landwirt | 30.09.2016

Wer lernen will, nimmt viel mit

Putzen, wiegen, messen und wieder putzen: Die Arbeit eines Praktikanten in einer Kellerei klingt nicht besonders abwechslungsreich. Anna Gallonetto, Schülerin an der Fachschule Laimburg, lernt in der Kellerei Franz Haas dennoch viel. von Renate Anna Rubner

Junge Menschen lernen beim Praktikum auch fürs Leben.

Junge Menschen lernen beim Praktikum auch fürs Leben.

Anna stellt den Eimer auf die digitale Waage. Möglichst genau soll sie die Menge abmessen, die dann mit Wasser und einem großen Schneebesen abgerührt und in den Gärtank geleert werden soll. Aber bald merkt sie, es ist nicht so einfach, wie es beim Zuschauen schien: Wie stellt man die Waage auf null? Angelika geht ihr schnell zur Hand. Sie arbeitet schon seit Jahren in der Kellerei Franz Haas in Montan und kennt so gut wie jeden Trick: Sie schaltet die Waage aus, stellt dann erst den Eimer drauf und drückt die Ein-Taste. Die Waage zeigt null an, Anna kann den Zusatz jetzt abwiegen.
Vorher haben die beiden die nötige Menge gemeinsam berechnet. Anna kennt das zwar schon von der Schule, aber sie versteht jetzt besser, was sie rechnet und wieso der Zusatz nötig ist: Die Hefen sollen die Gärung in Schwung bringen.
Angelika erklärt ihr bei jedem Arbeitsschritt, was sie machen soll, lässt sie probieren, korrigiert, wenn nötig. Anna lässt sich anleiten, stellt Fragen, versucht zu verstehen und richtig umzusetzen. Das siebzehnjährige Mädchen besucht heuer das Spezialisierungsjahr der Fachschule für Obst-, Wein- und Gartenbau Laimburg, ist also in der vierten Klasse.

Fünfwöchiges Praktikum
Dieses vierte Schuljahr beginnt an der Fachschule mit einem fünfwöchigen Praktikum. Wer möchte, kann auch schon Mitte August, also zwei Wochen früher, anfangen. Die Schülerinnen und Schüler sind dazu angehalten, sich selber einen Verarbeitungsbetrieb auszusuchen, an dem sie in das Berufsleben hineinschnuppern können.
In diesem Jahr sind es 29 Schülerinnen und Schüler, wie Sonja Höfer, Koordinatorin der Betriebspraktika an der Fachschule Laimburg, erzählt. Etwa die Hälfte ist ins Ausland gegangen, in die Steiermark oder an den Bodensee: „Da gibt es viele Familienbetriebe, die ideal sind für unsere Praktikanten. Obst- und Gemüsebaubetriebe mit eigener Verarbeitung, Weinbaubetriebe, Brennereien, die Lust haben, junge Leute unter ihre Fittiche zu nehmen und ihnen etwas beizubringen.“ Denn ein Praktikum sollte dazu dienen, das theoretische Wissen praktisch zu untermauern, zu vertiefen. Dafür brauche es aber Betriebe, die dazu bereit sind, jemanden an die Hand zu nehmen und zu begleiten. „Das ist in Familienbetrieben einfach eher der Fall“, sagt Sonja Höfer.

Direkter Ansprechpartner wichtig
Und so ein Familienbetrieb ist die Kellerei Franz Haas: Neben Franziskus Haas, der den Betrieb von seinem Vater übernommen und zu dem erfolgreichen Unternehmen gemacht hat, der er heute ist, arbeiten auch seine Frau Luisa und die beiden Kinder Franz und Sophia mit. Angelika Gabrielli gehört auch fast zur Familie: Sie arbeitet im Betrieb Franz Haas, seitdem sie Matura gemacht hat, kennt ihn entsprechend gut und hat ihn mit geprägt. Wenn Praktikanten in der Kellerei beschäftigt werden, ist sie die erste Ansprechpartnerin. So wie jetzt für Anna.
Die beiden verstehen sich: Angelika schätzt die freundliche, unkomplizierte Art der jungen Praktikantin. In der kurzen Zeit, seitdem sie da ist, hat sie schon viel gelernt, weiß anzupacken und zeigt sich interessiert und lernbereit. Anna wiederum ist dankbar für die Anleitungen, die Angelika ihr gibt. Sie fühlt sich sichtlich wohl, wirkt schon fast wie ein vollwertiges Mitglied der Belegschaft.

Gesamten Prozess mitverfolgen
Bereits im letzten Jahr hat sie ein einwöchiges Praktikum bei Franz Haas absolviert: Allerdings in der Landwirtschaft, wie für die dritten Klassen vorgesehen. „Eigentlich liegt mir das auch mehr“, sagt Anna, „ich mag die Arbeit draußen an der frischen Luft.“ Das sei für sie auch der Grund gewesen, die Fachschule Laimburg zu besuchen. Denn Anna kommt nicht aus einem landwirtschaftlichen Betrieb, die Eltern der Brixnerin sind keine Bauern.
„Ich habe mich beim ersten Praktikum hier sehr wohlgefühlt, deshalb wollte ich auch das zweite bei Franz Haas machen. Und sehen, wie aus der Traube Wein wird, auch das finde ich spannend!“, erklärt Anna. Dabei weiß sie heute noch nicht, in welchem Bereich sie später einmal arbeiten möchte. Zunächst wolle sie die Schule – möglichst mit Matura – abschließen und dann weitersehen.

Wer sich einbringt, bereichert
Franziskus Haas ist zufrieden mit der neuen Praktikantin. Schon seit Jahren beschäftigt der Betrieb Franz Haas junge Menschen, die noch in der Ausbildung stehen: Aus dem In- und Ausland, von Universitäten, Fachhochschulen und Fachschulen, vorwiegend in der Landwirtschaft, aber auch im Keller. „Wir wundern uns oft darüber, wie wenig einige an Fachwissen mitbringen, auch wenn sie teilweise aus landwirtschaftlichen Betrieben zu uns kommen“, sagt Franziskus Haas. „Aber letztendlich kommt es darauf an, wie sehr sich jemand in die Materie einarbeiten mag, wie viel Interesse da ist. Viele entwickeln sich während ihres Praktikums sehr gut, das hängt aber hauptsächlich davon ab, ob sie wollen oder nicht“, meint er lapidar. Falls ein Praktikant sich willig zeige, sei er eine große Bereicherung für den Betrieb. Denn so ein junger Mensch bringe viel Leben mit ein.

Zuschauen reicht nicht
„Ein echtes Problem für uns als Praktikumsbetrieb ist, dass wir die Praktikanten nicht wirklich in die Arbeit mit einbinden können“, bemängelt Franziskus Haas. Dabei könne nur wirklich gelernt werden, was man selber und mit den eigenen Händen gemacht hat. Das Zuschauen allein sei einfach zu wenig. „Während der Erntezeit gibt es für uns keinen regulären Feierabend, wir fangen früh­morgens an und arbeiten bis spät in die Nacht hinein. Und das auch an den Wochenenden. Praktikanten aber haben klar festgelegte Zeiten, an denen sie morgens beginnen und abends aufhören, weshalb sie viel, was unsere Arbeit ausmacht, einfach nicht mitbekommen.“ Das Arbeiten in einer Kellerei sei anstrengend“, man hantiere mit Maschinen und teils schweren Lasten. „Aber auch da dürfen Praktikanten nicht mit anpacken“, kritisiert der Winzer.
Deshalb schaut Anna von unten zu, wenn Angelika mit den Eimern die Leitern hinauf- und hinunterklettert. Dafür hilft sie beim Einkellern, die Zusätze vorzubereiten, und geht da zur Hand, wo keine Gefahr besteht. Davor war sie beim Schönen, Filtrieren und Abfüllen der fertigen Weine behilflich und bereitete die Ernte mit vor. Das heißt vor allem putzen: die großen Stahltanks, die Barriques, die Pumpen.

Zusätzliche Belastung
Um den Praktikanten einen guten Einblick in die Arbeit geben zu können, braucht es laut Franziskus Haas auch einen guten Ausbilder: „Das heißt, dass sich jemand Zeit nimmt, um zu erklären und zu zeigen. Dieser Jemand fehlt dann aber im Betrieb oder ist zumindest nicht voll einsetzbar.“ Angelika, die auf weite Strecken diese Aufgabe des Ausbilders übernimmt, ergänzt: „Am Ende eines Arbeitstages muss ich geschafft haben, was zu tun war. Ein Praktikant ist dabei manchmal schon eine zusätzliche Belastung.“ Trotzdem mache sie das gerne. Es sei ihr ein echtes Anliegen, dass Praktikanten etwas lernen und bereichert den Betrieb verlassen.

Auch fürs Leben lernen
Jeden Tag schreibt Anna ein Protokoll über ihren Arbeitstag: Darin dokumentiert sie, was sie gemacht hat. Am Ende des vierwöchigen Praktikums wird sie den Betrieb anhand eines Fragebogens bewerten. Gleichzeitig evaluiert man gemeinsam, wie das Praktikum gelaufen ist, schließlich fließt das in die Bewertung der Schülerin mit ein.
Sonja Höfer erklärt: „Mit den Betriebspraktika wollen wir als Schule mehrere Kompetenzen der Schüler fördern: Zum einen müssen sich die jungen Leute selbst einen Betrieb aussuchen, damit in Kontakt treten und sich den Praktikumsplatz selber organisieren.“ Während des Praktikums sollen die im Unterricht erworbenen theoretischen Kenntnisse praktisch unterlegt und neue Fähigkeiten erworben werden.
„Besonders für jene Schüler, die aus einem landwirtschaftlichen Betrieb kommen, sollte das Praktikum auch einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen: Den jungen Leuten wird im Ausland oft erst klar, wie unterschiedlich die Realitäten in verschiedenen Regionen oder Sparten sein können.“ erklärt Sonja Höfer. Und nicht zuletzt: Die Schüler haben in den Praktikumswochen die Möglichkeit, ihre sozialen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, sie loten ihre Teamfähigkeit aus, versuchen, sich in den Betrieb zu integrieren, und lernen zu verstehen, wie sie sich darin nützlich machen können. Ein Lernen fürs Leben also.
Für Anna ist dieses Experiment schon einmal gut gegangen: Sie hat schon viel sehen und begreifen dürfen, hat sich gut in das Team eingegliedert und packt überall mit an, wo es ihr möglich ist.


www.fachschule-laimburg.it