Südtiroler Landwirt, Betriebsberatung | 30.09.2016

Gülle unter Strom: Mehr Achtsamkeit gefordert

Einen Moment nicht aufgepasst, und schon ist es passiert: Beim Ausbringen von Gülle in der Nähe von Stromleitungen kann viel schiefgehen. Es ist nicht nur gefährlich, sondern kann auch teuer werden. So geschehen im Pustertal. Der „Südtiroler Landwirt“ hat mit Experten darüber gesprochen. von Manuel Gruber

Für Landwirte, auf deren Wiesen sich Stromleitungsmasten befinden, gilt besondere Achtsamkeit beim Ausbringen der Gülle.

Für Landwirte, auf deren Wiesen sich Stromleitungsmasten befinden, gilt besondere Achtsamkeit beim Ausbringen der Gülle.

Beim Ausbringen von Gülle müssen Bauern, auf deren Wiesen Stromleitungsmasten stehen, besondere Vorsicht walten lassen. Denn wenn die Gülle auf die Leitungen gelangt, fällt der Strom aus. Die Folgen sind unangenehm – für die Stromgesellschaft wie für den Bauern.
Genau das ist dem Neffen einer Pusterer Bäuerin im Herbst vergangenen Jahres passiert. Die Gülle, die er auf den Flächen ausbrachte, landete nicht nur auf der Wiese, sondern versehentlich auch auf den Stromleitungen. „Das kann für den Bauern gefährlich werden“, erklärt Harald Baumgartner, Geschäftsführer des Maschinenrings Südtirol.

Hohe Schadenersatzforderungen
Aber damit noch nicht genug: Der Strom fiel aus, die Leitungen waren von der Gülle verdreckt. Der Vorfall wurde für den Landwirt teuer. Bereits kurz danach begann er, Schlimmes zu ahnen, drei Monate später wurde es Gewissheit: Die betroffene Stromgesellschaft schickte ihm eine Schadenersatzforderung von fast zehntausend Euro ins Haus.
Nur  wenige hundert Euro betrafen den direkten Schaden an den Stromleitungen.
Den viel größeren Betrag stellte die Gesellschaft für die Stromausfälle in Rechnung. Denn die Leitungen mussten von der Gülle gereinigt werden, wozu die Stromgesellschaft die Stromverbindung erneut unterbrechen musste.

Stromverbindung unterbrochen
Der Bauer hatte den Vorfall bei der betroffenen Stromgesellschaft gemeldet, wie Versicherungsberater Hubert Mayrl von Ecclesia Broker Assicurartivo in Klausen dem „Südtiroler Landwirt“ berichtet. Mayrl betreut den Fall versicherungstechnisch. Daraufhin schickte die Stromgesellschaft Arbeiter zur Reinigung ins Pustertal und unterbrach die Stromverbindung während der Arbeiten.

Indirekte Schäden von Versicherungen kaum gedeckt
Genau dieser Ausfall war der Grund für die hohe Schadenersatzforderung durch die Stromgesellschaft. Mayrl erklärt: „Die Stromgesellschaften haben durch ein neues staatliches Gesetz das Recht, für den Stromausfall Schadensersatz zu fordern. Diese Strafe für den indirekten Schaden ist weitaus höher als jene für den direkten.“
Das Problem dabei: Die meisten Versicherungen der Landwirte decken diese indirekten Schäden nicht, wie der Versicherungsexperte erklärt. So auch nicht bei dem Pusterer Bauern: Für den direkten Schaden ist er selbst verantwortlich. „Aber beim indirekten Schaden gilt es nun zu schauen, dass er nicht auf dieser hohen Forderung  sitzen bleibt“, betont Mayrl.

Versicherungspolizze prüfen
Leider ist das kein Einzelfall: Ähnliche Forderungen haben laut Mayrl auch andere Bauern im Land erhalten: „Es ging dabei um Geldsummen von bis zu 18.000 Euro“, erklärt der Versicherungsexperte. „Wir sind deshalb gerade dabei, die Polizzen der bei uns versicherten Landwirte dahingehend zu kontrollieren, dass auch indirekte Vermögensschäden abgedeckt sind.“ Gleichzeitig fordert er alle Landwirte dazu auf, ihre Versicherungspolizzen zu prüfen und sich auch gegen indirekte Schäden abzusichern. „Die Schadenersatzforderungen sind einfach enorm!“, sagt er.

Alternative Verfahren oft teuer
Thomas Prünster, Grünlandberater beim BRING Beratungsring Berglandwirtschaf erklärt: „Am besten ist natürlich, wenn es beim Ausbringen der Gülle gar nicht zu solchen Vorfällen kommt!“ So könne beispielsweise eine Ausbringungstechnik gewählt werden, die eine bodennahe Ausbringung der Gülle gewährleistet. Die Techniken Schleppschlauch, Schleppschuh und Injektor vermindern das Verstäuben von Güllebestandteilen. Aber: Diese Varianten sind mit hohen Anschaffungskosten verbunden und können zurzeit im steilen Gelände nicht eingesetzt werden, wie Thomas Prünster einräumt.

Steilheit des Geländes ausschlaggebend
Viele Landwirte müssen bei der Ausbringung der Wirtschaftsdünger aber weiterhin auf das sogenannte Hochdruckverfahren setzen, vor allem wenn es um Hanglagen geht. Ein Vorteil dieses Verfahrens ist laut Prünster, dass der Bauer den Dünger auf der gesamten Wiesenfläche verteilen kann. Bei Stromleitungen, die über die Wiese laufen, habe diese Technik aber einen gravierenden Nachteil: „Es genügt eine kleine Unachtsamkeit beim Ausbringen und die Gülle erreicht die Leitungen.“  
Ein Umstieg auf andere Ausbringungstechniken ist für so manchen Landwirt aber nicht einfach, sagt Prünster: „Die Art der Ausbringung muss nämlich primär an die Be­schaf­fenheit der Flächen angepasst werden. Vor allem die Steilheit ist dabei entscheidend. Landwirte mit Stromleitungen in ihren Wiesen sollten also mit besonderer Umsicht ans Werk gehen“, rät Prünster.