Südtiroler Landwirt, Produktion | 15.09.2016

Kirschessigfliege: Es bleibt schwierig

Sie hat dem heimischen Beeren- und Steinobstbau in diesem Sommer herbe Verluste beschert: die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii). Die Forschung ringt um Lösungsansätze, den Schädling in Griff zu bekommen. Die Weinbauern zittern. von Renate Anna Rubner

Der Vernatsch gehört zu jenen Sorten, die von der Kirschessigfliege bevorzugt heimgesucht werden.

Der Vernatsch gehört zu jenen Sorten, die von der Kirschessigfliege bevorzugt heimgesucht werden.

Entscheidend wird die Witterung der nächsten Wochen, wenn in Südtirol die Weinlese auf Hochtouren läuft. Hansjörg Hafner vom Beratungsring für Obst- und Weinbau ist momentan recht zuversichtlich: „Ich denke, wir werden noch einmal davonkommen“, schätzt er die Situation für Südtirols Weinbauern ein. Dabei seien die Vorzeichen in diesem Jahr zunächst sehr schlecht gewesen: „Die Eiablage der Kirschessigfliege war heuer im Weinbau so früh wie noch nie, bedingt durch das schwülwarme Wetter hatte der Schädling zunächst ideale Voraussetzungen, um sich auszubreiten.“
Durch die luftigere und trockenere Witterung der letzten Wochen habe sich die Situation aber deutlich beruhigt. In welchem Ausmaß der Schädling auch im Weinbau Verluste hervorrufen wird, ist zum momentanen Zeitpunkt noch nicht einschätzbar.

Mehr als 2000 Proben analysiert
Bauern und Berater bleiben jedenfalls wachsam, die Stimmung ist angespannt. Laufend werden Proben gesammelt und ausgewertet: Laut Hansjörg Hafner hat der Beratungsring in diesem Jahr bereits am 25. Juli mit dem Monitoring zur Kirschessigfliege begonnen. Seitdem wurden mehr als 2000 Proben (zu je 50 Beeren) entnommen und vom Beratungsring ausgewertet: über alle Sorten hinweg, aus allen Weinbaugebieten des Landes, direkt von Bauern oder über die Genossenschaften. Das Zusammenspiel der einzelnen Akteure stimmt, die Auswertung der Proben erfolgt schnell. Binnen 24 Stunden weiß der Bauer, ob in den Weinbeeren Eier der Kirschessigfliege abgelegt sind und wie viele. Gemeinsam mit seinem Weinbauberater kann er dann eine Strategie festlegen – abwarten oder behandeln.

Rebsorte und Erziehungsform spielen Hauptrolle
Obwohl die Weinbeere nicht zu den „Leibspeisen“ der Kirschessigfliege zählt, ist die Gefahr groß, dass bestimmte Sorten dem Schädling stark zum Opfer fallen: Das hängt auch damit zusammen, dass zur Beerenreife kaum anderes Futter zur Verfügung steht. Da kommen die Trauben gerade recht, bevorzugt jene mit dünner Schale. Die Schlupfrate auf Trauben ist aber um vieles geringer als beispielsweise auf Himbeeren. „Das ist ein Glück für den Weinbau“, erklärt Hansjörg Hafner.
Vor allem sind es die Sorten Vernatsch, Rosenmuskateller und Lagrein auf der Pergel, die von der Kirschessigfliege angepeilt werden. Aber auch der Müller-Thurgau gehört in diesem Jahr zu den Sorten, die öfter heimgesucht werden als andere. Die Berater beobachten, dass der Befallsdruck innerhalb der einzelnen Sorten aber auch stark variieren kann: Die Erziehungsform der Pergel schneidet beispielsweise deutlich schlechter ab, als es die luftigere Spaliererziehung tut. Die Umgebung spielt eine große Rolle, so wirkt sich Waldnähe eher negativ aus. Ganz schlecht ist es, wenn Hagelschlag oder andere Ereignisse für verletzte Früchte sorgen. Das zieht die Kirschessigfliege an. Zu guter Letzt spielt die Hygiene in den Anlagen eine wichtige Rolle: Wenn bei hohem Schädlingsdruck faulende Früchte anzutreffen sind, dann leidet die ganze Nachbarschaft darunter.

Bei Beeren und Kirschen Ausfälle bis zu 100 Prozent
Besonders im heimischen Beeren- und Kirschanbau hat es in diesem Sommer massive Ausfälle durch die Kirschessigfliege gegeben: Silvia Schmidt vom Versuchszentrum Laimburg befasst sich eingehend mit dem Schädling und ist zuständig für das Monitoring im Beeren- und Steinobstanbau. Sie erzählt: „Bereits ab Juli mussten im ganzen Land hohe Befallsraten durch die Kirschessigfliege verzeichnet werden. Besonders natürlich dort, wo keine Netze angebracht, aber auch keine anderen Bekämpfungsmaßnahmen gesetzt wurden.“
So habe man besonders in Hausgärten praktisch Totalausfall verzeichnen müssen. Aber auch so mancher Bauer hatte bei Kirschen beispielsweise Ausfälle von bis zu 100 Prozent hinzunehmen. Laut Erhebungen des Versuchszentrums bedeutet das für Südtirols Kirschernte Verluste von bis zu 50 Prozent ohne Netz und bis zu 20 Prozent dort, wo ein Netz zum Schutz der Kultur angebracht war.
Ähnlich dramatisch schaut es im Himbeer-anbau aus: Auch dort waren ohne Netz mancherorts Ausfälle von bis zu 100 Prozent zu verzeichnen. Mit Netz lag der Ausfall bei 20 bis 30 Prozent. Sehr beliebt bei der Kirschessigfliege sind Schwarzbeeren und Brombeeren. Die Ernteausfälle hier sind entsprechend.
Auch die Erdbeerernte wurde durch den Schädling gemindert. Dass es durchschnittlich nicht mehr als 15 Prozent weniger Ertrag gab als in normalen Jahren, ist laut Silvia Schmidt hauptsächlich dem Umstand zu verdanken, dass die Erdbeerernte bereits in vollem Gange war, als die Kirschessigfliege massiv auftauchte. So konnten zu Beginn der Erntesaison noch gesunde Früchte eingebracht werden, später waren die Ertragseinbrüche aber beachtlich.

Warme regnerische Sommer begünstigen Entwicklung
Die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) tauchte im Jahr 2009 erstmals in Italien auf: Der Wissenschaftler Alberto Grassi von der Fondazione Eduard Mach in San Michele all’Adige stieß zufällig auf Larven dieses neuen Schädlings. Bereits im Jahr danach konnten auch in Südtirol erste Fänge gemacht und leichte Schäden an Kirschen festgestellt werden. 2011 trat der Schädling dann massiv auf – plötzlich und unerwartet. Die nächsten beiden Jahre waren wieder ruhiger, bedingt durch das weniger vorteilhafte Wetter für die Entwicklung der Kirschessigfliege.
Sommer mit viel Regen und warmen Temperaturen wie 2014 oder in diesem Jahr sind dagegen ideal für den Schädling: Die Populationen bauen sich schnell auf, die Schäden sind oft verheerend.

Geforscht wird im Netzwerk
Im Versuchszentrum Laimburg wird indes fieberhaft geforscht: Bereits im Jahr 2011 hat man dort mit Versuchen begonnen, um Antworten auf viele Fragen zu finden: Wie ist die Biologie der Kirschessigfliege? Wie verhält sie sich? Wie kommt die Schädigung der Früchte zustande. Gleichzeitig stellte man Recherchen zu diesem Schädling an, der ursprünglich aus Japan stammt und deshalb im asiatischen Raum gut, aber auch in den USA bereits bekannt ist.
Schnell bildeten sich Netzwerke innerhalb verschiedener Forschungsanstalten in Europa, weil der Schädling plötzlich überall auftauchte. Nun versucht man mit gemeinsamen Kräften, Strategien gegen die Kirschessigfliege zu entwickeln. Ein Wissenschaftler dieses Netzwerks ist Gerd Innerebner. Er betreut die weinbaulichen Projekte, die am Versuchszentrum Laimburg zur Kirschessigfliege vorangetrieben werden.

Drei Strategien im Fokus
Laut Gerd Innerebner vom Versuchszentrum Laimburg gibt es derzeit mehrere Strategien, die von der Forschung verfolgt werden, wenn es darum geht, die Kirschessigfliege in den Griff zu bekommen.
Da wäre zunächst die Bekämpfung des Schädlings mit Pflanzenschutzmitteln. Getestet werden am Versuchszentrum verschiedene Präparate, sowohl chemisch-synthetische als auch solche, die im Bioanbau verwendet werden. Das Präparat Spinosad beispielsweise, das sowohl im konventionellen als auch im ökologischen Anbau zugelassen ist, zeigt zwar Wirksamkeit gegen die Kirschessigfliege, sein Einsatz muss aber zeitlich präzise gewählt werden, wie Gerd Innerebner erklärt: Die adulten Tiere, sprich die Fliegen selbst, müssen von dem Mittel erfasst werden, damit sie die Eier erst gar nicht in den Früchten ablegen können. Das ist aber ein schwieriges Unterfangen, wie der Wissenschaftler zugibt: Denn dazu müssen die Anlagen laufend auf die Tiere kontrolliert werden, um den exakten Zeitpunkt festlegen zu können. Denn wenn die Eier erst einmal in den Früchten liegen, brauchen sie bei idealen Bedingungen (etwa 25 °C) gerade einmal 24 Stunden, bis die Larven schlüpfen. Die beginnen dann zu fressen, Saft tritt aus, und die Tragödie nimmt ihren Lauf: Sekundärschädlinge nisten sich ein, Bakterien (vor allem Essigbakterien), Pilze und die altbekannte Essigfliege (Drosophila melanogaster). Die Früchte sind wertlos.

Einnetzen als Lösungsansatz
Die zweite, bisher viel versprechendere Strategie sehen die Wissenschaftler im Einnetzen: Allerdings muss das vor dem Auftreten der Fliege passieren und die Kulturen auch ganz abdecken. Das bedeutet, dass es auch ein Gerüst dazu braucht. Der Arbeitsaufwand ist entsprechend groß, die Kosten erheblich.
Die bisherigen Ergebnisse lassen aber hoffen. Eine Diplomarbeit befasst sich gerade mit dem Thema, welche Art von Netz (groß- oder kleinmaschig, schwarz oder weiß) sich im Weinbau eignet und ob sich die Netze auf die Inhaltsstoffe der Weinbeeren auswirken: Wird die Reife verzögert, oder werden wertvolle Inhaltsstoffe reduziert? Klare Ergebnisse stehen aber noch aus, erste Erhebungen werden zur diesjährigen Ernte gemacht.

Spezifische Antagonisten gesucht
Ein weiterer Regulierungsansatz basiert laut Gerd Innerebner auf dem Einsatz von Parasiten, die den Schädling töten sollen. Allerdings steht die Forschung hier noch ziemlich am Anfang. Denn es gibt zwar in Japan Insekten, die als Antagonisten der Kirschessigfliege eingesetzt werden, es ist aber nicht möglich, diese zu importieren.
Eine italienische Firma bietet eine heimische Zehrwespe an, die ihre Eier in die Puppe von Essigfliegen legt. Die schlüpfenden Larven ernähren sich dann von der Puppe, sie stirbt ab. Sie ist allerdings unspezifisch und legt ihre Eier auch in Larven und Puppen anderer Essigfliegen. Aber man lässt sich dadurch nicht entmutigen. Die Suche geht weiter. Langsam lernt man, mit dem Schädling umzugehen. Denn los werden wir ihn nicht mehr ...