Südtiroler Landwirt, Betriebsberatung | 15.09.2016

Durchforsten lohnt sich

Warum sich die Waldpflege für Waldbesitzer auch finanziell lohnt, hat Stefan Schwingshackl von der Forststation Sand in Taufers anhand von drei gepflegten Waldflächen in Mühlwald in einer Rentabilitätsberechnung errechnet. von Stefan Schwingshackl, Forststation Sand in Taufers

Durchforstung in der Gemeinde Mühlwald – Pflegemaßnahmen bringen Vorteile sowohl für Wald als auch Waldbesitzer.

Durchforstung in der Gemeinde Mühlwald – Pflegemaßnahmen bringen Vorteile sowohl für Wald als auch Waldbesitzer.

Die Waldpflege ist eine der wichtigen Maßnahmen im Bereich der Forstwirtschaft. Grund hierfür: Um die Schutzfunktionen des Waldes vor Lawinen, Steinschlag und Muren sowie die Stabilität des Bestandes auch langfristig zu erhalten und zu verbessern, ist es wichtig, die Wälder weiterhin in regelmäßigen Abständen zu pflegen. Auch in Wirtschaftswäldern ist eine Waldpflege wichtig, um Qualitätsholz zu produzieren.
Solche Pflegeeingriffe können sich aber auch finanziell für den Waldbesitzer lohnen, wie eine Rentabilitätsberechnung zeigt. Diese wurde anhand von drei Waldflächen in der Gemeinde Mühlwald erstellt.

Große Waldflächen pflegen
Insgesamt sind in der Gemeinde Mühlwald 3400 ha bewaldet, etwa 2000 ha liegen unter 1800 Meter Meereshöhe. Es handelt sich vorwiegend um Fichtenwälder mit beigemischter Lärche. In den von Natur aus geschlossenen und einschichtigen Bestände konkurrieren die Bäume untereinander stark und bilden schlanke Kronen aus. Dies macht die Waldbestände schneedruck-, windwurf- und borkenkäferanfällig. Etwa 600 ha befinden sich in zugänglichem Gelände und in einem pflegebedürftigen Entwicklungsstadium. Da eine Waldpflege im Durchschnitt etwa alle zehn Jahre notwendig ist, ergibt sich für die Gemeinde Mühlwald eine jährliche zu pflegende Fläche von 60 ha. Die Erfahrung zeigt, dass jährlich ein Drittel davon gepflegt wird. Die große Bereitschaft der Eigentümer zum Waldpflegen ist dabei lobend hervorzuheben. Erschwerend kommt in Mühlwald das steile Gelände hinzu: Deshalb erfolgt die Holzernte mittlerweile fast zur Hälfte mittels Seilkran und auch bei den Waldpflegearbeiten kommt dieser immer öfter zum Einsatz. Ähnlich verhält sich das auch in den restlichen 370.000 ha Wald in Südtirol.
Eine Stichprobenkontrolle bei einer Durchforstung in Mühlwald hat gezeigt, dass es sich bei einer solchen Seilkrannutzung um eine schonende Bringung handelt: Nur elf Prozent der verbleibenden Bäume haben demnach nach der Seilkrannutzung eine Rinden- oder Wurzelschädigung aufgewiesen. Diese Verletzungen können die Holzqualität und das weitere Baumwachstum negativ beeinflussen.
Seilnutzungen sind für den Boden und Waldbestand somit wesentlich schonender als Holzrückungen mit Traktorseilwinde und Handrückungen. Untersuchungen in Österreich und der Schweiz haben zudem ergeben, dass neben der schonenden Arbeit des Waldarbeiters die Baumart und die Art des Holz­ernteverfahrens ausschlaggebend für die Verletzungsgefahr und Fäuleanfälligkeit sind.

Unterschiedliche Qualität und Wüchsigkeit
Auch in den drei Waldflächen, die für die Rentabilitätsberechnung herangezogen wurden, setzten die Waldverantwortlichen bei den Pflegearbeiten auf einen Seilkran. Aufgrund der unterschiedlichen Höhenlage und Exposition kann die Wüchsigkeit und Qualität der drei Bestände in gut, mittel und schlecht eingestuft werden. Im Folgenden sollen die drei Flächen kurz vorgestellt werden:
- Der erste Waldkomplex befindet sich auf der Sonnenseite des Mühlwalder Tales auf einer Meereshöhe von 1650 bis 1750 Metern und ist in Privatbesitz. Aufgrund des trockenen Standortes und der Höhenlage ist die Wuchsleistung des Waldbestandes gering bis mäßig. Die Fichte bildet mit einem Vorkommen von etwa 70 Prozent die Hauptbaumart, die Lärche kommt mit einem Anteil von 30 Prozent beigemischt vor. Insgesamt wurde hier eine Fläche von 2,3 Hektar durchforstet: Das entnommene Holz wurde mit drei Seillinien bergauf aus dem Bestand gebracht.
- Der Waldkomplex mit mittlerer Wüchsigkeit und Qualität befindet sich auf der Schattenseite des Mühlwalder Tales auf einer Meereshöhe von 1600 bis 1750 Metern und ist in Gemeindebesitz. Es handelt sich hierbei um einen Wald mit ausreichendem Wasserhaushalt. Die Fichte bildet mit einem Vorkommen von etwa 90 Prozent die Hauptbaumart, die Lärche kommt mit einem Anteil von ca. zehn Prozent eingesprengt vor. Insgesamt wurde hier eine Fläche von 3,4 Hektar durchforstet: Dazu wurden fünf Seillinien angelegt, um das anfallende Holz bergauf aus dem Waldbestand zu bringen.
- Der dritte Standort befindet sich auf der Schattenseite des Mühlwalder Tales auf einer Meereshöhe von 1100 bis 1250 Metern und ist in Privatbesitz. Aufgrund des frischen Standortes und der tieferen Höhenlage sind das Wachstum und die Qualität der Bäume hier gut. Die Fichte ist auch hier die Hauptbaumart, auf der restlichen Fläche wachsen eingesprengt Lärchen. Insgesamt wurde an diesem Standort eine Fläche von 1,6 Hektar durchforstet. Die Holzbringung erfolgte mit zwei Seillinien bergab.

Kostenfaktoren von Waldpflegemaßnahmen
Diese drei Waldflächen zeigten, dass die Kosten von Waldpflegemaßnahmen wesentlich von folgenden Faktoren abhängig sind: Bestandsalter, entnommene Holzmenge, Holzqualität, Verwertung des Holzes, Erschließung und Hangneigung. Um die Kosten für die Waldpflegearbeiten zu berechnen, wurden die durchschnittlichen Stundensätze verwendet. Zusätzlich gilt: In den manuellen Kosten für Waldarbeiter sind auch die Lohnnebenkosten enthalten, in den maschinellen Stundensätzen die Kosten für Versicherung, Abschreibung und Wartung. Für die Berechnung der Kosten für die Seilbringung wurde zusätzlich der Stundensatz eines Kleinkippmastes mit Prozessor herangezogen. Diese Stundensätze zeigt Tabelle 1. Die Berechnung an den drei Beispielen ergab, dass die durchschnittlichen Arbeitskosten für Schlägerung und Bringung zwischen 59 und 70 Euro je Festmeter Holz liegen.
Für die Berechnung der Einnahmen pro Hektar wurden jene Preise verwendet, die in Südtirol 2015 durchschnittlich für den Holzverkauf erreicht wurden (Tab. 2).
Daneben fließen auch waldbauliche Daten (Tab. 3) in die Rentabilitätsrechnung mit ein: Die Gesamtfläche der drei Waldbereiche beträgt 7,3 Hektar. Die durchschnittliche Hangneigung ist mäßig steil bis steil und somit ein optimales Seilkrangelände. Bei den Waldflächen beträgt die entnommene Menge 0,3 Kubikmeter Holz pro Laufmeter Seillänge. Alle Faktoren in der Berechnung berücksichtigt (s. Tab. 4 und Tab. 5) ergibt sich für die Rentabilität der Durchforstung folgendes Ergebnis: Der durchschnittliche Gesamterlös (aus Holzverkauf und Beitrag) liegt zwischen 954 und 1606 Euro pro Hektar (s. Tab. 6). Die Waldpflege lohnt sich für den Eigentümer somit auch finanziell.

EU fördert Waldpflege –  Potenzial auch im Energiesektor
Daneben versucht auch die Europäische Union, Waldpflegearbeiten finanziell zu unterstützen. So ist im EU-Entwicklungsprogramm 2014–2020 vorgesehen, dass Waldpflegearbeiten unterstützt werden, um die Stabilität und Gesundheit der Wälder zu verbessern. Gefördert wird die Dickungspflege und Durchforstung, wobei die Förderhöhe wesentlich vom Bestandsalter ­abhängt. Vo­raussetzung für Beiträge ist eine betroffene Mindestfläche von einem Hektar.
Daneben sind Durchforstungen auch für den Energiebereich interessant. So wäre es in Mühlwald möglich, mit dem entnommenen Brennholz aus den Durchforstungen den Energiebedarf des Fernheizwerkes zu decken. Jährlich verbraucht dieses 1500 Festmeter an Brennholz, gleichzeitig ergibt sich bei 60 Hektar an zu pflegender Waldfläche und bei einer zu entnehmenden Holzmenge von 70 Festmetern pro Jahr eine Brennholzmenge von rund 2000 Festmeter. Damit lassen sich 3,6 Millionen Kilowattstunden an Energie produzieren.


Hintergrund

Mit Waldpflegeeingriffen Holzzuwachs lenken
Bereits im 19. und 20. Jahrhundert wurden Wälder durchforstet, vorwiegend mit dem Ziel, Brennholz zu entnehmen. Dabei wurden großteils unterdrückte und abgestorbene Bäume aus dem  Wald entnommen, wodurch sich einschichtige Bestände entwickelten (= Niederdurchforstung).
Die Qualität und Stabilität der verbleibenden Bäume wurde dadurch nicht verbessert. Die Waldpflegeeingriffe von heute zielen dagegen auf einen Eingriff in die Oberschicht der Waldbestände ab: Dafür werden bereits im beginnenden Stangenholzstadium Zukunftsbäume ausgewählt. In diesem Stadium hat der Baumbestand eine Höhe von zehn bis 20 Metern und einen Baumdurchmesser von zehn bis 20 Zentimetern. Entscheidend für die Auswahl sind die Kriterien:  Stabilität, Qualität und Gesundheit des Baumes.
Im Laufe der weiteren Bestandsentwicklung werden die Zukunftsbäume von ihren größten Bedrängern weiter freigestellt. Besondere Aufmerksamkeit in der Waldpflege erhält die Förderung von Mischbaumarten, wie Lärche und Laubhölzer. Hauptziele von Waldpflegeeingriffen sind die Verbesserung der Bestandsstabilität und die Lenkung des Holzzuwachses auf die ausgewählten Zukunftsbäume. Die Förderung seltener Mischbaumarten erhöht die Artenvielfalt. Wichtig ist diese Waldpflege nicht nur im beschriebenen Stangenholzstadium, sondern auch im Dickungsstadium. Dabei liegt ein Bestand mit einer Höhe von zwei bis zehn Metern vor.  


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