Südtiroler Landwirt, Politik | 15.09.2016

Bildungsnetzwerk mit Mehrwert

Der Aufschrei war groß: Vor zweieinhalb Jahren verschob die neue Landesregierung die Zuständigkeit für die land- und hauswirtschaftlichen Fachschulen ins Bildungsressort. „Die Entscheidung war richtig!“, sagt Landesrat Philipp Achammer im Rückblick.

(Foto: Sassi, www.pixelio.de)

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Seit der Verschiebung der Abteilung 22 vom Landwirtschaftsressort in das deutsche Bildungsressort ist Landesrat Philipp Achammer für die land-, forst- und hauswirtschaftlichen Fachschulen zuständig. Die bäuerlichen Standesvertreter befürchteten: „Geht damit der Bezug zur bäuerlichen Praxis verloren?“ Wie Achammer das heute sieht und was er noch vorhat, lesen Sie im folgenden Interview.

„Südtiroler Landwirt“: Warum wurde die Abteilung in das Bildungsressort verschoben?
Philipp Achammer: Vielleicht eine kleine Geschichte vorweg: Genau dieses Thema hat die längste Diskussion in den Verhandlungen zum Koalitionsprogramm ausgelöst. Die Landwirtschaftsvertreter waren sehr besorgt. Aus heutiger Sicht war es eine gute Entscheidung: Es entsteht ein Mehrwert, wenn alle Bildungsagenden in einer Hand sind.

Sie sehen also wertvolle Synergien?
Die land- und hauswirtschaftlichen Fachschulen haben besonders im didaktischen und pädagogischen Bereich ähnliche Probleme und Themen wie andere Schulen. Daran können wir jetzt verstärkt gemeinsam arbeiten. Beispielweise wurde ein gemeinsames Programm zur Vorbeugung zum Schulabbruch erarbeitet. Dieser große Mehrwert zeigt sich vor allem dann, wenn die Koordination aus einer Hand erfolgt.
Gleichzeitig muss jede Schule auch in Zukunft ihre eigenen Charakteristika bewahren: Natürlich gilt dies auch für die haus- und landwirtschaftlichen Fachschulen. Wo es aber Gemeinsamkeiten gibt, ist es sinnvoll, diese zu bündeln.

Die Vertreter der Landwirtschaft befürchteten, dass der Praxisbezug verloren geht …
Genau um das zu vermeiden, haben wir ein Netzwerk zwischen den land- und haus-wirtschaftlichen Schulen und den bäuerlichen Organisationen und Verbänden eingerichtet. Darin werden alle Themen rund um die Fachschulen gemeinsam aufgearbeitet. Zudem steht diesem Netzwerk neben mir als Bildungslandesrat auch der Landwirtschaftslandesrat vor.
Allein dass es dieses Netzwerk gibt, hat allen gezeigt, dass der Wechsel ins Bildungsressort einen Mehrwert für alle schafft. Der Austausch mit der Praxis hat durch den Übergang auf keinen Fall Schaden gelitten, ja wurde vielleicht sogar aufgewertet. So haben sich die anfänglichen Befürchtungen zum größten Teil aufgelöst. Auch in der Abteilung 22 ist man inzwischen überzeugt, dass es einen Mehrwert bringt, mit den übrigen Schulen an einem Tisch zu sitzen.

Schulen sollen festlegen, wie die „Begegnung Wirtschaft und Schule“ möglich ist. Was heißt das für die Land- und Hauswirtschaft?
Wir mussten diese Vorgabe der staatlichen Bildungsreform übernehmen. Aber ich bin mir sicher: Unsere Schulen werden keine Schwierigkeiten haben, einen guten dreijährigen Entwicklungsplan zu erarbeiten und zu beschreiben, wie sie sich den Austausch zwischen Wirtschaft und Schule vorstellen. Sie können gut auf die bisherigen Erfahrungen aufbauen. Auch hier bestätigt sich: Die Fachschulen orientieren sich stark an der Praxis und den sich verändernden Ansprüchen der Landwirtschaft, wenn sie ihre Lehrpläne entwickeln.

Zum zweiten Mal fand heuer an den Fachschulen die staatliche Abschlussprüfung – also die ehemalige Matura – statt: Welches Fazit ziehen Sie?
Die Ergebnisse der letzten zwei Jahre waren unterschiedlich: Einigen Schülerinnen und Schülern ist es weniger gut gegangen, andere brachten Höchstleistungen. Unsere grundsätzliche Herausforderung ist, die Jugendlichen gut auf die Prüfung vorzubereiten. Davon hängen die Ergebnisse stark ab, ebenso wie vom Einsatz des Jugendlichen selbst.
Zentral ist die Durchlässigkeit der Bildungswege: Wenn jemand die Matura machen will, muss er die Möglichkeit dazu haben. Deshalb müssen wir uns auch von der Idee verabschieden, dass es zur Matura nur den Weg über die Gymnasien oder Fachoberschulen gibt. Keinesfalls handelt es sich aber um eine „leichtere“ Matura. Sie wird dadurch auch nicht abgewertet.
Gleichzeitig ist klar: Nicht jeder muss die Matura machen. Denn eine gute praktische Ausbildung – also der Abschluss nach drei oder vier Jahren – hat ebenso einen hohen Wert.

Genau das aber meinen einige: Dass die staatliche Abschlussprüfung den anderen Abschlüssen an ihren Wert nimmt …
Auf keinen Fall wertet das die praktische Ausbildung ab. Im Gegenteil: Wer hier eine Matura ablegt, hat gegenüber Maturanten an Fachoberschulen oder Gymnasien sogar einen Vorteil: Er hat zwei Berufstitel: die praktische Ausbildung – z. B. mit einem Berufsbildungsdiplom – und dann noch die Matura. Gleichzeitig wollen wir nicht die Botschaft vermitteln, dass Jugendliche, die eine drei- oder vierjährige Ausbildung absolvieren, zur Matura weitergehen müssen.

Nach der staatlichen Abschlussprüfung ist der Zugang zu einer Hochschule möglich: Besteht hierzulande Bedarf für eine Fachhochschule für Landwirtschaft?
Eine höhere Berufsbildung mit viel Praxis halte ich grundsätzlich für etwas Positives. Die Voraussetzung ist, dass sie einen Mehrwert für das Territorium bringt: Es sollen dort hoch qualifizierte Arbeitskräfte ausgebildet werden, für die es aber auch einen Bedarf aus den Betrieben und Branchen vor Ort gibt.
Deshalb gilt es auch, gemeinsam mit den Verbänden und Betrieben zu schauen, was für Südtirol interessant sein könnte. Wir diskutieren zudem darüber, dass nicht nur Maturanten dazu Zugang haben, sondern beispielsweise auch Abgänger einer Fachschule oder einer Meisterausbildung.

Viele Landwirte müssen nach der Ausbildung neben der Landwirtschaft einen weiteren Beruf ausüben. Wie stehen Sie zu dieser Mehrberuflichkeit?
Sicher, wir müssen hier die nötigen Vo­raussetzungen schaffen, damit die Bauern für die Landwirtschaft und einen eventuellen weiteren Beruf als Einnahmequelle qualifiziert sind. Ich stehe dem absolut positiv gegenüber, dass erworbene Kompetenzen aus einer gewissen Ausbildung künftig im Sinne der Mehrberuflichkeit für den Nachweis eines anderen Berufs anerkannt werden. Die Diskussionen dazu sind auf einem guten Weg.

Die Lehrlingszahlen gehen zurück: Wer ist nun wie gefordert?
Gefordert sind alle: Die Schulen tun das Ihre, es müssen aber auch die Verbände das Ihre tun, um die duale Ausbildung zu stabilisieren; ebenso wie die Betriebe auch in schwierigen Zeiten bereit sein müssen, nach wie vor auszubilden. Dies soll auch der im Vorjahr zwischen Verbänden, Gewerkschaften und Schulen unterzeichnete Lehrlingspakt vermitteln. Mit ihm wollen wir die Qualität der Lehrlingsausbildung und eine verstärkte Orientierung an den Bedürfnissen der Wirtschaft sichern.
Gleichzeitig wollen wir nochmal, das Ansehen der dualen Ausbildung aufwerten, denn die Lehre muss ein ganz starker Faktor in unserem Bildungssystem sein. Die letzten Anzeichnen sind zwar leicht positiv, aber es ist auf vielen Ebenen noch viel zu tun.

Die Fachschulen sind auch in der Weiterbildung tätig: Wie sichern Sie hier den Bezug zur landwirtschaftlichen Realität?
Gerade das Netzwerk zwischen der Abteilung 22 und den bäuerlichen Organisationen kann dies gewährleisten. Beispielsweise sind wir in einem guten Kontakt mit der Bäuerinnenorganisation, wenn es um Bäuerinnenschule oder Bäuerinnenausbildung geht.
Dieser enge Kontakt bringt einen hohen Mehrwert. Zudem orientieren wir die
Weiterbildungsangebote nun stärker an den Bedürfnissen, zum Beispiel bei den Weiterbildungstarifen. Wir haben insgesamt ein sehr gut aufgestelltes Weiterbildungangebot.

Was steht in der zweiten Hälfte der Legislaturperiode im Bildungsressort für die Fachschulen an?
Mit Jahresbeginn 2017 werden die land- und hauswirtschaftlichen Fachschulen sowie der Berufsbildung in autonome Körperschaften umgewandelt. Das wird eine große Herausforderung für die Schulen. Damit erhalten sie organisatorisch, didaktisch und finanziell Autonomie. Dies bedeutet für die Schulstandorte zwar einen Mehraufwand, eröffnet ihnen aber noch mehr autonome Spielräume.  
Zudem steht im kommenden Jahr die Reform des Mittbestimmungsrechts der Schulen an, das auch für haus- und landwirtschaftliche Schulen Mitbestimmungsgremien vorsieht.
Allgemein ist es unsere Aufgabe, als Bildungspolitik die Rahmenvoraussetzungen zu schaffen, damit die Schulen gut arbeiten können.

Interview: Manuel Gruber

Bildungslandesrat Philipp Achammer: „Der Austausch zwischen Landwirtschaft und Schulen ist gut.“

Bildungslandesrat Philipp Achammer: „Der Austausch zwischen Landwirtschaft und Schulen ist gut.“