Südtiroler Landwirt, Politik | 05.09.2016

„Lebensmittel sind sicher“

Für Andreas Hensel, Präsident des deutschen Bundesinstitutes für Risikobewertung, kommt der Sortenzüchtung in Zukunft eine große Bedeutung zu. Die Lebensmittel sind „so sicher wie nie zuvor“, sagte er dem „Südtiroler Landwirt“ am Rande einer Pressekonferenz.  von Michael Deltedesco

Prof. Hensel, das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) prüft unter anderem die Sicherheit von Lebensmitteln. Experten sagen, Lebensmittel sind heute so sicher wie nie zuvor. Das Misstrauen der Verbraucher ist aber doch recht hoch …
Wir haben heute erstens ein sehr ausgeklügeltes System der Überwachung, das Lebensmittel sicher macht. Zweitens ist der Produzent von Lebensmitteln auch für die Sicherheit zuständig und daher bestrebt, nur einwandfreie Lebensmittel auf den Markt zu bringen. Wären Lebensmittel nicht ok, würde sie der Handel sofort auslisten. Zudem kann eine handfeste Krise die Existenz der Hersteller gefährden. Das alles führt dazu, dass Lebensmittel verschiedener Hersteller zwar immer ähnlicher werden, dafür aber auch viel sicherer. Die Wahrnehmung der Verbraucher ist oft eine andere: Sie lesen, dass irgendein Stoff in einem Lebensmittel gefunden wurde und glauben, das Produkt sei deshalb schlecht.

Sind Rückstände, die in oder auf Lebensmitteln gefunden werden, nicht doch bedenklich?
Wir können heute Stoffe eine Million Mal besser nachweisen. Wo früher nichts gefunden wurde, haben wir heute einen Nachweis. Doch auch wenn wir Rückstände oder Stoffe finden würden, die eine in sich wohnende „Giftigkeit“ haben, heißt das noch lange nicht, dass das irgendwie besorgniserregend ist: In jedem Lebensmittel finden wir einige Moleküle von potentiell gesundheitsschädlichen Substanzen.
Die eigentliche Frage aber ist: Wie viel von dieser Substanz ist in den Lebensmitteln drinnen, und ist diese Menge dann biologisch noch relevant? Viel oder wenig: Das ist das Wichtige. Es ist Aufgabe der Risikobewertung, zu prüfen, ab wann eine Substanz schädlich ist und interveniert werden muss.

Konsumenten sehen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zunehmend kritisch. Experten berufen sich häufig auf die strengen Zulassungsverfahren, die Sicherheit geben sollen. Wie genau wird denn die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln geprüft?
Mittlerweile ist die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln der am stärksten regulierte Bereich in Europa. Die Testverfahren sind genau festgeschrieben, es ist genau geregelt, wie Rückstände berechnet werden. Auch die Wirkung auf die Anwohner wird berücksichtigt. Alle Daten werden dann auf die sensibelste Bevölkerungsgruppe, die Kinder, zurückgerechnet. Die Hypothese ist: Wenn ein Pflanzenschutzmittel den Kindern nichts macht, macht es den Erwachsenen auch nichts. Das alles ist sehr aufwändig, das Bewertungsverfahren dauert häufig viele Jahre.

Manche Konsumenten fordern eine Landwirtschaft ohne Pflanzenschutzmittel …
Das ist ein sehr elitärer Standpunkt von Menschen, die nie hungern mussten. Fakt ist: Wir können heute die Menschen satt machen – dank Düngung und Pflanzenschutz. Eine Landwirtschaft gänzlich ohne Pflanzenschutz ist, glaube ich, nicht die Lösung, wenn wir die gesamte wachsende Weltbevölkerung ernähren wollen.
Wer Lebensmittel möchte, die ohne synthetische Pflanzenschutzmittel hergestellt werden, kann Biolebensmittel kaufen. Aber auch der Biolandbau kommt nicht ohne Pflanzenschutz aus. Die eingesetzten Mittel sind zwar natürliche Mittel, sie müssen aber genauso geprüft werden wie alle anderen.

Ist aus wissenschaftlicher Sicht der biologische Anbau also besser als der integrierte?
Die oft verwendete Unterscheidung „natürlich“ und „chemisch-synthetisch“ ist eher unwissenschaftlich. Es kommt auf die Stoffe selbst an, die ausgebracht werden, und nicht, wo sie herkommen. Zu sagen: Ein Pflanzenschutzmittel ist besser, weil es natürlich vorkommt, ist fragwürdig. Kupfersulfat in höheren Konzentrationen aufzunehmen, ist auch nicht besonders gesundheitsfördernd.

Im heimischen Obst- und Weinbau ist die integrierte Produktion Standard. Wie sehen Sie die integrierte Produktion?
Die Fortschritte im integrierten Obstbau sind beeindruckend. Einige Maßnahmen sind auch der Tatsache geschuldet, dass einige Pflanzenschutzmittel inzwischen nicht mehr zugelassen sind.
Jedem Landwirt muss klar sein: Er darf Mittel nur so anwenden, wie es vorgeschrieben ist. Zudem ist es ein Gebot der Stunde, den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu minimieren, wo es nur geht. Viel erreichen kann man durch die Ausbringungstechnik. Auch die Pflanzenschutzmittel werden sich verändern. Man wird mehr biologische Mittel verwenden. Das ist der eine Weg. Der zweite ist die Sortenzüchtung. Man schneidet aus Pflanzen bestimmte Gene raus und kombiniert sie mit anderen Genen, um Resistenzen aufzubauen. Da ist kein fremdes Material drinnen, das ist wichtig. So wird künftig der Pflanzenschutz aussehen, auch weil die Systeme sehr einfach, preiswert und schnell umzusetzen sind.

Kommen wir zum Reizwort Glyphosat: Das Bundesinstitut für Risikobewertung ist mit seiner Bewertung letzthin kritisiert worden.
Wir sind diejenigen, die gesagt haben, dass Glyphosat nicht krebserregend ist. Glyphosat ist seit 40 Jahren auf dem Markt, wir haben uns alle Studien angeschaut und sind zu diesem Schluss gekommen. Sämtliche EU-Mitgliedsstaaten haben sich unserer Meinung angeschlossen, und interessanterweise auch eine Kommission der WHO.

Wieso war die öffentliche Meinung dann so stark gegen den Einsatz von Glyphosat?
Einige Gruppen haben ein Interesse daran, dass das Produkt vom Markt genommen wird. Die Gentechnik funktioniert nur mit Glyphposat. Die Strategie dieser Interessensgruppen ist klar: Gelingt es, den Einsatz von Glyphosat zu kippen, kippt auch die Gentechnik. Nicht zuletzt ging es gegen die gesamten Pflanzenschutzmittel. Dabei ist Glyphosat relativ untoxisch: Es hat dieselbe Toxizität wie Kochsalz.

Ein heikles Thema ist auch die Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf die Bienen. Wie ist hier der Stand der Wissenschaft?
Wie Pflanzenschutzmittel auf Bienen wirken, ist eines der wichtigsten Kriterien bei der Zulassung, weil die Biene die Grundlage für den Pflanzenbau ist. Es gibt Pflanzenschutzmittel, die bienenschädlich sind. Sie dürfen nur unter ganz bestimmten Auflagen eingesetzt werden. Was wir zum Schutz der Bienen brauchen, sind zusätzliche Konzepte, um die Bienenvölker wieder zu stärken: Blühstreifen, Stilllegungsflächen usw.

Sie haben einen Appell an die Konsumenten gerichtet. Was sagen Sie ihnen?
Sich das Essen nicht vermiesen zu lassen. Essen soll Spaß machen!


Hintergrund

Was macht das BfR
Prof. Andreas Hensel ist Präsident des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR), das zum Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gehört. Aufgabe der 2002 gegründeten Einrichtung ist es, Gutachten und Stellungnahmen zu allen wissenschaftlichen Fragen der Lebensmittel- und Futtermittelsicherheit sowie zur Sicherheit von Chemikalien und sonstigen Produkten wie Kosmetika und Spielzeug zu erarbeiten. Die unabhängige, politikberatende Behörde betreibt selbst Forschung.  

Andreas Hensel: „Wir sind diejenigen, die gesagt haben: Glyphosat ist nicht kreberregend.“

Andreas Hensel: „Wir sind diejenigen, die gesagt haben: Glyphosat ist nicht kreberregend.“