Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 05.09.2016

Fragebogen mit Mehrwert

In den Sommermonaten haben die Südtiroler Milchhöfe ihren Mitgliedern einen ausführlichen Fragebogen zugeschickt. Sennereiverband-Direktorin Annemarie Kaser und Universitätsprofessor Matthias Gauly sind völlig überzeugt: Der Aufwand für Bauern und Genossenschaften macht sich bezahlt.

Annemarie Kaser und Matthias Gauly betonen: Die Umfrage ist den Aufwand wert! Die Daten sind äußerst wertvoll für die Südtiroler Berglandwirtschaft.

Annemarie Kaser und Matthias Gauly betonen: Die Umfrage ist den Aufwand wert! Die Daten sind äußerst wertvoll für die Südtiroler Berglandwirtschaft.

Südtiroler Landwirt: Südtirols Milchbauern mussten kürzlich einen Fragenkatalog der Milchhöfe bzw. des Sennereiverbandes beantworten. Warum war das notwendig?

Annemarie Kaser: In erster Linie haben wir auf eine Forderung des Marktes reagiert. Alle marktführenden Handelsketten verlangen von ihren Lieferanten einen Nachhaltigkeitsnachweis –  und das international. In der EU sind die nordischen Länder, aber auch Deutschland früh gestartet. Die Handelsketten verhalten sich dabei knallhart: Entweder du lieferst den Nachweis, oder ich kaufe woanders ein. Die Südtiroler Milchwirtschaft musste also reagieren. Mit dem Fragekatalog sammeln wir die dafür nötigen Daten.


Also viel Aufwand, weil der Handel es so will?

Matthias Gauly:
Ja und nein! Ja, weil der Handel auf eine sensible Öffentlichkeit, auf sensible Medien und vor allem auf sensible Kunden reagiert. Viele Verbraucher kaufen heute Joghurt nicht nur, weil es gut schmeckt. Es fließen andere Ansprüche mit ein: Wurde es besonders naturschonend produziert, stammt es von glücklichen Kühen, unterstütze ich damit Bergbauern usw.? Der Handel gibt diese Fragen an die Produzenten weiter und auch die Südtiroler Milchwirtschaft muss darauf Antworten geben.
Nein sage ich deshalb, weil dieser Fragebogen darüber hinaus eine große Chance ist: als Nebeneffekt erhalten wir einen wunderbaren Datenschatz. Er liefert uns eine fundierte Stärken-Schwächen-Analyse. Wir erhalten nicht nur die wissenschaftlichen Argumente, um am Markt besser punkten zu können. Wir sehen auch, wo sich die Milchwirtschaft verbessern kann!
Annemarie Kaser: Deshalb sind diese Daten ein immenser Mehrwert! Jeder einzelne Bauernbetrieb, jeder Milchhof und der Sennereiverband können bewerten, wo sie stark oder schwach sind – und entsprechende Zukunftsstrategien entwickeln. Auch der Politik können wir Zahlen vorlegen und gezielte Maßnahmen für optimale Rahmenbedingungen einfordern. Schließlich kann uns damit auch die Forschung und Beratung viel klarere Antworten und Empfehlungen geben.


Einige Bauern haben sich beschwert, dass das Ausfüllen viel Zeit gekostet hat …

Annemarie Kaser: Wir sind uns absolut bewusst, dass der Fragebogen Zeit kostet. Wir danken den Bauern für die Zeit, die sie investieren. Aber auch die Milchhöfe und der Sennereiverband haben viel Aufwand für die Verarbeitung der Daten.
Es ist einfach so, dass man den Markt nicht mit Nichtstun erobert. Sicher ist die Vermarktung hauptsächlich Aufgabe der Genossenschaften. Aber die Mitglieder sind auch gefordert. Man kann es mit der Milch vergleichen: Nur wenn alle Mitglieder gute Qualität liefern, hat die Genossenschaft ein Top-Produkt. So ist es mit dem Fragebogen: Nur wenn alle Mitglieder verlässlich ihre Daten liefern, können die Genossenschaften dem Handel eine Top-Antwort geben. Das hat mit Ehrlichkeit und Transparenz dem Kunden gegenüber zu tun, und ist eben auch ein Qualitätsmerkmal.
Matthias Gauly: Wir haben den Fragebogen auf die Südtiroler Realität zugeschnitten. Vergleichbare Fragebögen in Deutschland sind dreimal so umfangreich. Die meisten Fragen sind so gestellt, dass sie jeder Betriebsleiter leicht beantworten kann. Und es sind genau die Fragen, die wir brauchen, um dem Markt und der Politik fundierte Argumente zu liefern.
Annemarie Kaser: Ich möchte der Freien Universität Bozen danken. Dass sie den Fragebogen mit uns erarbeitet hat, ist eine wertvolle Unterstützung. Immerhin kommt es bei dieser fachlich umfangreichen Materie auch auf die richtige Fragestellung an.


Im Fragebogen geht es oft sehr ins Detail und Private (s. Tab. unten). Warum das?

Annemarie Kaser:
Erstens möchte ich betonen: Die Anonymität ist absolut garantiert. Wenn wir Daten veröffentlichen, dann ausschließlich Mittelwerte, die keinen Rückschluss auf Einzelbetriebe zulassen. Was die Fragestellung anbelangt, so helfen uns genau diese Detailfragen weiter. Nehmen wir den ehrenamtlichen Einsatz: Gerade dieser beweist, wie stark Südtirols Landwirtschaft in der örtlichen Gesellschaft verankert ist. Das ist ein großer Nachweis sozialer Nachhaltigkeit.
Matthias Gauly: Vielleicht sollten wir kurz erklären, was wir unter Nachhaltigkeit verstehen. Das ist ja nicht nur mit „ökologisch“ gleichzusetzen. Nachhaltigkeit ist die Frage, wie wir die Umwelt und verfügbaren Ressourcen insgesamt den nachkommenden Generationen übergeben. Das Ziel ist es, sie zu erhalten oder sogar zu optimieren, statt sie zu verbrauchen. Dazu zählt nicht allein der Umweltaspekt, sondern genauso die wirtschaftliche und soziale Komponente.
Und sozial nachhaltig ist die Landwirtschaft u.a. dann, wenn sie in die lokale Gemeinschaft integriert ist. Denken Sie an einen holländischen Investor, der in einen großen Landwirtschaftsbetrieb in Ostdeutschland investiert. Den interessiert in erster Linie der Gewinn und weniger, wie sich seine Arbeit auf die Nachbarn dort auswirkt. Der Bergbauer in Südtirol ist im örtlichen Verein, im Gemeinderat, im Bauernbund tätig. Er begegnet seinen Kunden im Gasthaus ... Wenn er sozusagen Mist baut, bekommt er sofort kritische Fragen zu hören. Er fühlt sich viel mehr für die Umwelt und Gesellschaft vor Ort verantwortlich, und das ist sehr nachhaltig!


Südtirols Milchwirtschaft schneidet in punkto Nachhaltigkeit also gut ab?

Matthias Gauly: Auf viele Bedenken der Konsumenten haben Südtirols Milchproduzenten sicher gute Antworten. Denn Südtirols Bauern arbeiten insgesamt sehr nachhaltig. Sie denken in Generationen. Sicher gibt es auch Schwachstellen – siehe Anbindehaltung oder an manchen Stellen die nicht angepasste Intensität der Produktion –, aber die Stärken überwiegen deutlich und die Milchwirtschaft ist gut aufgestellt. Das alles wissen wir, weil wir die Südtiroler Realität kennen. Nur müssen wir es aber wissenschaftlich belegen können. Der Fragebogen ist der Schlüssel dazu.
Ein Schwerpunkt für Nachhaltigkeit im Bereich Milch ist das Tierwohl: wie gehen wir mit dem Tier um, mit dessen Produktivität, wie nutzen sie die Umwelt und Ressourcen usw. Das alles ist ein sehr komplexes System, daher muss auch der Fragebogen ein Mindestmaß an Komplexität aufweisen.


Interview: Guido Steinegger



Der Fragebogen

121 Fragen zur Nachhaltigkeit

Unter dem Titel „Projekt nachhaltige Milchwirtschaft“ hat der Sennereiverband Südtirol gemeinsam mit der Freien Universität Bozen einen Fragenkatalog ausgearbeitet. Alle Südtiroler Milchhöfe haben an ihre Mitglieder verteilt. Sie mussten 121 Fragen in neun Teilbereichen beantworten:

  1. Allgemeine Angaben zum Betrieb (u.a. Bewirtschaftungsart, Stückzahl, Rasse Milchleistung ...)
  2. Umwelt- und Ressourcenmanagement (u.a. Hektar Grünfläche, Meereshöhe, Förderungen, Umweltauflagen, erneuerbare Energien …)
  3. Biodiversitätsmanagement (u.a. Landschaftselemente, Flächen mit besonderem ökologischem Wert, Nutztierrassen …)
  4. Tierhaltung, Tiergesundheit (u.a. Haltungs- und Stallsystem, Tierwohl, Lebensleistung, Beratung …)
  5. Melktechnik und Milchqualität (u.a. Melkanlage, Eutergesundheit, Qualitätssicherung …)
  6. Futter und Fütterung (u.a. Grundfutter und Kraftfutter, Futterqualität, Futterration …)
  7. Arbeitssituation (u.a. Arbeitszeit, Aus- und Forbildung, Arbeitskräfte, Arbeitsbelastung, Arbeitssicherheit …)
  8. Soziale Stellung (u.a. Einbindung in Genossenschaft, Vereine, Verbände …)
  9. Ökonomische Aspekte (u.a. Investitionen, Darlehen, Zufriedenheit mit wirtschaftlicher Situation des Betriebes, Hofnachfolge …)