Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 05.09.2016

Europathemen gemeinsam angehen

Milchmarkt, Großraubwild und die europäische Agrarpolitik nach 2020: Zu diesen Themen berieten sich zahlreiche Vertreter von Bauernverbänden aus dem Alpenraum bei der heurigen Europawanderung des Südtiroler Bauernbundes – und wollen dabei enger zusammenarbeiten. von Michael Deltedesco

Demonstrieren nicht nur auf dem Gruppenfoto Gemeinsamkeit: Bauernvertreter verschiedener Alpenländer am Fuße der Geislerspitzen.

Demonstrieren nicht nur auf dem Gruppenfoto Gemeinsamkeit: Bauernvertreter verschiedener Alpenländer am Fuße der Geislerspitzen.

Obwohl das Gesellige bei der vom Südtiroler Bauernbund organisierten Europawanderung seit jeher im Mittelpunkt steht, diskutierten die Teilnehmer auch ernste Themen – heuer vor allem den Milchmarkt. Die Überproduktion in einigen europäischen Ländern brachte einen deutlichen Preisverfall bei Milch und Milchprodukten mit sich. Die Auswirkungen auf die einzelnen Alpenregionen sind aber durchaus unterschiedlich, wurde auf dem Treffen am Fuße der Villnösser Geisler klar. In Bayern und Liechtenstein, aber auch in Tirol ist der Milchpreis deutlich unter Druck geraten und erholt sich nur sehr langsam. In Vorarlberg und Südtirol sind die Folgen weniger zu spüren. Den Grund dafür sieht Südtirols Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler unter anderem „im hohen Veredelungsgrad und der hervorragenden Vermarktungsarbeit unserer Genossenschaften“. Gerade aktuell zeige sich, wie wichtig unser Genossenschaftswesen für die Landwirtschaft ist: „Dafür werden wir immer wieder beneidet.“
Angesichts der Krise am Milchmarkt brauche es einen klaren Richtungsentscheid der Politik, sagte der Südtiroler EU-Abgeordnete Herbert Dorfmann: „Das zweite Hilfspaket der EU, das kürzlich vorgestellt wurde, zielt auf eine Mengenreduzierung ab. Genau das brauchen wir jetzt, um den Milchpreis anzuheben. Denn der aktuelle Milchpreis ist nicht moralisch.“ Recht viele andere Möglichkeiten habe die Politik nicht, um auf den Milchpreis Einfluss zu nehmen. Dass sie nochmals ein Instrument ähnlich jenem der Milchquote einführen könnte, ist sehr unwahrscheinlich: Darüber waren sich alle einig.

Alpine Milchproduktion stärken
Gefordert seien aber auch die Bauern, sagen die Vertreter der Verbände. Durch die hohe Produktion schaden sich die Produzenten selbst. Die Milcherzeugung müsse wieder auf ein „normales“ Maß reduziert werden. „Gleichzeitig“, schlug Dorfmann vor, „soll die alpine Milchproduktion mit verschiedenen Maßnahmen gestärkt werden. Eine solche Maßnahme könnte sein, die Erzeugnisse vom Berg klarer von den Milchprodukten aus der Ebene abzuheben.“ Zudem sei es notwendig, die Position der Milcherzeuger gegenüber dem Handel zu stärken.
Trotz aller negativen Folgen hat die derzeitige Milchkrise auch etwas Gutes. „Ein kleiner Trost sozusagen“, meinte der Generalsekretär des Bayerischen Bauernverbandes Hans Müller: „Denn die derzeitige Situation hat das Verständnis für die Sorgen der Milchbauern in der Bevölkerung gestärkt.“ Der Direktor der Vorarlberger Landwirtschaftskammer Gebhard Bechter berichtete aus seinem Bundesland: „Die Bauern denken mehr über ein zweites Standbein neben der Milchwirtschaft nach.“

Dem Wolf droht kein Aussterben
Das Großraubwild ist ein zweites Thema, das den Bauernvertretern aus Bayern, Liechtenstein, Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Südtirol unter den Nägeln brennt. Tiefenthaler fasste zusammen: „Die Zahl der Bären und Wölfe nimmt zu und damit die Schäden u. a. bei Schaf- und Ziegenhaltern.“ Südtirols Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler und die Vertreter der Bauernverbände sprachen sich daher für eine klare, europaweite Regelung des Großraubwilds aus, das besonders die Bedürfnisse der Berglandwirtschaft berücksichtigt. In Südtirol sei vor allem die italienische Gesetzgebung das Problem. In Zukunft dürfe es kein Tabu sein, dicht besiedelte Berggebiete mit einer intakten Almwirtschaft frei von z. B. Wölfen zu halten. Ansonsten sei besonders das in Südtirol hervorragende Zusammenspiel von bäuerlicher Almbewirtschaftung und Tourismus bzw. Freizeitnutzung der Almen in Gefahr. „Dies vor allem, weil Wölfe nicht vom Aussterben bedroht sind“, sagte Landesrat Schuler aufmerksam, machte allerdings darauf aufmerksam, dass hier Landwirtschaft und Teile der Gesellschaft anders denken. Daher sei eine strategische Kommunikation wichtig, war auch Dorfmann überzeugt.

Nächste EU-Agrarreform im Blick
Am Fuße der Geisler warf aber auch schon die nächste Reform der Agrarpolitik im Jahr 2020 ihre Schatten voraus: Die Diskussion darüber wird in Kürze starten. Laut Dorfmann dürfte „sie interessant werden, da es dieses Mal – anders als 2013/2014 – zu einer echten Reform der EU-Agrarpolitik kommen wird“. Vor allem die Erste Säule werde von nicht wenigen in Frage gestellt. Abzusehen sei eine Verlagerung von Mitteln hin in die Zweite Säule. „Die Alpenregionen müssen eine gemeinsame Strategie festlegen und ihre Anliegen klar zum Ausdruck bringen“, forderte Dorfmann. Die Bauernvertreter vereinbarten, eng zusammenzuarbeiten, um den Alpenländern das nötige Gewicht in den Verhandlungen auf EU-Ebene zu sichern.