Markt | 05.08.2016

NaveS: Das Schiff nimmt Fahrt auf

Die Nahversorgungsgenossenschaft Südtirol (NaveS) ist gerade mal fünf Jahre alt, betreibt heute fünf Geschäfte und hat rund 800 Mitglieder. Seit Juni ist Georg Mayr neuer Obmann der Genossenschaft. Jetzt heißt es: Volle Kraft voraus! von Renate Anna Rubner

Für ein lebendiges und lebenswertes Dorf: Die Nahversorgungsgenossenschaft NaveS betreibt südtirolweit fünf Geschäfte.

Für ein lebendiges und lebenswertes Dorf: Die Nahversorgungsgenossenschaft NaveS betreibt südtirolweit fünf Geschäfte.

Es ist bald zehn Uhr. Im Geschäft herrscht reges Treiben: Hausfrauen durchstreifen zielstrebig die Verkaufsgänge, ein paar Feriengäste füllen ihre Einkaufskörbe mit Proviant für ihre Wanderung. An der Frischtheke lässt sich ein junger Mann bei der Käse- und Wurstauswahl fachmännisch beraten. Vor der Kasse staut es kurz: Man kennt sich, plauscht ein bisschen, tauscht Neuigkeiten aus. Zwei Frauen sitzen am Hochtisch gleich links vom Eingang und trinken einen Kaffee. Der kleine Supermarkt der Nahversorgungsgenossen-schaft Südtirol NaveS ist das gesellschaftliche Zentrum in Vahrn Oberdorf.

Inzwischen fünf Geschäfte
Für die Vahrner ist das Geschäft heute nicht mehr wegzudenken. Dabei wurde es erst vor fünf Jahren eröffnet: Von einer Gruppe von 50 Personen, die mithilfe des Raiffeisenverbandes Südtirol die NaveS gegründet und einen Supermarkt eingerichtet haben. Miriam Unterleitner war eines der Gründungsmitglieder der Genossenschaft und leitet sie bis heute. Inzwischen hat man stark expandiert: Nach der Geschäftseröffnung in Vahrn im Juni 2011 folgten im Jänner 2012 eines in Pichl, Gsies, und im April 2013 eines in Toblach.
Das wurde ursprünglich von der Sennerei „Drei Zinnen“ geführt und dann der Genossenschaft überlassen. Ähnlich war es bei der bisher letzten Geschäftsübernahme in Sexten. Auch hier erfolgte die Übernahme von der dortigen Sennerei.
Den kleinen Supermarkt in Niederolang hat die NaveS im November 2013 eröffnet. Dort spielt das Geschäft mit der kleinen Kaffeeecke eine ähnliche Rolle wie das in Vahrn. Das Lokal gehört der Pfarre. Die war, nachdem der alte Pächter das Geschäft aufgegeben hatte, an die NaveS herangetreten und bot die Struktur zur Miete an. Man kam bald überein, der Standort und das Lokal überzeugten. Die NaveS hat nun auch hier die Möglichkeit, in der strukturschwachen Fraktion die Nahversorgung für die Einheimischen zu gewährleisten, darüber hinaus ist das Geschäft aber auch Dreh- und Angelpunkt des Dorfes. Entsprechend lebendig geht es in dem Geschäft zu. Es ist eine Bereicherung für Niederolang, das ansonsten wenig zu bieten hat.

Ländlichen Raum stärken, bäuerliche Produkte verankern
Miriam Unterleitner steht als Geschäftsführerin ein Verwaltungsrat zur Seite. Den Südtiroler Bauernbund hat der Raiffeisenverband bei der Genossenschaft mit ins Boot geholt: Vize-Direktor Ulrich Höllrigl ist auch Vize-Obmann der Genossenschaft. Ihm liegen vor allem zwei Themen am Herzen: „Wir als Südtiroler Bauernbund möchten mit der NaveS einerseits den ländlichen Raum stärken und die Nahversorgung in der Peripherie garantieren und andererseits lokale bäuerliche Produkte in den Geschäften verankern. Das ist uns bisher gut gelungen, dieses Ziel verfolgen wir weiter“, sagt er.

Gewaltige Zuwächse
Neuer Obmann der NaveS ist seit Juni Georg Mayr. Seine Aufgabe wird es sein, nach den ersten Jahren des Aufbaus nun die Genossenschaft in etwas ruhigere Gewässer zu führen (siehe Interview). In diesem Jahr wird man aller Voraussicht nach erstmals schwarze Zahlen schreiben. Miriam Unterleitner erklärt: „Wir haben in diesem Jahr gewaltige Zuwächse zu verzeichnen. Das hängt auch damit zusammen, dass in der Regel ein Geschäft etwa ab dem dritten Jahr so richtig zum Laufen kommt. Und diese magische Grenze haben wir nun mit einigen unserer Geschäfte erreicht.“ Zudem sei die Belegschaft hoch motiviert: Von den 22 Mitarbeitern, die die Genossenschaft heute hat, sind alle von den jeweiligen Dörfern. Nur fünf in Vollzeit, alle anderen sind Teilzeitkräfte. Also oft Mütter, die die Nähe zum Arbeitsplatz und die familienfreundlichen Arbeitszeiten sehr zu schätzen wissen. Auch der Zusammenhalt stimmt.

Rentabilität muss gesichert sein
Miriam Unterleitner ist viel unterwegs. Ständig kommen Anfragen aus Dörfern, in denen es kein Geschäft mehr gibt, oder wo die ehemaligen (meist privaten) Betreiber das Handtuch werfen. Aber oft stimmen die Rahmenbedingungen nicht: „Wir als Genossenschaft müssen mit Fremdarbeitskräften kalkulieren und entsprechende Umsätze erzielen, damit wir rentabel arbeiten können. Also brauchen wir ein gutes Einzugsgebiet an Kunden.“ Auch an Logistik und Infrastruktur stellen sich heute andere Ansprüche als früher, d.h. es braucht Parkplätze vor dem Geschäft, einen einfachen Zugang zum Lager für die Anlieferung, wenig Barrieren. Aus diesen Gründen muss sorgsam überlegt sein, wo ein Geschäft eröffnet oder übernommen werden kann. Denn die Einrichtungskosten sind hoch. Auch Personal-, Miet- und Betriebskosten (Müll, Strom, Reparaturen) fallen ins Gewicht.

Frisch, saisonal, regional
Indem die Genossenschaft Mitglied der SAIT (Consorzio delle Cooperative del Trentino) ist, kann sie aus dem gesamten Angebot dieser Genossenschaft schöpfen: Sowohl, was das Warenangebot und die Preisgestaltung anlangt, als auch andere Vorteile, die durch die Mitgliedschaft genossen werden können. Denn die Geschäfte der NaveS stehen zwar jedem offen, die Mitglieder – inzwischen sind es 800 – genießen aber deutliche Vorteile: Bisher war es so, dass jedem Mitglied auf einen Einkauf pro Monat ein Rabatt von zehn Prozent gewährt wurde. Damit war man letztendlich aber nicht ganz zufrieden: Immerhin wird ein großer Schwerpunkt auf Frische, Saisonalität und Regionalität gelegt. Deshalb wurde mit Juli ein neues System eingeführt: Jedes Mitglied erhält pro Euro Einkauf einen Punkt, bei Coop-Produkten sogar zwei Punkte. Mit den gesammelten Punkten können Dinge oder Eintrittskarten „gekauft“ werden, man erhält Einkaufsgutscheine oder man kann sie auch spenden: der Schule oder Organisationen wie „Südtiroler Ärzte für die Welt“. Miriam Unterleitner sieht in diesem System einen deutlichen Mehrwert für die Mitglieder. Gleichzeitig werde mit diesem Bonussystem dem Konzept von NaveS besser Rechnung getragen.

Mehrwert auch für Lieferanten
Einen Mehrwert bietet die NaveS aber nicht nur den Mitgliedern, sondern auch Lieferanten. Denn neben dem Sortiment der SAIT kauft die Genossenschaft, soweit möglich, bei lokalen Anbietern ein: Dazu gehören neben Biokistl, den Sennereigenossenschaften und Ahrntal Natur auch lokale Bauern, die Eier, Joghurt, Kräuter, Essig, Käse, Fleisch und Wurstwaren sowie frisches Obst und Gemüse liefern. Oft saisonale Produkte wie Beeren, die zeitlich begrenzt sind, weshalb ihr Anteil am Gesamtumsatz nur zehn Prozent ausmacht. Diese Produkte werden in den Geschäften deutlich gekennzeichnet: Der Kunde weiß also, von welchem Hof und von welchem Bauern die Erdbeeren stammen. Dafür zahlt er dann auch gerne einen höheren Preis. Und dem Bauern sichert die NaveS die Abnahme. Zu dem Preis, den er für sein Produkt haben muss, um wirtschaften zu können. Ein Vorteil für beide Seiten also.


3 Fragen an Georg Mayr
Neuer Obmann der NaveS (Nahversorgungsgenossenschaft Südtirol)

Herr Mayr, worin besteht Ihre vorrangige Aufgabe als neuer Obmann der NaveS?
Wir haben als Genossenschaft zwar einen sozialen Auftrag, nun ist es aber an der Zeit, die NaveS in schwarze Zahlen zu führen. Es war natürlich klar, dass das nicht von vornherein möglich sein würde. Aber nun ist die Aufbauphase abgeschlossen, das Schiff segelt in ruhigeren Gewässern ...
 
Welche Herausforderungen stellen sich mittel- bis langfristig?
Also, zum einen ist es die Rentabilität, die wir für die Genossenschaft garantieren müssen. Das heißt, wir müssen uns die Gegebenheiten genau anschauen, bevor wir ein neues Geschäft übernehmen oder eröffnen.
Und zum anderen muss die Identifikation der Mitglieder garantiert sein: Das bedeutet, die Leute in den Dörfern müssen von der Idee und dem Konzept der NaveS überzeugt sein und dahinterstehen. Dann können die Geschäfte auch funktionieren und rentabel arbeiten.

Wo liegen die großen Potentiale der Genossenschaft NaveS?
Für die Bevölkerung garantieren wir die Versorgung mit Lebensmitteln
weit über die täglichen Dinge wie Brot und Milch hinaus. Und die Lieferanten haben einen guten Abnehmer ganz in ihrer Nähe.