Südtiroler Landwirt, Politik | 04.08.2016

„Produktion muss beschränkt werden“

Weil in Europa zu viel Milch produziert wird, rutscht der Preis in den Keller. EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann erklärt im Interview, wieso die Milchmenge reduziert werden muss und welche zentrale Rolle dabei den Genossenschaften zukommt.

Herbert Dorfmann begrüßt das Hilfspaket der EU: „Die Milchmenge muss reduziert werden.“

Herbert Dorfmann begrüßt das Hilfspaket der EU: „Die Milchmenge muss reduziert werden.“

EU-Agrarkommissar Phil Hogan hat  Ende Juli ein zweites Hilfspaket zur Stabilisierung des Milchmarktes vorgestellt (s. Kasten unten). Damit sollen Bauern unterstützt werden, wenn sie freiwillig weniger Milch produzieren.

Südtiroler Landwirt: Herr Dorfmann, wie bewerten Sie das neu geschnürte Hilfspaket der EU?
Herbert Dorfmann: Dieses Hilfspaket ist wichtig und richtig, weil es ein klares Ziel hat: Die Milchproduktion zu beschränken. 150 Millionen Euro, die direkt aus dem EU- Haushalt an die Landwirte fließen sollen, sind richtig eingesetzt. Die übrigen 350 Millionen gehen an die Mitgliedsstaaten, die über weitere Maßnahmen entscheiden werden.  

Werden die heimischen Milchwirtschaftsbetriebe von diesem Paket profitieren? Kleinbetriebe sollen ja besonders unterstützt werden.
Der Ansatz, dass besonders kleinen Betrieben unter die Arme gegriffen werden soll, ist absolut zu begrüßen. Südtirols Bauern sollten sich aber nicht allzu große Hoffnungen machen. Da die heimische Produktion nicht wesentlich angestiegen ist, bleibt nur wenig Spielraum für Produktionsbeschränkungen – und damit für Entschädigungen. Allerdings sind die indirekten Auswirkungen nicht zu unterschätzen. Wenn europäische Bauern freiwillig die Produktion beschränken, um in den Genuss der EU-Gelder zu kommen, wird das den Milchmarkt entlasten. Und davon profitiert auch Südtirol.

Einige Experten fordern eine verpflichtende Mengenreduzierung ähnlich den Milchquoten. Hogan hat dem bereits eine klare Absage erteilt. Wäre eine zumindest temporäre verpflichtende Milchquote nicht sinnvoll?
Wir in Südtirol waren immer für das Beibehalten der Milchquoten, auch weil unser eBauern davon profitiert haben. Wir hatten immer genügend Milchquoten, gleichzeitig hat dieses Steuerungselement effektiv zu einer kontrollierten Milchproduktion in Europa geführt. Allerdings war die Milchquote auch kein Allheilmittel: Trotz Quote hat es immer wieder kleinere und größere Preisschwankungen gegeben. Die Zeiten von Quoten sind nun aber definitiv vorbei, für die Quote gibt es in der Europäischen Union keine Mehrheit.

Was muss dann getan werden, um den Milchsektor langfristig zu stärken?
Ohne eine Reduzierung der Milchproduktion wird es nicht gehen – nicht über Nacht, aber zumindest mittelfristig. Fakt ist, dass derzeit einfach zu viel Milch produziert wird. Eine besondere Rolle werden hier die Erzeugergenossenschaften spielen. Sie müssen zukünftig die Produktion stärker im Auge behalten und entscheiden, wie viel Milch sie benötigen. Genauso viel Milch soll dann angeliefert werden. Daher geht die Mila Bergmilch den richtigen Weg.

Was kann auf Vermarktungsseite verbessert werden?
Die Vermarktung läuft nicht schlecht. Heuer ist mit einem Anstieg des EU-Exports von fünf bis sieben Prozent zu rechnen – und das trotz des Russland-Embargos. Wenn aber die Milchmenge mehr steigt als der Absatz zunimmt, drückt das natürlich auf den Preis. Daher muss die Milchproduktion – besonders der großen Betriebe – beschränkt werden.

Interview: Michael Deltedesco


EU-MILCHPAKET

Maßnahmen zur Stützung des Milchpreises
Die Landwirtschaftsminister der Europäischen Union haben sich Mitte Juli auf ein weiteres Maßnahmenpaket zur Stützung des Milchpreises geeinigt. Dabei geht es um vier Vorhaben:

1.) Insgesamt 150 Millionen Euro stehen für jene Milchbauern zur Verfügung, welche in den kommenden Monaten freiwillig ihre Milchmenge reduzieren. An die Landwirte Italiens sollen 14 Cent pro Kilogramm nicht gelieferter Milchmenge ausgezahlt werden, damit  im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weniger erzeugt wird.
2.) Weitere 350 Millionen Euro des Hilfspakets können die EU-Staaten autonom für alle Landwirte einsetzen und mit nationalen Mitteln ergänzen. Wie sie die Hilfen genau einsetzen, bleibt den Regierungen selbst überlassen. Italien erhält diesbezüglich beinahe 21 Millionen Euro.
3.) Zusätzlich wird die gestützte Milchpulverproduktion und dessen Einlagerung auch für das Jahr 2017 bestätigt.
4.) Auch die Maßnahmen zur Steuerung der Herstellung von Milchprodukten für den Verarbeitungssektor werden bis 2017 verlängert.

Die Durchführungsbestimmungen zu den einzelnen Maßnahmen müssen erst erlassen werden.