Innovation, Südtiroler Landwirt | 04.08.2016

Der Bauer als Brauer?

Die Produktion und der Verkauf von bäuerlich gebrautem Bier stellen eine potenzielle Erwerbsmöglichkeit für Landwirte dar. Jedoch müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Der Bauernbund hat dazu kürzlich einen Workshop organisiert. von Michael Eisendle, SBB-Innovationsschalter

Die Herstellung von handwerklich gebrautem Bier wird auch hierzulande immer mehr zu einem interessanten Erwerbsstandbein für Bauern.

Die Herstellung von handwerklich gebrautem Bier wird auch hierzulande immer mehr zu einem interessanten Erwerbsstandbein für Bauern.

Handwerklich gebrautes Bier, auch „Craft-Bier“ genannt, erlebt derzeit weltweit eine Renaissance und stellt eine Gegenbewegung zu klassischen Industriebieren dar. Auch für die Südtiroler Landwirtschaft kann die steigende Nachfrage nach hochwertigen, individuellen Bierspezialitäten eine Chance für verschiedenste Einkommenskonstellationen darstellen, wobei lokale Wirtschaftskreisläufe eine wichtige Rolle spielen.
Der Fokus liegt auf regional angebauten Rohstoffen wie Getreide und Hopfen sowie der Bierherstellung durch Landwirtschaftsbetriebe und der gezielten Vermarktung z. B. über Hofschankbetriebe. Dass das Absatzpotenzial für handwerklich gebraute Biere auch hierzulande vorhanden ist, zeigen unter anderem die erfolgreichen Südtiroler Wirtshausbrauereien.

Grundvoraussetzungen prüfen
Der Südtiroler Bauernbund hat kürzlich zu einer Informationsveranstaltung geladen, bei der sich rund 30 Interessierte über die Voraussetzungen für den Einstieg in diesen Erwerbszweig erkundigt haben. August Gresser, Bierexperte und Berater im Bereich Brau- und Getränkewirtschaft, erklärte: „Bevor Investitionen getätigt werden, sind unter anderem die Standortvoraussetzungen, der Absatzmarkt, das Fachwissen sowie die Leidenschaft und das Interesse von Seiten des Betriebsleiters und dessen Familie zu klären.“ Um selbst Bier herzustellen, ist es zudem zentral, den Brauprozess von der Vermälzung über die Würzebereitung bis hin zur Bierbereitung genau zu kennen. Deshalb ist laut  Ausführungen des Referenten eine entsprechende Aus- und Weiterbildung notwendig, auch um die komplexen Vorgänge beim Brauen und die hohen Hygienestandards zu verstehen, die für eine konstante Bierqualität ausschlaggebend sind.
Gleichzeitig darf auch die Wirtschaftlichkeit nicht außer Acht gelassen werden. Hierfür hat Hermann Stuppner, Betriebsberater vom Südtiroler Bauernbund, ein Kostenrechnungsmodell für die Bierproduktion erstellt. Daraus wird ersichtlich, dass die kalkulatorischen Kosten je Liter Bier stark von der Produktionsmenge und den Investitionskosten abhängen. So können die Anschaffungskosten für eine professionelle Brauanlage stark variieren. Sie liegen beispielweise bei den recherchierten Brauanlagen mit einer Ausschlagmenge von ein bis zwei Hektoliter (pro Sud) zwischen 70.000 € und 200.000 €. Die Investitionssumme hängt weiters von der Ausstattung der Brauanlage und deren Qualität ab.

Verschiedene Betriebskonzepte möglich
Grundsätzlich bietet das Thema landwirtschaftliches Bier verschiedene Erwerbs-
möglichkeiten für Landwirte. Deshalb gilt es abzuklären, welche Konzepte der Bierproduktion für den jeweiligen Betrieb passend sind. Über die verschiedenen Möglichkeiten referierte bei der Informationsveranstaltung
Lukas Unterhofer von der SBB-Abteilung Energie & Innovation: Neben der einzelbetrieblichen Realisierung „Agribirrificio“, bei welcher die gesamten Produktionsschritte (ausgenommen Vermälzung) bis hin zur Vermarktung auf dem Hof erfolgen, kann auch ein gemeinschaftliches Konzept oder eine Auslagerung einiger Produktionsschritte, wie beispielsweise, jener der Würzebereitung, geeignet sein.
Jeweils im Einzelfall zu prüfen sind die rechtlichen und steuerrechtlichen Aspekte: Denn damit die Einkommensteuer bei Bier über die Katasterwerte berechnet werden kann, muss der vorwiegende Teil der Rohstoffe (Getreide) am eigenen Hof angebaut werden und ein Großteil des Produktionszyklus am Hof stattfinden. Wie Walter Rier von der Abteilung Marketing im SBB zudem berichtete, ist die Einrichtung eines Steuerlagers, der Erwerb einer Steuerlizenz für den Verkauf und eine laufende Alkoholregisterführung (Akzise) notwendig.

Auf Qualität der Rohstoffe achten
Da die Qualität der Rohstoffe, vor allem der Eiweißgehalt von Braugerste, für den Brauprozess eine ausschlaggebende Rolle spielt, werden vom Versuchszentrum Laimburg Versuche zur Sortenprüfung von Braugerste durchgeführt. Manuel Pramsohler vom Sachbereich Ackerbau am Versuchszentrum Laimburg erklärte, dass Braugerste keinen hohen Wasser- und Temperaturanspruch hat und durch die sehr kurze Vegetationszeit auch in Südtirol problemlos bis in Höhenlagen um die 1.200 m angebaut werden kann. In Abhängigkeit von Sorte, Höhenlage sowie Stellung in der Fruchtfolge könnten dabei Erträge von 20–40 dt/ha erzielt werden.
Im Rahmen der Veranstaltung berichtete Nicola Gozzer aus Mezzano im Trentino auch über seine Erfahrungen im Hopfenanbau. Seit dem Frühjahr 2012 baut er verschiedene Hopfensorten an und verfügt seit 2015 über eine professionelle Anlage mit 800 Pflanzen. Die gesamte Ernte liefert er an die Mikro­brauerei „BioNoc“, welche daraus Biere aus ausschließlich lokalen Rohstoffen herstellt.  Beim Hopfen handelt es sich um eine mehrjährige Pflanze, welche sich gut an verschiedene Klimaverhältnisse anpasst und auch im Trentino gut gedeiht, wie Gozzer erläuterte. Allgemein bevorzugt die Pflanze nährstoffreiche, lockere und tiefgründige Böden mit einem pH-Wert von 5,5 bis 6. Hopfen hat zwar tiefe Wurzeln, braucht aber trotzdem eine gute Wasserversorgung. Diese kann beispielweise mit einer Tropfberegnung gesichert werden. Für die Ernte gilt, dass diese je nach Sorte im Spätsommer bis Herbst erfolgt und Erträge zwischen 15 und 20 dt getrocknete Blütenstände pro Hektar liefert.

Einstieg sorgfältig vorbereiten
Um erfolgreich in das landwirtschaftliche Braugewerbe einzusteigen, sind mehrere Einflussfaktoren zu berücksichtigen. Daher
sollten Neueinsteiger mit den gegebenen Grundvoraussetzungen behutsam in den Erwerbszweig starten, um langsam erste Erfahrungen sammeln zu können.
Dies bekräftigten auch Nicola Simion von der Brauerei „BioNoc“ im Trentino sowie Alexander Stolz vom Buschenschank „Hubenbauer“ in Vahrn, welche ihre Betriebe bei der Veranstaltung vorstellten. Auch Andrea Simoni von der Hofbrauerei „Maso Alto“ plädierte für einen bedachten Einstieg in das Thema landwirtschaftliches Bier.
Bevor er und sein Geschäftspartner sich nämlich dafür entschieden haben, eine eigene Brauerei zu betreiben, ließen die beiden ihr Bier von einer Lohnbrauerei (einer so genannten „beerfirm“) nach eigenem Rezept brauen, um die Kosten niedrig zu halten und ein Gespür für den Bereich Bier zu erlangen.
Erst nach entsprechendem Erfolg und anhaltender Begeisterung haben sie 2013 den
Zweig ausgebaut und eine eigene Brauerei gegründet.

Nächste Schritte
Um interessierten Südtiroler Landwirtschaftsbetrieben den Weg zu diesem Erwerbszweig zu erleichtern, haben der Bauernbund, das Versuchszentrum Laimburg, der Beratungsring Berglandwirtschaft BRING und weitere Experten eine enge Kooperation vereinbart, um an verschiedenen Themen zu arbeiten, die für eine erfolgreiche Produktion von landwirtschaftlichem Bier relevant
sind.
Dabei wollen sich die verschiedenen Partner in erster Linie auf den Anbau von Braugetreide und Hopfen, Modelle zur gemeinschaftlichen Vermälzung des Braugetreides und zur Herstellung von Bier, die Nutzung der Prozessrückstände und Möglichkeiten der Vermarktung konzentrieren.
Die Ergebnisse dieser Arbeiten sollen dann unter anderem in Workshops vorgestellt werden. Gleichzeitig hat sich der Bauernbund auch zum Ziel gesetzt, Lehrfahrten und Besichtigungen von landwirtschaftlichen Brauereien, Anbauflächen und Pilotanlagen zu organisieren. Damit sollen Interessierten nähere Einblicke in den Alltag von landwirtschaftlichen bzw. Mikrobrauereien ermöglicht werden. Ebenso arbeitet die Abteilung Marketing im SBB an Qualitätsrichtlinien für Bier, damit auch für landwirtschaftlich produziertes Bier das Qualitätssiegel „Roter Hahn“ vergeben werden kann.


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Infos beim SBB-Innovationsschalter
Interessierte erhalten weitere Informationen zum Thema landwirtschaftliches Bier beim Innovationsschalter des Südtiroler Bauernbundes (Tel. 0471 999 453, E-Mail: astrid.weiss@sbb.it).