Südtiroler Landwirt, Politik | 23.06.2016

Zentren stärken, Grünflächen entlasten

Südtirols künftige Raum- und Landschaftsplanung soll bestehende Bauflächen intelligent nutzen, statt unnötig Grünflächen verbrauchen. Dass es dazu einen langen Atem braucht, zeigte vor zwei Wochen die Tagung „Raum+“ in Marling. von Guido Steinegger

Für eine intelligente Raum- und Landschaftsplanung braucht es ein Umdenken.

Für eine intelligente Raum- und Landschaftsplanung braucht es ein Umdenken.

Ein „Weiter wie bisher“ wäre unverantwortlich. Denn auch in Südtirol wird der unverbaute Boden immer knapper. Diese Problematik wurde am Samstag vor zwei Wochen bei der Tagung „Raum+“ der Plattform Land in der Kellerei Meran Burggräfler klar.
Hauptthema der Diskussion war die so genannte Innenentwicklung: Ortskerne intensiver nutzen, statt neue Grünflächen zu verbauen. So lautet das Signal der Tagung an die Südtiroler Gesellschaft. Die über 80 Teilnehmer waren ein Spiegelbild dieser Gesellschaft: Vertreter aus Landes- und Gemeindepolitik sowie Wirtschafts- und Sozialverbänden waren ebenso gekommen wie Experten aus Wissenschaft und Landesverwaltung. Es besteht also Hoffnung, dass das Ziel der Plattform Land – das Bewusstsein für die Bedeutung und Aufgaben des ländlichen Raums zu stärken – allmählich näher rückt.

Es braucht intelligente Lösungen
Bauernbund-Landesobmann Leo Tiefenthaler brachte es in seiner Funktion als Plattform-Sprecher auf den Punkt: „ Bei der künftigen Planung und Entwicklung des Südtiroler Siedlungsgebietes braucht es ein Umdenken: Es wird nötig sein, viel mehr bestehende Bauflächen zu nutzen und zu verdichten, um möglichst viel wertvolle Grünfläche zu schonen.“ Tiefenthaler verwies auch darauf, dass die Grünfläche in Südtirol größtenteils Landwirtschaftsfläche ist.
Sowohl Gemeindenverband-Präsident Andreas Schatzer – stellvertretender Sprecher der Plattform Land – als auch der für Landwirtschaft und Gemeinden zuständige Landesrat Arnold Schuler verwiesen auf zwei konträre Interessen: Zum einen der Bedarf für Wohnung, Gewerbe und Infrastrukturen, zum anderen die Landwirtschaft, Umwelt und Landschaft. Sie forderten daher „intelligente Lösungen“, um die verschiedenen Aufgaben unter einen Hut zu bringen. „Sonst geraten öffentliches Interesse und Schutz des privaten Eigentums unweigerlich in Konflikt“, warnte Schatzer. Und Schuler forderte den „politischen Willen und das Verständnis für die Problematik.“ Eine Schlüsselrolle misst er dem neuen Gesetz für Raumordnung und Landschaft (eigener Artikel) bei, an dem die Landesregierung derzeit arbeitet: „Kein anderes Gesetz beeinflusst die Entwicklung des ländlichen Raums stärker als dieses. Wir brauchen klare Regeln, denn der Druck auf jeden freien Quadratmeter wird immer größer.“
Mehrere Referenten aus Deutschland und Österreich erklärten anhand konkreter Raum­entwicklungsprojekte und Gemeinden, wie intelligente Flächennutzung und Innenentwicklung funktionieren kann. Zwei wichtige Voraussetzungen müssen dabei gegeben sein.

Chefsache mit Bürgerbeteiligung
Erstens darf Innenentwicklung kein Zufallsprodukt sein: Sie muss als langfristige, geplante Strategie ein zentraler Teil der Raum- und Landschaftsplanung sein. Darauf wiesen Alexander Leitz und Peter Rainer aus Baden-Württemberg hin. Als ehemaliger Bürgermeister von Ertingen und als amtierender Bürgermeister von Hohentengen kämpfen die beiden für lebendige Orte in strukturschwachem Gebiet. „Innenentwicklung muss in alle Köpfe rein“, sagte Rainer. „Der Bürgermeister muss dafür verantwortlich sein. Es braucht aber auch einen Dorfmanager, der ihn dabei unterstützt und die Bürger begleitet.
Zweitens müssen die Bürger voll in das Projekt mit einbezogen werden, erklärte Leitz: „Dieser Dialog ist wichtig. Sie müssen selbst hinter der Entwicklung stehen.“ Ähnlich sieht dies Wolfgang Borst aus Bayern, Initiator der dortigen Gemeinde-Allianz Hofheimer Land: „An jedem Stammtisch und in jeder Gemeinde soll es Gesprächsthema sein, wie man leer stehende Gebäude wieder nutzen kann.“

Dorfanalyse als Grundlage
Langfristig planen kann man dies nur, wenn man genau weiß, wie viel leer stehende Gebäude es überhaupt gibt und auch, wie viele es in Zukunft geben wird. Vor allem die zweite Frage wird oft nicht berücksichtigt, sorgt später aber für große Probleme. Daher braucht es eine eingehende „Dorfanalyse“. Sie erfasst die Ist-Situation aller Daten.
Wie hilfreich gesammelte und schnell abrufbare Daten sein können, zeigt die Standortdatenbank Tirol, die Marcus Hofer von der Standortagentur Tirol vorstellte. Dort erhalten ansiedlungsinteressierte Unternehmen einen schnellen Überblick über jene Standorte, die ihren Anforderungen entsprechen. Sowohl Gemeinden als auch private Makler können Grundstücke, die für gewerbliche Zwecke vorgesehen sind, in die Datenbank stellen und über diese Seite auch öffentlich vermarkten. Gleichzeitig können sich die Gemeinden selbst intern einen Überblick verschaffen und Flächenentwicklungen verfolgen.

Geld in die Hand nehmen
Schließlich ist Innenentwicklung natürlich auch eine Geldfrage. Im Hofheimer Land beanspruchen die Gemeinden nicht nur EU-Gelder – vor allem Leader-Projekte zur Dorfentwicklung – und Mittel des Bundeslandes Bayern. Sie nehmen auch kommunale Gelder in die Hand, um dort Lücken zu schließen, wo übergeordnete Förderebenen nicht greifen. Auch Hohentengen kauft leer stehende Gebäude auf. „Wir sind uns bewusst,“ sagt Bürgermeister Peter Rainer, „dass wir Geld damit oft für lange Zeit binden und nicht für andere Aufgaben verwenden können. Aber es ist eine Investition in die Zukunft unserer Gemeinde und ihrer künftigen Bürger.“
Und Alexander Leitz berichtet: „Die Gemeinde Ertingen ermöglicht die Innenentwicklung auch durch eine Querfinanzierung: Wer im Grünen baut, gibt einen Zuschuss von zehn Euro pro Quadratmeter ab. Damit fördern wir zum Beispiel Sanierung und Ausbau von alten Gebäuden im Zentrum.“

Wertvoller Boden

Wissenschaft warnt vor Versiegelung

Wie wertvoll Landwirtschaftsflächen im Alpenraum sind, erklärte Prof. Gerlind Weber von der Universität für Bodenkultur Wien: „Die Hauptfunktion der Landwirtschaft ist, die regionale Bevölkerung im Ernstfall zu ernähren. Dazu braucht sie die Produktionsfläche. Bereits das übersieht die Gesellschaft oft.“ Noch weniger bekannt sind viele andere, wichtige Funktionen des offenen Bodens. So ist der Boden nach den Weltmeeren der wichtigste Speicher von Treibhausgasen und somit ein ganz wichtiger Faktor gegen den Klimawandel.
Wesentlich ist der Boden zudem für das Wassermanagement, als Teil der Energiewende, als Produktionsfläche für künftige Medizinalpflanzen oder natürliche Wertstoffe. Zudem müssen Landwirtschaftsflächen die Artenvielfalt erhalten und zum Naturschutz beitragen, sie sind Erholungsflächen und Grundlage für den Tourismus. „Eigentlich bräuchten wir mehr Landwirtschaftsflächen, statt immer weniger“, fasste Weber zusammen. „Daher ist der Schutz des Bodens im Interesse aller und somit auch Auftrag an die gesamte Gesellschaft!“, appellierte Weber. 

- Raumordnung kommt Schlüsselfunktion zu (aus "Südtiroler Landwirt" vom 24.06.2016)