Südtiroler Landwirt, Arbeitsberatung | 23.06.2016

Endlich Arbeit!

Bauer Hannes Viehweider hat den Asylbewerber Hossan Diluar angestellt. Bürokratisch war es gar nicht so schwierig. Vor allem aber ist wichtig: Beide sind mit dem Arbeitsverhältnis zufrieden. von Guido Steinegger

Als Tagelöhner hat er in der Landwirtschaft Arbeit gefunden: Für Hossan Diluar ein wichtiger Schritt in die Integration und Eigenständigkeit.

Als Tagelöhner hat er in der Landwirtschaft Arbeit gefunden: Für Hossan Diluar ein wichtiger Schritt in die Integration und Eigenständigkeit.

Acht Uhr morgens. Gebückt stehen Bauer Hannes Viehweider und sein Mitarbeiter Hossan Diluar mitten im Gemüsefeld. Sie ernten Rohnen, denn am nächsten Tag will der Bauer damit auf den Bauernmarkt. „Nur die großen nehmen“, sagt der Bauer. Sein Helfer schaut genau zu, um ja alles richtig zu machen …

Ein Zuhause und bezahlte Arbeit
Hossan Diluar ist froh, diese Arbeit gefunden zu haben. Endlich eine Beschäftigung. Und endlich wieder verdientes Geld! Wie er leben derzeit rund 900 Asylbewerber in 16 Südtiroler Aufnahmeeinrichtungen. Sie haben Asylantrag gestellt und warten auf die Antwort der entsprechenden Kommission, berichtet Verena Hafner von „Bahngleis 1“, einer Plattform von Freiwilligen, die sich um die Flüchtlinge kümmern. „Die Wartezeit ist nervenaufreibend“, berichtet Hafner, „denn Asylbewerber blicken dauernd in eine ungewisse Zukunft.“ So viel Glück wie Diluar haben nicht viele. Sie bemühen sich, in den angebotenen Kursen die Kultur und Sprachen zu lernen. „Dennoch ist es für sie schwierig, mit der heimischen Bevölkerung in Kontakt zu kommen. Hier ist noch viel Integrationsarbeit nötig“, berichtet Hafner.

Arbeit ist beste Beschäftigung
Arbeit wäre da das beste „Hausmittel“, ist Hafner überzeugt. Sie weiß, dass viele Südtiroler meinen: Asylbewerber dürfen gar nicht arbeiten. Das stimmt so nicht, bestätigt Thomas Wieser, Leiter der Abteilung Arbeitsberatung/Löhne im Südtiroler Bauernbund: „Das Arbeitsverbot gilt nur für die ersten 60 Tage nach Antragstellung.“ Danach kann man sie regulär anstellen, sofern sie eine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben (zu den Voraussetzungen s. S. 33). „Die Aufnahmeeinrichtungen sind hierfür Ansprechpartner und können Auskunft erteilen“, bekräftigt Verena Hafner.
Doch arbeiten dürfen und Arbeit finden – das sind für Asylbewerber zwei Paar Schuhe. Es beginnt damit, dass viele Asylbewerber in Südtirol nur eine niedrige Schulausbildung haben und die Landessprachen erst lernen müssen. Zudem sind Arbeitgeber aus unterschiedlichen Gründen oft sehr skeptisch.
„Dabei sind die Asylbewerber sehr motiviert, Arbeit zu finden!“, sagt Hafner. Und zwar aus mehreren Gründen: Über die Arbeit funktioniert Integration am besten. Bei der Arbeit lernen die Menschen die Sprache und Kultur am leichtesten kennen. Hafner ist sich sicher, dass die Landwirtschaft da mithelfen kann: „Denn gerade auf Bauernhöfen wird Südtiroler Lebenskultur noch stark gelebt!“
Vor allem aber gibt Arbeit den Menschen Selbstwertgefühl: Sie fühlen sich anerkannt und leisten etwas. Und sie verdienen sie ihr eigenes Geld, das sie so dringend brauchen.

Bauern als Hoffnungsschimmer
Auch in dieser Hinsicht sieht Hafner auf Landwirtschaftsbetrieben „ein gewisses Potenzial.“ Denn dort gibt es noch immer einfache und auch kurzfristige Tätigkeiten. „Asylbewerber sind dafür oft sehr geeignet. Viele von ihnen haben bereits in ihren Heimatländern oder auf ihrer langen Reise Erfahrung in der Landwirtschaft gesammelt.“

Stationen einer Flucht
Bestes Beispiel dafür ist Diluar. In Bangladesh – seiner Heimat – arbeitete er zuerst in einer Kleiderfabrik, später aber in der Landwirtschaft. Dann musste er seine Heimat aus verschiedenen Gründen verlassen, die Frau und zwei Kinder leben immer noch dort.
Auf der Suche nach einem sicheren und besseren Leben kam er zunächst nach Saudi-Arabien, später nach Libyen; arbeitete irgendwo für eine Putzfirma im Krankenhaus, woanders für den Hotel-Wachdienst. Mit dem Bürgerkrieg brach in Libyen das Chaos aus. Das Leben vieler Gastarbeiter war damit in ständiger Gefahr.
Also setzte sich auch Diluar in eines der Schlauchboote. Vier Tage auf dem Mittelmeer – unter Umständen, die man lieber nicht kennt. Landung in Süditalien, von dort nach Südtirol. Endlich Europa!
Im Haus Aaron, dem ehemaligen Schwefelbad in St. Moritzing, unweit vom Krankenhaus Bozen, fand er vergangenes Jahr ein Dach über dem Kopf. Zumindest, so lange das Asylverfahren läuft. Und das dauert meist viele Monate. Also begab er sich auf Arbeitssuche, lange ohne Erfolg.
Doch er gab nicht auf. Vom Haus Aaron wanderte er oft durch die Obstwiesen Richtung Süden. Dort befindet sich auch der Hof von Familie Viehweider. Hannes erinnert sich: „Schon vergangenen Herbst kam Hossan immer wieder an unserem Hof vorbei und fragte, ob wir Arbeit für ihn hätten.“ Doch Viehweider hatte schon seine Erntehelfer.

Vorteile für den Bauern
Mit der erwachenden Vegetation im heurigen Frühjahr hat sich die Situation geändert. Zwar beschäftigt Viehweider seit mehreren Jahren einen Mitarbeiter aus Polen. „Doch für gelegentliche Arbeiten kann ich schon noch jemanden gebrauchen“, erzählt er, und hat dabei an Diluar gedacht. „Er wohnt sowieso in der Nähe, ist immer verfügbar, wenn ich ihn brauche“, sagt Viehweider und sieht noch einen weiteren Vorteil: Für einen weiteren Polen bräuchte er eine Unterkunft, Diluar ist schon im Land.
Der Asylbewerber aus Bangladesh hätte sogar unentgeltlich gearbeitet, einfach um eine Beschäftigung zu haben. Das aber ist gesetzlich verboten. Auch für Viehweider kam das nie in Frage: „Wenn, dann machen wir das ordentlich!“ Er ließ sich die Papiere zeigen und ging damit ins Bauernbund-Bezirksbüro. Die Mitarbeiter dort prüften die Papiere: Es war alles in Ordnung. Gleichzeitig erfuhr Viehweider, dass er Diluar nicht mit Wertgutscheinen – den so genannten Vouchern – anstellen kann.

Anstellung gar nicht so schwierig
Bauernbund-Abteilungsleiter Wieser bestätigt: „Das ist in der Landwirtschaft nicht möglich.“ Aber die Landwirtschaftsbetriebe können Asylbewerber als Tagelöhner beschäftigen. Bei der Beschäftigung und Prüfung der Dokumente ist die Bauernbund-Abteilung Arbeitsberatung/Löhne behilflich.
Nützliche Informationen rund um das Thema Asylbewerber liefert auch die Internetseite (http://bit.ly/asyl_arbeit) der Landesabteilung Soziales und die dort abrufbare Broschüre „Asyl und Flüchtlinge in Südtirol“.
Seit drei Monaten arbeitet Hossan Diluar inzwischen beim Obst-, Wein- und Gemüsebauern Hannes Viehweider. Heute ist wieder der Tag vor dem Bauernmarkt. Es gilt, das Gemüse zu ernten, zu waschen und in den Kühlraum zu bringen. Viehweider ist zufrieden: „Ich kann Hossan viel anstellen: Gemüse pflanzen, jäten, Kirschen ernten … Er erledigt alles verlässlich.“ Manchmal ist die mangelnde Sprachkenntnis ein Problem: „Da braucht es schon Geduld. Aber in der Landwirtschaft funktioniert vieles auch mit Vorzeigen. Mit der Zeit lernt er das dann schon.“
Für Diluar bedeutet die Arbeit einen weiteren Schritt in ein besseres Leben. Nach Jahren der Flucht, Ungewissheit und des erzwungenen Nichts-Tuns hat er nun endlich beides: Ein Zuhause und Arbeit! Auch wenn er seine Familie im Moment nicht sehen kann: Zumindest kann er ihr hin und wieder dringend benötigtes Geld nach Hause schicken.

Lesen Sie auch: "So stellt man Asylbewerber an"