Südtiroler Landwirt, Politik | 09.06.2016

Alles bio, oder was?

Vergangene Woche startete Landesrat Arnold Schuler ein Experiment: einen ­„Zukunftsdialog“ mit Medien, Bauernvertretern und Wissenschaftlern.

Zukunftsdialog von LR Arnold Schuler (stehend) mit Wissenschaftlern, Bauernvertretern und Journalisten

Zukunftsdialog von LR Arnold Schuler (stehend) mit Wissenschaftlern, Bauernvertretern und Journalisten

Vergangene Woche fand sich eine bunte Gruppe in einem Buschenschank oberhalb von Bozen ein: Journalisten, die Spitzen der Südtiroler Landwirtschaftsverbände und Beratungseinrichtungen, dazu drei anerkannte Wissenschaftler. Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler hatte zum „Zukunftsdialog – nachhaltige Landwirtschaft in Südtirol“ geladen, für ihn „ein „Versuch, eine offene, sachliche Diskussion unter Einbindung der Medien zu führen.“ Dies sei notwendig, denn die Herausforderungen für die Südtiroler Landwirtschaft seien groß, und die Medien spielen dabei mit eine Rolle.

Zwischen zwei Ansprüchen
In der drei Stunden dauernden Diskussion ging Schuler zunächst auf die Ausgangslage ein: Haupt-Herausforderung sei der Spagat zwischen dem knallharten Kaufverhalten am internationalen Markt und dem Umwelt- und Tierwohl-Anspruch der Öffentlichkeit. Robert Baur, Obst- und Weinbauexperte der Schweizer Forschungseinrichtung Agroscope, erklärte dies ausführlicher: „Kunden in München, Mailand oder gar New York kaufen nur einen makellosen, schmackhaften Apfel. Ob er umweltnahe produziert wurde, interessiert sie wenig.“ Die lokale Bevölkerung aber erwarte von der Landwirtschaft, dass sie die Umwelt schützt.
Ähnliches gilt für die Berglandwirtschaft, betonte Professor Matthias Gauly von der Freien Universität Bozen: „Ziel ist es, die landwirtschaftlichen Betriebe zu erhalten und gleichzeitig nachhaltiger zu werden.“ Nachhaltig ändere man ein System aber nur, wenn seine Elemente erhalten bleiben. Heißt übersetzt: Wenn man die Berglandwirtschaft so ändert, dass mehr Bauern ihren Hof aufgeben müssen, ist das nicht nachhaltig. Dennoch sieht Gauly im Land der „Dickschädel“ noch Potenzial, vor allem bei der betrieblichen Zusammenarbeit samt Einsparung bei den Maschinenkosten, aber auch bei der Erkenntnis, dass weniger Kraftfutter am Ende oft betriebswirtschaftlicher ist.
Das gemeinsame Fazit: Ja, die Landwirtschaft muss sich ändern. Aber das gelingt nur mit den Bauern und nicht gegen sie.

Ist bio die richtige Antwort?
Die anschließende Diskussion drehte sich größtenteils um die Frage, ob die biologische Anbauweise die richtige Antwort sei. Schuler vertritt eher die Position der „Ökologisierung“: Man dürfe die Anbauweisen Biodynamisch, Bio und Integrierte Produktion nicht gegeneinander ausspielen. „Vielmehr müssen wir die Landwirtschaft insgesamt ökologischer – sprich verträglicher für die Umwelt – machen.“  Die Südtiroler Landwirtschaft habe bereits seit Jahrzehnten vorbildliche Schritte gesetzt. Diese gelte es nun fortzusetzen: „Und da kann man nun über Geschwindigkeit und Maßnahmen diskutieren.“
Auch Bauernbund-Obmann Leo Tiefenthaler und die Spitzen der Milch-, Obst- und Weinwirtschaft Joachim Reinalter, Georg Kössler und Maximilian Niedermayr sprachen sich für ein „natürliches Wachstum“ des Bioanbaus mit klarer Orientierung am Markt aus. Vertreter des biologischen und vor allem biodynamischen Anbaus warnten davor, dass das Schlagwort Ökologisierung nicht zu einer „Verwässerung“ der Richtlinien für Bio-Anbau und einer Vermischung von Bio und Nicht-Bio führen dürfe.
Interessant auch die Frage nach einem Bio-Tal oder sogar Bio-Land Südtirol. Die Wissenschaftler stellten klar, dass Bioregionen nie 100 Prozent Bio-Anbau bedeuten. Und Tiefenthaler forderte: „Wenn, dann muss die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft mitmachen und das nicht allein von den Bauern fordern! Das haben wir im Obervinschgau schon vor zwei Jahren vorgeschlagen, doch die Bereitschaft unserer Gesprächspartner war nicht da.“
Was dieser Zukunftsdialog nun gebracht hat, darüber rätselten am Ende einige Teilnehmer. „Es war keine Tagung oder Brainstorming, aber auch keine Fragestunde oder die Vorstellung einer Vision“, lautete das Fazit. Immerhin: Es war ein erster Gedankenaustausch. Alle saßen an einem Tisch und haben sachlich miteinander diskutiert! Vielleicht war das ja schon der Fortschritt.