Wirtschaft, Südtiroler Landwirt | 12.05.2016

Blick voraus mit Sorgenfalten

Ein Rekord-Auszahlungspreis für die Milchbauern, eine stabile Milchmenge trotz Milchquoten-Aus und gleichbleibend hohe Qualität bei den Produkten: Trotz dieser Erfolgsmeldungen war die Stimmung bei der Versammlung des Sennereiverbandes eher getrübt. Die Aussichten sind ziemlich düster. von Bernhard Christanell

Auch auf Südtirols Milchbauern kommen noch schwerere Zeiten zu: Die Turbulenzen am Milchmarkt werden sich 2016 bemerkbar machen.

Auch auf Südtirols Milchbauern kommen noch schwerere Zeiten zu: Die Turbulenzen am Milchmarkt werden sich 2016 bemerkbar machen.

50,98 Cent pro Kilo Milch haben Südtirols Milchbauern im vergangenen Jahr von ihren Milchhöfen im Schnitt erhalten – eine Zahl, die weit über der vergangener Jahre liegt. Doch die Jubelstimmung hält sich beim Sennereiverband in Grenzen. Mit gutem Grund, wie Obmann Joachim Reinalter zu berichten wusste: „Der internationale Milchmarkt steckt in einer tiefen Krise, Besserung ist keine in Sicht und die Folgen dieser Krise wird auch Südtirol zu spüren bekommen.“ In einem solchen Krisenumfeld sei die Leistung der Südtiroler Milchhöfe umso höher einzuschätzen. Aber die Sorgen für das Jahr 2016 seien groß.
Überall in Europa hätten die Milchbauern mit einem beispiellosen Preisverfall zu kämpfen. „Besonders krass ist die Situation dort, wo Bauern an private Milchhöfe liefern. Aus Deutschland kommen Meldungen von Milchhöfen, die ihren Bauern nur noch 20 Cent oder noch weniger pro Kilo Milch bezahlen“, berichtete Reinalter.
Verantwortlich für diese Misere ist auch, aber bei Weitem nicht nur das Aus für die Milchquotenregelung vor ziemlich genau einem Jahr. Zwar ist die EU-Milchanlieferung 2015 um 2,5 Prozent gestiegen, vor allem Länder wie Irland und die Niederlande haben ihre Milchproduktion massiv erhöht. Die Ursachen für die negative Marktlage waren vor allem die schwache Importnachfrage von China und das Russlandembargo. Die Einkommensverluste für Europas Bauern liegen laut Daten des EU-Statistikamtes Eurostat bei 30 Prozent.
In Südtirol sind die Rahmenbedingungen noch vergleichsweise günstig: Bei der Milchanlieferung gab es nur ein leichtes Plus um 0,1 Prozent auf knapp 378,5 Millionen Kilogramm, an die 4886 Milchlieferanten – 96 weniger als im Jahr zuvor – wurden insgesamt rund 193,6 Millionen Euro ausbezahlt. Am Hauptmarkt Italien stagniert zwar der Markt, immerhin konnten die Südtiroler Milchhöfe aber beim Joghurt Marktanteile gewinnen.
Reinalter nannte auch die Gründe für diese relativ gute Lage: „Dem Genossenschaftswesen haben wir es zu verdanken, dass die Milchbauern noch einen einigermaßen akzeptablen Milchpreis an ihre Mitglieder auszahlen können. Wenn wir aber auch die enorm hohen Produktionskosten im Berggebiet berücksichtigen, dann relativiert sich dieser hohe Preis rasch.“

Unternehmerische Fähigkeiten sind mehr denn je gefragt
Schätzungen des Agrarmarktinstitutes ISMEA gehen bei kleineren Betrieben und im Berggebiet von Produktionskosten von bis zu 55 Euro pro 100 Liter Milch aus. „Da wird schnell klar, wie schwierig es ist, am Berg kostendeckend Milch zu produzieren“, erklärte Reinalter. Dennoch bleibe die Milchproduktion die Haupteinnahmequelle für Südtirols Bergbauern. „In Zukunft werden daher mehr denn je die unternehmerischen Fähigkeiten der Betriebsleiter gefragt sein“, unterstrich Reinalter.
Immerhin gebe es endlich einen Ausgleich für die hohen Milchsammelkosten. Nun wünscht sich Reinalter ein operationelles Programm für die Milchwirtschaft: „Die Obstgenossenschaften konnten mit Hilfe eines solchen Programmes der EU in den vergangenen Jahren wichtige Investitionen tätigen. Das hätten auch unsere Milchhöfe dringend nötig, um für die Zukunft gerüstet zu sein.“
Auch Landwirtschafts-Landesrat Arnold Schuler ging auf die kritische Lage am Milchmarkt ein: „Unser Genossenschaftswesen spielt jetzt seine Stärken aus. Gegen den Preisverfall am Markt gibt es aber leider kein Patentrezept.“ Die Milchhöfe seien mehr denn je gefordert, neue Produkte zu entwickeln und möglichst Kosten einzusparen.
Bauernbund-Obmannstellvertreter Viktor Peintner lobte die Milchhöfe für ihre „großartige Leistung, den Bauern in solchen Krisenzeiten einen so guten Milchpreis auszahlen zu können“. Auch Peintner rief die Milchhöfe auf, in Zukunft noch stärker die Zusammenarbeit zu suchen – sowohl untereinander als auch mit der Politik.
Der hohe Veredelungsgrad ist wohl der größte Pluspunkt der heimischen Milchwirtschaft: Die Joghurt-Produktion boomt weiter und verzeichnete im vergangenen Jahr ein kräftiges Plus von 7,6 Prozent auf 135,4 Millionen Kilogramm. Knapp jeder zehnte Joghurt wird als Joghurtdrink verkauft. Gestiegen ist auch die Sahneproduktion – um 4,1 Prozent auf 2,4 Millionen Kilo. Nahezu gleich hoch blieb 2015 die Menge an produziertem Käse (20 Millionen Kilo) sowie Mascarpone, Ricotta und Topfen (acht Millionen Kilo).
In der Nische sind weiterhin die Ziegenmilch-Produktion und der Bio-Sektor zu Hause: Die angelieferte Menge an Ziegenmilch überschritt 2015 erstmals die Million-Kilo-Grenze. Nur 1,8 Prozent der von Südtiroler Bauern angelieferten Milch stammt aus biologischer Produktion, ein deutliches Plus gab es beim Bio-Joghurt.

Trächtigkeitsproben sehr gefragt
Einen wesentlichen Teil der Arbeit des Sennereiverbandes nimmt die Qualitätssicherung ein. Direktorin Annemarie Kaser berichtete: „Allein im Rohmilchlabor wurden 2015 über 751.000 Proben untersucht. Die neue Möglichkeit, die Trächtigkeit der Tiere über die Milch festzustellen, stieß bei den Bauern mit 23.000 Proben auf großes Interesse.“ Bei den kontrollierten Milchprodukten gab es 2015 ein Plus von 5.8 Prozent auf 16.124 Produkte.
Sehr gefragt sind nach wie vor auch die Beratungen des Sennereiverbandes: Die Berater besuchten 2322 Betriebe. Der Sennereiverband betreut zudem 66 Almen mit Milchverarbeitung, im Jahr 2015 nahmen auch 18 der 80 Hofkäsereien die Beratung des Sennereiverbandes in Anspruch.
Bei der Bewerbung der Südtiroler Milchprodukte arbeitete der Sennereiverband erstmals eng mit der neuen Dachorganisation IDM zusammen, neben dem Genussfestival in Bozen gab es auch Schulprojekte und eine Zusammenarbeit mit den Gastronomie-Betrieben des „Südtiroler Gasthaus“.


AUSZEICHNUNG

Zum zweiten Mal „Bester Milchlieferant“
Einmal als bester Milchlieferant ausgezeichnet zu werden, ist eine große Leistung. Die gleiche Auszeichnung zwei Mal zu bekommen, ist eine wahre Meisterleistung. Gelungen ist dies Christian Gamper vom Platztair-Hof in St. Martin am Kofel. Gamper liefert an die Bergmilch Südtirol.