Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 31.03.2016

Die Kraft des Gesprächs

Die Gefühle in Worte fassen: Vielen Menschen fällt das schwerer, als man meinen möchte. 32 Lebensberaterinnen und ein Lebensberater helfen Bäuerinnen und Bauern in Südtirol ehrenamtlich, Lebenskrisen zu bewältigen. Eine von ihnen erzählt von ihren Erfahrungen.

Über Persönliches zu reden fällt bäuerlichen Familien oft schwer. Die Lebensberatung kann helfen, das zu ändern.

Über Persönliches zu reden fällt bäuerlichen Familien oft schwer. Die Lebensberatung kann helfen, das zu ändern.

Südtiroler Landwirt: Sie sind vier Jahre als ehrenamtliche Lebensberaterin für die bäuerliche Familie tätig. Was hat Sie 2011 dazu bewogen, die dritte Ausbildung mitzumachen?
Lebensberaterin: Das war so: Damals bin ich in Pension gegangen und hatte viel freie Zeit zur Verfügung. Da habe ich mir überlegt, was ich tun könnte. Ich habe dann zufällig einen Bericht über die Lebensberatung für die bäuerliche Familie im Fernsehen gesehen. Dieser Bericht hat mein Interesse geweckt. Ich dachte mir: Das wäre eine „tolle“ Sache für mich!

War die Ausbildung auch so „toll“? Heißt: Wurden Sie gut vorbereitet?
Ja, sehr gut. Meine Erwartungen wurden bei Weitem übertroffen. Wir haben wirklich eine ganz umfangreiche Ausbildung genossen. Wir waren außerdem eine ganz tolle Gruppe und haben uns alle sehr wohl gefühlt. Auch jetzt – während unserer Tätigkeit – bilden wir uns ständig weiter; in Bereichen, die uns wichtig erscheinen. Wir können bezüglich Weiterbildung unsere Wünsche bei der Landesführung der Südtiroler Bäuerinnenorganisation äußern.

Die Ausbildung war also auch eine persönliche Bereicherung?
Absolut! Wir wurden nicht nur gut auf unsere Tätigkeit vorbereitet, sondern es war auch eine persönliche Bereicherung. Man kam mit Themen in Berührung, die man vorher so nicht gekannt hat.

Die Lebensberatung will für die bäuerliche Familie da sein. Ziel ist es, die Lebensqualität der Menschen am Hof zu stärken. In diesem Geiste haben die Lebensberaterinnen und Lebensberater seit 2009 ganze 511 Gespräche geführt. Was konnten Sie in Ihren Gesprächen bewegen?
Bei meinen Beratungen ist mir vor allem eines aufgefallen: Die Menschen tun sich oft sehr schwer, miteinander über Persönliches zu sprechen. Sie sprechen über Organisatorisches, aber eben nicht über eigene Gefühle oder Konflikte.
Ich habe festgestellt, dass es für sie einfacher ist, bestimmte Themen in Anwesenheit einer neutralen, unbekannten Person anzusprechen. So sind viele Gespräche mit meiner Hilfe gut gelungen. Ich habe oft auch gestaunt, wie offen die Menschen in diesen Gesprächen geworden sind. Da haben sie dann miteinander über Dinge gesprochen, über die sie noch nie geredet haben. Und das, obwohl sie einander täglich sehen!
Das war für alle eine große Erleichterung und eine große Freude. Denn jedes gute Gespräch, das geführt wird, kann dann in weiterer Folge sehr viel bewegen.

Die Rat-Suchenden rufen bei der Koordinatorin an und schildern kurz ihre Situation. Wie geht es dann weiter?
Die Koordinatorin ruft dann eine Lebensberaterin an und fragt nach, ob diese die Beratung übernehmen kann. Jene Lebensberaterin, die die Beratung übernimmt, meldet sich bei der bäuerlichen Familie und macht einen Termin für ein erstes Gespräch aus.

Wo finden die Treffen statt?
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder auf dem Hof der Rat-Suchenden oder in einem Bezirksbüro des Südtiroler Bauernbundes. Da richten wir uns ganz nach den Wünschen der Anruferinnen und Anrufer.

Und wie lange dauert eine Begleitung?
Das ist ganz unterschiedlich: Oft genügen ein, zwei Treffen. Es kann aber auch vorkommen, dass die Begleitung über längere Zeit geht. Auch das hängt wieder von den Anliegen der Rat-Suchenden ab.

Gibt es eine Geschichte oder Begebenheit, die Sie besonders beeindruckt hat?
Das gäbe es viele schöne Geschichten. Im Detail möchte ich keine schildern. Ich bin ja an die Schweigepflicht gebunden.
Sehr gerne erinnere ich mich aber an meine erste Beratung. Ich war verständlicherweise etwas aufgeregt. Das Gespräch hat aber einen guten Verlauf genommen. Am Ende war ich dann von der Dankbarkeit des Rat-Suchenden sehr beeindruckt. Ich glaube, er war selbst überrascht, dass ihm ein offenes Gespräch so viel Kraft geben kann.

Sie bekommen also viel zurück? Immerhin geben Sie ja auch viel von Ihrer Zeit?
Ja, ich erfahre sehr viel Dankbarkeit. Es ist ein Geben und Nehmen. Das ist für mich immer wieder Motivation, freiwillig den bäuerlichen Familien meine Zeit und mein Wissen zur Verfügung zu stellen.


Jetzt zur Ausbildung anmelden

Im Herbst 2016 startet die 4. Ausbildung zur ehrenamtlichen Lebensberaterin bzw. zum ehrenamtlichen Lebensberater.
Inhalte: Selbsterfahrung/ Persönlichkeitsbildung; Erlernen und Üben von Gesprächsführung; Fachinformationen aus verschiedenen Bereichen.

Zielgruppe:
Verständnisvolle und offene Bäuerinnen und Bauern sowie Frauen und Männer, die mit der bäuerlichen Welt vertraut sind.

Zeitraum: An acht Wochenenden von Mitte November bis Mitte Juni; jeweils Fr. Nachmittag und Sa. ganztägig (1. Wochenende bis So. Mittag) sowie zwei Einzeltage.

Ort: Bildungshaus Lichtenburg in Nals, Hauptsitz Südtiroler Bauernbund.
Gebühr: Kostenlos inklusive Übernachtung und Verpflegung.

Interessierten, die sich im Rahmen einer fundierten Ausbildung in den Dienst der Lebensberatung für die bäuerliche Familie stellen möchten, erteilt die Koordinatorin gern nähere Auskünfte: E-Mail: lebensberatung@baeuerinnen.it, Tel. 0471 999400 oder 329 5368302


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