Südtiroler Landwirt, Südtiroler Bäuerinnenorganisation | 17.03.2016

35 Jahre gelebte bäuerliche Werte

Mit einem festlichen Gottesdienst, einer Fahnensegnung und einer Festschrift zelebrierte die Südtiroler Bäuerinnenorganisation am Sonntag in Brixen ihren 35sten Geburtstag. Eine Demonstration geballten Selbstbewusstseins und lebendiger Gemeinschaft. von Renate Anna Rubner

Die Südtiroler Bäuerinnenorganisation hat in Brixen ihr 35-jähriges Bestehen zelebriert.

Die Südtiroler Bäuerinnenorganisation hat in Brixen ihr 35-jähriges Bestehen zelebriert.

Zwei Anliegen habe er an die Bäuerinnen, sagte Bischof Ivo Musner: „Zum einen, dass ihr unserer Gesellschaft helft, wieder das Staunen zu lernen vor den Wundern der Natur!“ Denn die Schöpfung verdiene Ehrfurcht und Respekt. Der Mensch müsse wieder lernen Grenzen anzuerkennen. Das könne er von den Bäuerinnen und Bauern lernen. „Zum anderen bitte ich euch und die gesamte bäuerliche Bevölkerung, das religiöse Brauchtum weiterzutragen!“, richtete der Bischof seine zweite Bitte an die Bäuerinnen, die zur Festmesse in den Dom zu Brixen gekommen waren. Das Gotteshaus war übervoll: Aus allen Landesteilen waren Bäuerinnen in ihren Trachten nach Brixen gekommen, um den 35sten Landesbäuerinnentag zu feiern. Ein Jubiläum, das nicht nur mit einem Gottesdienst begangen wurde, sondern auch mit der Segnung einer Fahne, die der Tiroler Heiligen Notburga von Rattenberg geweiht ist.
Die Heilige Notburga gilt als Schutzpatronin der Dienstmägde, der Landwirtschaft und des Feierabends. Sie war für ihre Wohltätigkeit bekannt und wird oft mit einer Sichel und Korn dargestellt. So auch auf der Fahne der Südtiroler Bäuerinnenorganisation. „Diese Fahne sei ein Zeichen eures Bekenntnisses“, beschwor der Bischof die Versammelten bei der feierlichen Segnung. „Eures Bekenntnisses zur bäuerlichen Lebenskultur, eures Bekenntnisses zu eurem Erbe und zu eurer Zukunft auf dem Boden echter Identität!“

Bäuerin ist Herz am Hof
Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer ging in ihrer Rede bei der anschließenden Versammlung im Forum Brixen besonders auf die Festschrift ein, die zum Jubiläum angefertigt worden war: „Unsere Festschrift trägt den Titel: ,bodenständig und mittendrin‘. Wir sind verwurzelt in Heimat, Grund und Boden, und mittendrin in der Landwirtschaft!“. Die Bäuerin sei das Herz am Hof und trage mit ihrer Kreativität, Belastbarkeit und Managementsqualitäten dem Strukturwandel in der Landwirtschaft Rechnung.
Heute sei vieles selbstverständlich, was man sich in den 35 Jahren des Bestehens der Bäuerinnenorganisation erst habe erarbeiten und erkämpfen müssen – teilweise auch gegen den Widerstand einiger Männer. 1981 sei der erste Landesbäuerinnentag gefeiert worden, mit den Jahren sei die Organisation immer mehr gewachsen und erstarkt. „Bäuerinnen sind vielfältig. Aber gerade weil wir so vielfältig sind, halten wir an unseren Werten fest: Werte wie Leben, Gemeinschaft, Heimat. Also jene Werte, die auch in unserem Logo versinnbildlicht sind“, erklärte Hiltraud Erschbamer. Aber auch an den christlichen Werten halte man in der Südtiroler Bäuerinnenorganisation fest. Dafür habe man mit der Fahnensegnung ein deutliches Zeichen gesetzt.

Ehrenamt nicht abwürgen
Die Südtiroler Bäuerinnenorganisation habe sich in den 35 Jahren ihres Bestehens zur größten und stärksten Frauenorganisation Südtirols gemausert: Heute arbeiten über 1000 Funktionärinnen ehrenamtlich in der Organisation. Sie betreuen 16.000 Mitglieder in 153 Ortsgruppen. Dieses Ehrenamt habe eine lange Tradition und sei sehr lebendig. Es dürfe nicht durch übertriebene Auflagen abgewürgt werden, forderte die Landesbäuerin und nahm gleich die Politiker in die Pflicht: „Hier brauchen wir politische Unterstützung! Zumal die Herausforderung zwischen Beruf, Betrieb, Familie und Ehrenamt immer schwieriger wird.“
Das gelte auch für den ländlichen Raum: „Viele Themen im ländlichen Raum betreffen uns Frauen“, stellte die Landesbäuerin klar. „Wir brauchen eine funktionierende Mobilität, damit unsere Kinder Bildungsangebote wahrnehmen können. Und wir brauchen eine ärztliche Versorgung in zumutbarer Nähe“, forderte Hiltraud Erschbamer.

Die vier Landesbäuerinnen und ihr Werk
Verena Niederkofler, Landessekretärin der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, bat alle vier Landesbäuerinnen auf die Bühne und ließ mit ihnen die 35 Jahre Südtiroler Bäuerinnenorganisation Revue passieren: Maria Leiner, 1981 zur ersten Landesbäuerin gewählt, erzählte, wie die Organisation und die Bäuerinnen erst langsam Selbstbewusstsein entwickelten, mehr Mitspracherecht einforderten und so die Anerkennung in der Öffentlichkeit für sich beanspruchten. „Unser Dank gilt Jörgl Viehweider, der als erster Landessekretär mit viel Umsicht und Esprit die Aufbauarbeit geleistet hat: Er war unser Geburtshelfer und unser Baumeister“, sagte Maria Leiner.
Heikle Themen waren während der Amtszeit von Gretl Schweigkofler auf dem
Programm der Südtiroler Bäuerinnenorganistaion: Das Miteinander auf dem Hof, der Nebenerwerb in Form von Urlaub auf dem Bauernhof oder in der Direktvermarktung, die Gentechnik, aber auch die Weiterbildung der Bäuerinnen-Botschafterinnen. „In vielen Bereichen waren uns die Fachschulen ein wichtiger Partner“, erklärte Gretl Schweigkofler.
Maria Hochgruber Kuenzer erzählte von ihren Meilensteinen als Landesbäuerin: „2004 hat die Bäuerin endlich einen Namen bekommen: Es gab eine Statutenänderung, mit der es erstmals möglich war, dass sich die Bäuerin selbst in die Bäuerinnenorganisation eintragen lassen konnte. Davor war eine Bäuerin Mitglied, wenn ihr Mann Bauernbund-Mitglied war.“ In ihre Amtszeit fiel aber auch der Ausbau der Weiterbildungen zu den Dienstleisterinnen, damit am Hof weitere Einnahmequellen erwirtschaftet werden konnten, egal ob als Kinder- oder Seniorenbetreuerin, als Gartenführerin oder Referentin. Das war der Grundstein für die Gründung der Sozialgenossenschaft „Mit Bäuerinnen lernen-wachsen-leben“, der sie bis heute als Präsidentin vorsteht.
Der Schwerpunkt in Hildegard Erschbamers Amtszeit liegt nun im qualitativen Ausbau der Angebote. „Unser Buchprojekt zu den Trachten und die Festschrift für das Jubiläum der Südtiroler Bäuerinnenorganisation sind die Eckpunkte in meiner bisherigen Zeit als Landesbäuerin“, erklärte sie. Zudem sei sie stolz darauf, dass sich die Bäuerinnen sehr zum Positiven weiterentickelt haben und ein neues Selbstverständnis zur Schau tragen.

Zusammenhalt beschworen
Das bestätigte auch Landesrat Arnold Schuler in seinen Grußworten: „Ihr feiert die 35 Jahre eures Bestehens nicht nur, sondern ihr zelebriert sie richtig“, sagte er anerkennend. Es sei beeindruckend, mit welcher Würde die Bäuerinnen ihre Tracht tragen und damit zu verstehen geben, dass sie stolz darauf sind, Bäuerinnen zu sein. „Ich als Landesrat für Landwirtschaft bin auch stolz, weil ihr ja auch ‚meine‘ Bäuerinnen seid!“ erklärte er.
Landesobmann Leo Tiefenthaler kündigte an, dass die neue Fahne der Südtiroler Bäuerinnenorganisation in Zukunft neben der des Südtiroler Bauernbundes im Foyer des Hauptsitzes in Bozen wehen werde. „Sozusagen auf Augenhöhe“, wie er meinte. „Schließlich muss die bäuerliche Familie ja zusammenhalten…!“  Neben der Witwenehrung (siehe eigener Bericht) und der Verleihung der Auszeichnung „Bäuerin des Jahres 2016" (siehe eigener Bericht unten), gab es eine weitere Ehrung beim Landesbäuerinnentag: Maria Breitenberger Haller erhielt mit der Ehrennadel in Gold die höchste Auszeichnung der Südtiroler Bäuerinnenorganisation. Die Bäuerin vom Blumenthalerhof in Algund war lange Jahre Funktionärin in der SBO: Zunächst im Ortsbäuerinnenrat von Algund, dessen Vorsitz sie über Jahre inne hatte, dann als Bezirksbäuerin von Meran. Ein ausführliches Porträt über Maria Haller Breitenberger folgt in der nächsten Ausgabe des „Südtiroler Landwirt“.


3 Fragen an Hiltrud Erschbamer

Frau Erschbamer, die Südtiroler Bäuerinnenorganisation hat zu ihrem 35sten Jubiläum eine Fahne mit der Heiligen Notburga anfertigen lassen. Was hat es mit dieser Fahne auf sich?
Die Fahne ist ein sichtbares Zeichen der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, das ab jetzt mitgetragen, mitgepflegt und mitgelebt wird. Sie ist ein Teil von uns: Sinnbild unserer Gemeinschaft, unseres Brauchtums und unserer Heimatverbundenheit. Ein Bekenntnis zu unseren Werten, zu unserer Schutzpatronin und zu unserem kulturellen Erbe.

Ihre drei Vorgängerinnen und Sie übernehmen die Fahnenpatenschaft. Was bedeutet Ihnen dieses Amt?
Unsere Fahnenpatenschaft symbolisiert, dass wir zu den Werten der Organisation stehen. Als Beschützerinnen der Fahne sind wir auch Beschützerinnen der Organisation. Ich denke, wir  haben ein gutes Gespür dafür, was die Organisation braucht. Deshalb stehen wir mit Rat und Tat zur Seite, damit neue Herausforderungen gemeistert werden können. Es ist uns eine große Freude, dieses Amt als Fahnenpatinnen ausüben zu können. Das ehrt uns sehr.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft, wenn es um die Bäuerinnen und um die Bäuerinnenorganisation geht?
Das Bild der Bäuerinnen hat sich verändert: Sie sind offener, selbstbewusster und vielseitiger geworden. Haben gezeigt, was in ihnen steckt: an Willenskraft, Unternehmergeist, Umsetzungskraft und Professionalität. Dieses veränderte Rollenbild prägt die Landwirtschaft. Ich wünsche mir, dass Bäuerinnen ihren Weg mutig weitergehen und auf ihre Stärken vertrauen.
Als Organisation wollen wir weiterhin aufzeigen, dass Bäuerin-sein ein begehrenswerter Beruf mit Zukunft ist, und den Stellenwert der Bäuerin in der Gesellschaft festigen. Ich wünsche mir, dass die SBO eine selbstbewusste, bodenständige Organisation bleibt, die mitten in der Gesellschaft steht. 


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Bäuerin des Jahres 2016

Sie ist eine Wandertrophäe, die jedes Jahr die Besitzerin wechselt: Heuer gab Bäuerin des Jahres 2015 Hildegard Flatscher Costa die Skulptur an Michaela Rott Brunner vom Johannserhof in Villanders weiter.

Sichtlich bewegt war Michaela Rott Brunner als sie die Auszeichnung zur „Bäuerin des Jahres 2016“ von ihrer Vorgängerin in Empfang nahm. Gleichzeitig erhielt sie eine Urkunde und einen Blumenstrauß. Mitfinanziert wird die alljährliche Auszeichnung von der Stiftung Sparkasse. Reinhold Marsoner kam denn auch als Vertreter des Stiftungsrates auf die Bühne und gratulierte.
„Bei der Prämierung hat sich wieder einmal gezeigt, dass man von der Bäuerin erwartet, dass sie drei Hände hat“, schmunzelte Michaela Rott in ihrer Dankesrede und spielte auf das Durcheinander zwischen Urkunde, Blumenstrauß und Trophäe hin, wodurch keine Hand mehr zum Händeschütteln frei geblieben war.
Dann hielt sie eine flammende Rede an die im Forum in Brixen versammelten Bäuerinnen: „Wir Bäuerinnen und Bauern machen eine wichtige Arbeit: wir pflegen unsere Landschaft, produzieren Nahrungsmittel und leben unsere Traditionen und Bräuche.“ Das alles müsse geschätzt werden.

Die eigenen Rolle am Hof finden
Michaela und ihr Mann Ewald Brunner haben drei Kinder: Alex (12 Jahre), Elsa (11 Jahre) und Georg (3 Jahre). Die Familie lebt gemeinsam mit dem Schwiegervater und dem Bruder von Ewald auf dem Johannserhof in Villanders, einem Milchwirtschaftsbetrieb.
„Es war für mich nicht ganz einfach, auf diesem funktionierenden Betrieb meine Rolle zu finden“, gesteht Michaela. Im Jahr 2003 hat sie ein Weingut mit der Sorte Müller Thurgau angelegt. Das ist ihre Aufgabe. Michaela besuchte nämlich die Landwirtschaftliche Oberschule in Auer und kennt sich auch im Weinbau aus.
Zudem führt sie mit Begeisterung den Törggelebetrieb, kocht und bedient die Gäste. So gut es geht, versucht sie die eigenen Produkte auf den Tisch zu bringen: Säfte und Marmeladen, Speck, Kraut und Kartoffeln. Große Freude bereitet ihr auch das Kleinvieh, sie hilft im Stall und wo es sonst noch nötig ist.  

Traditionsbewusst und selbstsicher
Der Johannserhof steht unter Denkmalschutz, denn er ist schon über 900 Jahre alt. Die Familie hat ihn vorbildlich renoviert. Die historische Struktur ist sicher mit ein Grund, wieso der Törggelebetrieb so gut läuft. Dazu kommt die traditionelle Südtiroler Kost, die Michaela mit viel Hingabe kocht. „Die Leute sollen merken, dass sie hier auf einem Bauernhof sind und nicht im Gasthaus“, sagt die resolute Bäuerin.
Michaela ist eine traditionsbewusste, selbstsichere, unkomplizierte Bäuerin, die Zufriedenheit und Freude ausstrahlt. Sie ist sehr naturverbunden und pflegt Brauchtum und Kultur. Auch das Tragen der Tracht ist ihr ein großes Anliegen. Sie ist kontaktfreudig und bringt sich aktiv im Dorfleben ein. Michaela legt viel Wert auf alles Bäuerliche, ist aber auch sehr aufgeschlossen für Neues und Modernes.
Michaela war im Ortsbäuerinnenrat Villanders eine Periode als Schriftführerin tätig. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe Ensembleschutz und im Theaterverein. Zusätzlich leitet sie Führungen im Bergwerk Villanders.
Wenn ihr neben all der Arbeit noch etwas Zeit bleibt, schreibt Michaela gerne: Sie verfasst Gedanken und Gedichte und hat damit bereits an einigen Wettbewerben teilgenommen.



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