Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 03.03.2016

Gut gerüstet für den Klimawandel

Wer auf den Klimawandel gut vorbereitet ist, muss sich keine Sorgen machen. Und auch auf den gesellschaftlichen „Klimawandel“ kennt Südtirols Landwirtschaft die richtigen Antworten. Welche das sind, war zentrales Thema auf der Bauernbund-Landesversammlung. von Bernhard Christanell

Südtirols Landwirtschaft muss dem Klimawandel mit Zuversicht und Optimismus begegnen.

Südtirols Landwirtschaft muss dem Klimawandel mit Zuversicht und Optimismus begegnen.

Wie kann sich die Südtiroler Landwirtschaft auf neue Situationen einstellen und ihrer ureigensten Aufgabe – der Produktion von Lebensmitteln – auch in Zukunft nachkommen? Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch den Samstagvormittag im Bozner Waltherhaus. Den Hintergrund für diese Fragestellung bildete das Kernthema der diesjährigen Landesversammlung: der Klimawandel und seine Folgen für die Südtiroler Landwirtschaft.

Bäuerinnen und Bauern seit jeher sehr anpassungsfähig
Schon in seiner einleitenden Rede machte Landesobmann Leo Tiefenthaler eines unmissverständlich klar: Südtirols Landwirtschaft muss dem Klimawandel nicht mit Angst und Furcht entgegentreten, sondern kann das mit Zuversicht und Optimismus tun. Der Grund dafür liegt darin, dass Südtirols Bäuerinnen und Bauern sich schon immer als sehr anpassungsfähig erwiesen haben – und dass sie schon jetzt die Zeichen der Zeit erkannt haben. Tiefenthaler nannte ein konkretes Beispiel dafür, dass der Klimawandel keine neue Erfahrung ist: „Vor einigen hundert Jahren war der Olivenanbau in Südtirol weit verbreitet. Dann kühlte sich das Klima ab, und die Oliven wurden zurückgedrängt. Jetzt gewinnt der Olivenanbau wieder an Bedeutung, wie auch das Beispiel von Kurtatsch zeigt“ (s. dazu auch S. 69 in dieser Ausgabe, Anm. der Red.).
Neben dem Anbau von Oliven gebe es mit dem Haselnuss-Anbau und der Aquakultur,  also der Produktion von Fischen und anderen Wassertieren, interessante neue Nischen. Mit dem Innovationsschalter biete der Südtiroler Bauernbund allen Bauern, die sich für solche neue Anbauformen interessieren, eine kompetente Anlaufstelle.
„Der Klimawandel ist längst Realität. Wir als Landwirtschaft haben das erkannt und zeigen, dass wir darauf reagieren können – vorausgesetzt, die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen“, betonte Tiefenthaler.
Ob Oliven, Haselnüsse, Fische oder andere Produktionszweige – sie sind Nischen und werden das auch bleiben. „Die drei Säulen der Südtiroler Landwirtschaft bleiben auch in Zukunft Milchwirtschaft, Obst- und Weinbau“, stellte Tiefenthaler klar.

„Augen und Ohren zu“ beim Klimawandel die falsche Taktik
Wer dem Klimawandel gut vorbereitet begegnet, muss sich nicht davor fürchten: Darauf schwörte Jürg Fuhrer von der Schweizer Forschungsanstalt Agroscope die Bäuerinnen und Bauern bei der Landesversammlung ein: „Augen und Ohren zu, das ist die falsche Taktik. Der Klimawandel ist schon in vollem Gange“, unterstrich Fuhrer und führte gleich mehrere Beispiele dafür an, was auf die Südtiroler Landwirtschaft zukommen wird: Die Durchschnittstemperaturen werden im Alpenraum stärker steigen als im globalen Schnitt, die Niederschläge werden mengenmäßig zwar stabil bleiben, aber sich verstärkt auf die Wintermonate verlagern. Die Herausforderung werde sein, diese Wassermengen zu speichern, damit sie dann vorhanden sind, wenn sie benötigt werden.
Auch Landesobmann Tiefenthaler unterstrich die Schlüsselfunktion des Wassers für die Zukunft der Landwirtschaft: „Die ausreichende Versorgung unserer Felder mit Wasser wird noch wichtiger werden, wir brauchen bessere und einfachere Möglichkeiten, Wasser zu speichern und dann damit zu bewässern, wenn wir es brauchen.“
Zunehmen werden laut Fuhrer auch die Zahl und Länge von Hitze- und Trocken­perioden, die Vegetationszeiten werden sich um etwa einen Monat verlängern. Der Blühbeginn dürfte im Obstbau relativ stabil bleiben, im Weinbau finde er immer früher statt. Der Hitzestress in höheren Lagen nimmt zu – eine Herausforderung vor allem für die Nutztiere.
„Wichtig für die Landwirtschaft ist vor allem, dass sie sich überlegt, was das für Folgen für den Anbau von neuen Produkten hat. Dabei müssen sie aber stets die Verfügbarkeit von Wasser und die Beschaffenheit des Bodens beachten“, betonte Fuhrer. Das heiße und trockene Jahr 2015 sei aus dieser Sicht ein guter Richtwert: „Überlegen Sie sich, wie ihr Betrieb aussieht, wenn so ein Jahr zur Norm wird. Das ist die beste Vorbereitung auf den Klimawandel!“
Wärmere Bedingungen bringen mit Sicherheit auch neue Schädlinge mit sich. „Herauszufinden, wie man auf diese reagieren kann und welche Folgen die Klimaerwärmung für bereits jetzt vorhandene Schädlinge hat, sind einige von vielen Fragen, denen sich die Forschung widmen muss“, erklärte Fuhrer.
Ein deutliches Zeichen dafür, dass Forschung und Entwicklung an Bedeutung zunehmen werden. Auch Landesobmann Tiefenthaler schlug in dieselbe Kerbe: „Mit dem Versuchszentrum Laimburg – und in Zukunft auch mit dem Technologiepark – müssen wir in diesen Bereichen noch mehr Zeit und Ressourcen investieren, um den Anforderungen gerecht zu werden.“

Über Ökologisierung sachlich diskutieren
Zwei Trends, die die Südtiroler Landwirtschaft direkt betreffen, sind seit Jahren deutlich zu erkennen: die Regionalität und die Ökologisierung. „Die Regionalität ist und bleibt unsere große Stärke. Dafür brauchen wir aber auch die Unterstützung der Politik – etwa bei öffentlichen Ausschreibungen – und der Konsumenten – bei ihrem täglichen Einkauf“, erinnerte Tiefenthaler.
Auch beim Thema Ökologisierung werde sich die Südtiroler Landwirtschaft weiter-entwickeln: „Wir werden uns zusammensetzen und gemeinsam mit allen Beteiligten überlegen, welcher Weg für die Südtiroler Landwirtschaft der beste ist. Eines muss aber schon auch klar sein: Eine solche Diskussion kann nur auf einer sachlichen und fachlichen Grundlage ablaufen, die jedem Bauern selbst die freie Entscheidung überlässt, was er wie anbauen will. Ideologie hat in dieser Diskussion keinen Platz“, stellte Tiefenthaler klar.

Neue Einnahmequellen nutzen
Herausforderungen und Chancen gebe es für die Südtiroler Landwirtschaft viele. Neben neuen Anbauformen biete auch der Ausbau der sozialen Landwirtschaft mögliche neue Einnahmequellen für die bäuerlichen Familien im Land: „Der Staat hat erst im vergangenen Jahr die gesetzlichen Grundlagen dafür geschaffen, jetzt liegt es an uns, diesen Spielraum zu nutzen. Hier geht es nicht nur um die Pflege von älteren Menschen, sondern auch um die mögliche Betreuung von Kleinkindern und Menschen mit Beeinträchtigungen.
Ein wichtiges Thema in den kommenden Monaten werde die Raumordnung: „Die Diskussion zum neuen Raumordnungsgesetz ist voll im Laufen. Für uns haben der sorgsame Umgang mit Grund und Boden, die Nutzung bestehender Gebäude, die verstärkte Förderung von Sanierungen zugunsten von Neubauten sowie die intelligente Flächennutzung oberste Prio­rität“, erklärte Tiefenthaler.
Alle Bauern – besonders jene am Berg – seien auch in Zukunft auf die Unterstützung der öffentlichen Hand angewiesen. Diese Leistungsentgelte  seien der Lohn für die Produktion hochwertiger Lebensmittel und die Erhaltung der wertvollen Kulturlandschaft: „Wenn Landwirtschaft und Tourismus gut funktionieren, dann haben auch Handwerk, Handel und Industrie etwas davon“, unterstrich der Bauernbund-Obmann.

Jeder Einzelne ist gefordert
Schließlich appellierte Tiefenthaler an die Bauern, sich noch stärker als bisher um den direkten Kontakt mit dem Rest der Gesellschaft zu bemühen: „Auch in der Beziehung zur Gesellschaft gibt es eine Art Klimawandel. Wenn wir die Landwirtschaft wieder näher an die Menschen bringen wollen, dann ist jeder Einzelne gefordert – auch, indem er sich mit Nachbarn und Kollegen über seine Arbeit unterhält. Wir können nicht darauf warten, dass andere uns helfen, die Landwirtschaft zu erklären, wir müssen selbst Hand anlegen.“ Landeshauptmann Arno Kompatscher sprach in seinen Grußworten auch die gesellschaftliche Kritik an der Landwirtschaft an: „Der Landwirtschaft wurde in den letzten Monaten und Jahren schon arg am Zeug geflickt. Wir müssen alle wieder dazu übergehen, die Leistungen der Bauern anzuerkennen und ihnen für ihre Leistungen danken!“ Im Hinblick auf die bevorstehende Volksabstimmung zum Bozner Flughafen rief Kompatscher die Bauern auf, sich umfassend über die Inhalte des vorgelegten Konzeptes zu informieren und dann eine Entscheidung zu treffen.
Der Obmann des Tiroler Bauernbundes, Josef Geisler, ging ebenfalls auf das Tagesmotto ein: „Die Landwirtschaft hat es immer verstanden, sich anzupassen, das wird auch beim Klimawandel so sein. Zum gesellschaftlichen Klimwandel, bei dem die Landwirtschaft oft als Sündenbock dargestellt wird, gibt es nur eine richtige Reaktion: gemeinsam informieren und geschlossen auftreten!“
Walter Heidl, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, schloss sich dem an und betonte die Wichtigkeit einer professionellen Öffentlichkeitsarbeit für eine moderne Landwirtschaft: „Uns muss es gelingen, in der öffentlichen Wahrnehmung die Leistungen der Bauern wieder mehr herauszustellen. Was wir brauchen, ist eine konsequente politische Arbeit mit Hausverstand“, betonte Heidl.