Südtiroler Landwirt, Produktion | 18.02.2016

Wie Netze gegen die Fliege wirken

Ein landwirtschaftlicher Betrieb untersucht gemeinsam mit dem Versuchszentrum Laimburg in einem Forschungsprojekt, inwiefern Insektennetze vor der Kirschessigfliege schützen können. Begleitet wird das Projekt vom Bauernbund-Innovationsschalter. von von Silvia Schmidt, Martina Falagiarda und Max Zago, Versuchszentrum Laimburg

Am Ritten untersucht ein landwirtschaftlicher Betrieb zusammen mit der Laimburg die Wirkung von Netzen gegen die Kirschessigfliege. (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

Am Ritten untersucht ein landwirtschaftlicher Betrieb zusammen mit der Laimburg die Wirkung von Netzen gegen die Kirschessigfliege. (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

In Südtirol hat der Anbau von Süßkirschen schon Mitte der 1990er-Jahre das Interesse pionierfreudiger Anbauer geweckt, da schwachwüchsige Unterlagen, kleine Baumformen und interessante Sortenneuheiten aufgekommen waren.
Die Anbaufläche hat seitdem Jahr für Jahr kontinuierlich zugenommen. Heute werden in Südtirol auf etwa 100 Hektar Süßkirschen nach den modernsten Anbaurichtlinien angebaut – und dies trotz der beträchtlichen Investitionskosten und der jährlich auftretenden Wetterkapriolen im Frühjahr und im Sommer, die den Anbauern sehr zusetzen.
Ein noch größeres Problem für den Kirsch­anbau in Südtirol ist mittlerweile jedoch das Auftreten der Kirschessigfliege: Die aus Asien stammende Fliege wird bereits seit 2010 in Südtirol beobachtet und stellt aufgrund ihres flächendeckenden Auftretens eine große Herausforderung für den Pflanzenschutz dar.

Mit Netzen gegen die Fliege
Das Versuchszentrum Laimburg testet bereits seit einigen Jahren verschiedene Methoden zur Eindämmung des Schädlings. In Testversuchen hat die Einnetzung der Obstanlagen erste positive Ergebnisse gebracht.
Da aber noch große Unsicherheit bei der Wahl der Einnetzungsart (Gesamt- bzw. Seiteneinnetzung), der Maschenweite und Netzfarbe besteht und wissenschaftlich fundierte Daten diesbezüglich fehlen, hat ein landwirtschaftlicher Betrieb mit Unterstützung des   Versuchszentrums 2015 in einer Kirschertragsanlage in Lengstein am Ritten (940 m Meereshöhe) einen Versuch gestartet.

Zwei verschiedene Netztypen im Vergleich
In diesem Projekt wird untersucht, ob die Seiteneinnetzung bei Kirschanlagen die Kirschessigfliege zuverlässig abwehren kann. Dabei werden zwei unterschiedliche Insektennetze verglichen: ein schwarzes engmaschiges Netz (Maschenweite 16/10; 0,625 x 1 mm) (s. Abb. 1) und ein weißes grobmaschiges Netz (Maschenweite  6,7/10; 1,5 x 1 mm) (s. Abb. 2).
Auf diese Weise soll bestimmt werden, ob ein Netz mit einer Maschenweite über einem Quadratmillimeter, die den Durchgang der Kirschessigfliegen prinzipiell ermöglicht, trotzdem den Einflug der Schädlinge in die Anlage verhindern kann.
Die untersuchte Süßkirschenanlage in Lengstein grenzt an einen Wald an, dessen Bäume die Kirschanlage teilweise überragen. Damit können die Fliegen prinzipiell noch leichter von oben, über das seitlich angebrachte Insektennetz, in die Anlage einfliegen.
Diese Anlage, die das Versuchszentrum Laimburg bereits seit dem Jahr 2011 durch Köderfallen und Fruchtbefallskontrollen überwacht, weist eine hohe Populationsdichte der Kirschessigfliege auf.
In der Parzelle mit grobmaschigem Netz wurden zusätzlich über der Hagelschutznetzabdeckung auf 4,5 Meter Höhe Insektenleimkontrolltafeln angebracht, um einen eventuellen Einflug der Fliegen von oben festzustellen.
Ab dem Zeitpunkt, an dem die Farbe der Sorte Kordia umschlägt, wurden wöchentlich Früchte in den drei Versuchsparzellen beprobt und auf Eiablagen im Labor kontrolliert.
Zwei Köderfallen, eine außerhalb der Anlage und eine in der eingenetzten Parzelle, wurden wöchentlich ausgetauscht und die darin gefangenen Kirschessigfliegen gezählt.
Die Arbeiten zum Aufstellen der Netze konnten erst Anfang Juli beendet werden, da die Netze infolge der großen Nachfrage nach Insektenschutznetzen mit Verspätung geliefert worden waren.
Schon kurz vor dem Abschluss der Netzmontage am 9. Juli wurden die ersten befallenen Kirschen festgestellt. Aus diesem Grund war bereits während der Reifeperiode eine Insektizidbehandlung pro Parzelle gegen die Kirschessigfliege notwendig.
Die Seiteneinnetzung der Anlage hat in beiden Versuchsparzellen zu einem reduzierten Befall geführt: Im Vergleich zur Kontrollparzelle ohne Netz war in den Fruchtproben der eingenetzten Versuchsparzellen ein niedriger Anteil an befallenen Kirschen zu verzeichnen (s. Abb. 3). Dabei zeigten das engmaschige und das grobmaschige Netz eine vergleichbare positive Wirkung in der Schädlingsregulierung.

Flugaktivität der Kirschessigfliege
Mithilfe von Köderfallen wurde ermittelt, ob und wenn ja wie viele Kirschessigfliegen im Bereich der Anlage aktiv sind.
Während die Köderfalle in der eingenetzten Parzelle nur einzelne Kirschessigfliegen gefangen hat, ergab die Falle außerhalb der Anlage viel größere Fangzahlen.
Dies weist auf eine hohe Populationsdichte hin (s. Abb. 4). Auf den Insektenleimtafeln in 4,5 Meter Höhe waren keine Kirschessigfliegen zu beobachten. Wären Fliegen gefunden worden, so hätte dies auf einen Einflug der Insekten von oben hingewiesen.
Für das Jahr 2016 ist nun vorgesehen, eine größere Anzahl von Tafeln aufzustellen, um die Flugaktivität der Kirschessigfliege über die Hagelschutznetze und Folienüberdachung mit Sicherheit ausschließen zu können.
Auch werden zusätzlich Insektenleimtafeln an  anderen kritischen Punkten errichtet wie auf der Höhe von Bodenunebenheiten und in verschiedenen Abständen vom Eingang, um herauszufinden, wie das Netz am besten angebracht werden sollte.
In den kommenden zwei Jahren ist zudem geplant, die Netze frühzeitig (d. h. kurzfristig vor Einflug der Kirschessigfliege in die Anlage) zu verschließen und damit das Abwehrverfahren ohne Einsatz von Insektiziden zu evaluieren.


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Zum Projekt

SBB-Innovationsschalter und Laimburg

Der Bauernbund-Innovationsschalter konnte im Frühjahr 2015 für einen landwirtschaftlichen Betrieb die Förderung dieses Forschungsprojekts laut LG 14/2006 sicherstellen. Der
Innovationsschalter unterstützte den Betrieb bei der Abwicklung des
gesamten Förderansuchens. Das Projekt ist auf eine Dauer von drei Jahren angelegt. Die Versuche werden direkt am Hof umgesetzt und von der Laimburg wissenschaftlich begleitet.
Der Innovationsschalter im Südtiroler Bauernbund bietet den Landwirten Hilfestellung und Tipps für den Weg von der ersten Idee bis hin zur erfolgreichen Umsetzung (inkl. Förderberatung Innovation laut LG 14/2006). Alle Informationen zum Innovationsschalter und zu den aktuellen Angeboten finden sich auch auf der Internet-Seite des Bauernbundes unter www.sbb.it/service/innovationsschalter;
kontaktieren kann man den Schalter unter 0471 999363 oder unter der E-Mail-Adresse lukas.unterhofer@sbb.it

Abb. 3: Befallsentwicklung - Das engmaschige und das grobmaschige Netz zeigen eine vergleichbare positive Wirkung in der Schädlingsregulierung.

Abb. 4: Flugaktivität 2015 - Die hohe Anzahl von Fängen außerhalb der Anlage weist auf eine hohe Populationsdichte hin.