Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 18.02.2016

Es kommen heiße Zeiten auf uns zu

Der Klimawandel verändert die Landwirtschaft entscheidend, sagt Prof. Jürg Fuhrer vom Schweizer Forschungszentrum Agroscope. Wie sie davon profitieren kann, verrät er auf der Bauernbund-Landesversammlung am Samstag, 27. Februar.

Weinbau in immer höheren Lagen: Nur eine Folge des Klimawandels für die Landwirtschaft in Südtirol. (Foto: EOS/Frieder Blickle)

Weinbau in immer höheren Lagen: Nur eine Folge des Klimawandels für die Landwirtschaft in Südtirol. (Foto: EOS/Frieder Blickle)

Südtiroler Landwirt: Prof. Fuhrer, der Sommer war heiß und trocken, der Winter ist mild. Ist das bereits der Klimawandel?
Prof. Jürg Fuhrer: Der Klimawandel ist bereits voll im Gang. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts sind die Jahresmitteltemperaturen stetig gestiegen – um rund 2o C. Die Erwärmung betrifft die Sommer- wie die Wintermonate. Die Klimamodelle sehen für die Zukunft eine weitere Erwärmung voraus. Damit werden immer mehr sehr warme Jahre auftreten, in denen die sommerlichen Niederschläge zurückgehen. Ein statistischer Trend in der Niederschlagsmenge ist allerdings in Südtirol noch kaum auszumachen.

Grundsätzlich: Kann die Landwirtschaft vom Klimawandel profitieren?
Ob die Landwirtschaft von einem Klimawandel profitieren kann oder nicht, hängt u.a. davon ab, in welchem Klimabereich sie heute tätig ist, wie die verfügbaren Ressourcen – Wasser, Kulturfläche usw. – aussehen und welche Art Landwirtschaft betrieben wird. In kühleren Gebieten mit genügend Wasser kann eine Erwärmung neue Optionen eröffnen steigern. In sehr warmen und oft auch trockenen Gebieten sind die Möglichkeiten stark eingeschränkt.

Bereits jetzt wandert der Obst- und Weinbau immer höher. Geht dieser Trend weiter?
In Gebieten, die bisher zu kühl waren für den Reb- und Obstbau, bringt die Erwärmung neue Opportunitäten, also höhere Lagen und nördlichere Breiten. Diese Entwicklung wird weitergehen. Zum Nachteil von Regionen, in denen das künftige Klima mit zu hohen Temperaturen und Wassermangel für diese Produktionszweige ungünstiger wird.

Weniger bekannt ist, wie sich der Klimawandel auf die Viehwirtschaft und Almen auswirkt …
In erster Linie wird sich die Vegetationszeit verlängern, d.h. Weiden in höheren Lagen werden früher bestoßen und produktiver. Zusätzlich werden wohl mehr Tiere für die Alpung in höhere Lagen gebracht werden. Denn in den Tieflagen werden die hohen Temperaturen für das Vieh auf der Weide zunehmend nachteilig für Leistung und Gesundheit.
Allerdings hängt auch in der Berglandwirtschaft viel von den Veränderungen bei den Niederschlägen ab. Da allerdings sind die Unsicherheiten in den Klimaprojektionen noch sehr hoch.

Mit der Klimaveränderung kommen auch neue Schädlinge. Könnten dafür andere Schädlinge verschwinden?
Viele Schädlinge – insbesondere Insekten – entwickeln sich bei steigenden Temperaturen schneller und treten früher im Jahr auf. Zudem wandern sie mit der Verschiebung der Klimazonen, d.h. sie treten in Regionen auf, welche bisher zu kühl waren oder durch Kältebarrieren (z. B. die Alpen) geschützt waren. Es kann für die Vermehrung aber auch zu warm werden. Wie weit dies auf die uns bekannten Schädlinge zutrifft, ist noch wenig erforscht. Immerhin hatte die Kirschessigfliegen im warmen 2015 in der Schweiz wesentlich weniger Wirkung als im kühleren Vorjahr.

Wie sollten Südtirols Bäuerinnen und Bauern auf den Klimawandel reagieren?
Wichtig ist, sich rechtzeitig und ernsthaft mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen. Sie sollten sich überlegen, wie ihr Betrieb weiter funktionieren würde, wenn z. B. das Jahr 2015 zur Norm würde. Dazu gehört u. a. die Diversifizierung, die Wahl von resistenten und wärmeliebenden Kulturarten und -sorten, der Einsatz von Schutzmaßnahmen gegen Schädlinge, Hitze und Trockenheit, wobei der Ausbau der Bewässerung angesichts der begrenzten Verfügbarkeit von Wasser nur mit optimaler Technik empfohlen wird.
Auch die Bodenbearbeitung ist wichtig: Eine gute Bodenstruktur und -bedeckung schützt sowohl vor Trockenheit wie vor starken Niederschlägen.
Die Produzenten sollten offen sein  für neue, innovative Ansätze. Denn die Zukunft wird sicher anders sein als es die Vergangenheit war.

Interview: Michael Deltedesco

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Im Zeichen des Wandels

Auf zur Bauernbund-Landesversammlung!
Die 69. Landesversammlung des Südtiroler Bauernbundes findet am kommenden Samstag, 27. Februar ab 9 Uhr im Waltherhaus in Bozen statt. Sie steht ganz im Zeichen des Wandels. Eröffnen wird die Landesversammlung Obmann Leo Tiefenthaler, der über die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft spricht. Welche Chancen, aber auch Risiken dieser Wandel bringt, ist Thema von Jürg Fuhrer. Feierlicher Höhepunkt ist auch heuer wieder die Verleihung des Bergbauernpreises an drei Familien. Zudem wird der „Steinkeller-Stiftungspreis“ vergeben. Für das leibliche Wohl sorgt „Ö wie Knödel“ aus dem Schnalstal.
Für die musikalische Umrahmung sorgt „Die Schöne und das Blech“. Alle Bauernbund-Mitglieder samt Familien sind herzlich eingeladen!