Produktion | 04.02.2016

Spurensuche war erfolgreich

Das Versuchszentrum Laimburg hat die Wuchs- und Blühstörungen, die 2015 im Weinbau auftraten, untersucht und einen konkreten Hinweis zur Aufklärung gefunden: Sie können auf ein Abbauprodukt des Fungizids ­LUNA® PRIVILEGE zurückgeführt werden. von Peter Robatscher und Franziska Maria Hack, Versuchszentrum Laimburg

Ein Bild, das sich so oder ähnlich im vergangenen Jahr vielen Südtiroler Weinbauern bot: starke Blattsymptome, hier an der Rebsorte Chardonnay. (Foto: Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau)

Ein Bild, das sich so oder ähnlich im vergangenen Jahr vielen Südtiroler Weinbauern bot: starke Blattsymptome, hier an der Rebsorte Chardonnay. (Foto: Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau)

Im Frühjahr 2015 traten in zahlreichen Weinbergen Südtirols Wuchsstörungen an Blättern und Gescheinen auf, infolge derer die Gescheine gar nicht oder nur teilweise aufblühten und sich die Blätter verformten. In einzelnen Anlagen waren Ertragsausfälle im Ausmaß von bis zu 80 Prozent zu beklagen.
Laut Schätzungen sind in ganz Südtirol fünf bis zehn Prozent der 5000-Hektar-­Rebfläche betroffen. Die Wuchsstörungen waren nicht auf Südtirol beschränkt; sie traten außerdem auch in Süditalien, Österreich, Deutschland, in der Schweiz, in Frankreich und Luxemburg auf.
Das Versuchszentrum Laimburg hat in enger Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau die Ursache der Wuchsstörungen untersucht. Dabei ist das Forscherteam der Laimburg rund um die Mitarbeiter des Labors für Aromen und Metaboliten (s. Infokasten auf S. 57), die Leiterin der Sektion Weinbau, Barbara Raifer, und Gerd Innerebner von der Sektion Pflanzenschutz, auf einen Zusammenhang zwischen der Anwendung des Pflanzenschutzmittels LUNA® PRIVILEGE und den Wuchsstörungen gestoßen: Die Experten konnten nachweisen, dass die Wuchsstörungen durch ein Abbauprodukt des LUNA®-PRIVILEGE-Wirkstoffs Fluopyram hervorgerufen werden können. Fluopyram wird im Weinbau gegen Botrytis eingesetzt. Im Jahr 2014 ist es in den Weinbergen Südtirols beinahe flächendeckend angewandt worden.

Untersuchungen im Detail
Ausgehend von den Beobachtungen des Südtiroler Beratungsringes, dass überall dort, wo 2015 Wuchsstörungen auftraten, im Vorjahr das genannte Fungizid ausgebracht worden war, nahmen die Experten des Versuchszentrums Laimburg in enger Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Beratungsring umfangreiche Feld- und Gewächshausversuche sowie Laboranalysen vor.
Diese Untersuchungen ergaben den handfesten Hinweis, dass die Wuchsstörungen tatsächlich mit dem Pflanzenschutzmittel LUNA® PRIVILEGE in Verbindung stehen: Wird PCA (kurz für: 3-Chlor-5-Trifluormethylpyridin-2-Carbonsäure), ein Abbauprodukt des Wirkstoffs Fluopyram, in reiner Form auf Reben ausgebracht, zeigen sich an den Pflanzen dieselben Wuchsstörungen, wie sie 2015 in Ertragsanlagen aufgetreten sind.

Herstellerfirma sagt Betroffenen Schadenersatz zu
Die Herstellerfirma Bayer CropScience hat die Untersuchungsergebnisse des Versuchszentrums Laimburg anerkannt und Entschädigungen für die betroffenen Weinbauern angekündigt. Mittlerweile wurde der Verkauf des Fungizids LUNA® PRIVILEGE ausgesetzt.

Weitere Untersuchungen nötig
LUNA® PRIVILEGE ist seit Mai 2012 in Italien zugelassen. Bislang traten weder bei Versuchen noch bei der Anwendung in der Praxis Probleme auf. Am Versuchszentrum Laimburg war das Fungizid zwischen 2010 und 2014 im Rahmen der Mittelprüfung getestet worden, Wuchsstörungen wurden aber nie beobachtet. Dafür haben die Experten der Laimburg eine erste Hypothese, die sie in weiterführenden Untersuchungen überprüfen wollen: Das Abbauprodukt PCA des Wirkstoffs Fluopyram kann die Wuchsstörungen auslösen. Diese scheinen aber erst dann aufzutreten, wenn auch bestimmte andere Faktoren vorliegen. Die Menge des Wirkstoffs, der Zeitpunkt des Auftretens von PCA und die meteorologischen Bedingungen scheinen eine entscheidende Rolle zu spielen.
Zum einen stellten die Experten fest, dass die Symptome umso stärker sind, je höher die Konzentration von PCA ist. Zweitens scheint der Zeitpunkt des Auftretens des Abbauprodukts PCA eine entscheidende Rolle zu spielen: Die Forscher der Laimburg nehmen an, dass die Pflanzen während des vegetativen Wachstums besonders empfindlich gegenüber PCA sind.
Hinweise darauf haben Tests gegeben, in denen die Reben im Juli und im August mit PCA behandelt worden waren: Nur infolge der Juli-Behandlung, als die Reben in einer starken vegetativen Wachstumsphase waren, zeigten sich Symptome, nicht aber infolge der August-Behandlung.
Einen dritten Faktor vermutet das Forscherteam in den meteorologischen Bedingungen: Tiefe Temperaturen, Niederschlagsreichtum sowie lang anhaltende Feuchtigkeit im Jahr 2014 könnten die Bildung von PCA und die Ausprägung der Wuchsstörungen begünstigt haben.
Damit ließe sich erklären, warum die Symptome als Folge des niederschlagsreichen Jahres 2014 auftraten, nicht aber in den trockeneren Vorjahren.
Diese und andere offene Fragen wird das Versuchszentrum Laimburg in Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Beratungsring im Jahr 2016 untersuchen.

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Die Chronologie der Ereignisse

2010–2014
Wirksamkeitsstudien mit LUNA® PRIVILEGE am Versuchszentrum Laimburg

seit Mai 2012

LUNA® PRIVILEGE darf in Italien im Weinbau (auf Tafeltrauben und Weintrauben) gegen Botrytis eingesetzt werden.

April 2015

Erstmals treten an Weinreben in Südtirol Wuchsstörungen auf, zur selben Zeit auch in Süditalien, Deutschland, Österreich, in der Schweiz, in Frankreich und Luxemburg.

18. Juni 2015

Der Südtiroler Beratungsring für Obst- und Weinbau versendet ein Rundschreiben, in dem er die Wuchsstörungen beschreibt und darauf hinweist, dass das Phänomen mit dem Fungizid LUNA® PRIVILEGE in Verbindung stehen könnte. Der Beratungsring rät vom Einsatz des Mittels ab.
Parallel dazu beginnt das Versuchszentrum Laimburg damit, die Wuchsstörungen in Feld- und Gewächshausversuchen zu untersuchen.

19. Juni 2015

Offizielle Erklärung von Seiten Bayer CropScience in Deutschland, Österreich und in der Schweiz: LUNA® PRIVILEGE soll aus Vorsorgegründen im Weinbau nicht mehr eingesetzt werden; für Italien wird diese Empfehlung nicht ausgesprochen.

Oktober 2015
Die Firma Bayer CropScience Italia sagt den betroffenen Südtiroler Landwirten Schadenersatzzahlungen zu: Jeder ­einzelne betroffene Landwirt wird individuell entschädigt.

1./2. Dezember 2015

Südtiroler Weinbauseminar am Ritten: Das Versuchszentrum Laimburg stellt erstmals seine Ergebnisse zu den Wuchsstörungen vor.

Anfang 2016

Bayer CropScience setzt den Verkauf von LUNA® PRIVILEGE aus.

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VERSUCHSZENTRUM LAIMBURG

Das Labor für Aromen und Metaboliten

Laborleiter Peter Robatscher und sein Team führen im Labor für Aromen und Metaboliten Untersuchungen im Bereich Lebensmittelqualität und Pflanzengesundheit durch. Mit modernen analytischen Methoden identifizieren und quantifizieren die Wissenschaftler die natürlich vorkommenden Inhaltsstoffe in landwirtschaftlichen Produkten (Äpfel, Apfelsäfte, Trauben, Weine, Käse, Milch) und Pflanzenteilen (Blätter, Wurzel, Holz). Die Forschungstätigkeit des Labors wird im Rahmen der institutionellen Aufgaben sowie mittels Drittmittel-Finanzierung (EU, EFRE, INTERREG, in Zusammenarbeit mit Firmen und Genossenschaften) umgesetzt. Das Labor wurde unter der Leitung von Direktor Michael Oberhuber gegründet und ist auch wesentlich an den Forschungsschwerpunkten Lebensmittelwissenschaften und Umweltwissenschaften des neuen Technologieparks beteiligt.