Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 21.01.2016

„Werden auch künftig nicht stehen bleiben“

2016 hat sich Landesobmann Leo Tiefenthaler einiges vorgenommen. Welche Themen anstehen, erklärt er im traditionellen Neujahrsgespräch mit dem „Südtiroler Landwirt“ … und hat dabei auch eine klare Antwort für die Bauernbund-Kritiker parat.

Leo Tiefenthaler: „Kann mir vorstellen, dass sich integrierte und biologische Produktion weiter annähern werden.“

Leo Tiefenthaler: „Kann mir vorstellen, dass sich integrierte und biologische Produktion weiter annähern werden.“

Im März soll die Gülle-Neuregelung stehen, im Mai die Basiskommunikation für die Landwirtscahft starten und im Herbst das neue Landesraumordnungsgesetz diskutiert werden: Tiefenthaler erklärt, was der Südtiroler Bauernbund im Jahr 2016 erreichen will.

Südtiroler Landwirt: Ob Pflanzenschutz oder Gülleausbringung – 2015 stand die Landwirtschaft mehr als nur einmal in der Kritik. Wie kann der Südtiroler Bauernbund der Gesellschaft die Landwirtschaft erklären?
Leo Tiefenthaler: Auf der Klausurtagung 2015 haben sich die Funktionäre klar für eine stärkere Kommunikation mit der Gesellschaft ausgesprochen. Der Bauernbund und das Ressort von Landesrat Arnold Schuler haben eine Kommunikationsinitiative in Auftrag gegeben. Mit vielen Maßnahmen, auf mehreren Ebenen und in unterschiedlichen Kommunikationskanälen möchten wir auf die Bedeutung der Landwirtschaft und auf die wertvolle Arbeit der Bäuerinnen und Bauern für das Land und die Gesellschaft hinweisen. Diese sogenannte Basiskommunikation soll im Mai 2016 starten.

Reicht es aus, die Landwirtschaft nur zu erklären, oder braucht es bei einigen Themen auch ein Umdenken der Landwirtschaft? Kritiker bemängeln ja, dass der Bauernbund zu sehr am Bestehenden festhält.
Wir sind nie stehen geblieben und werden niemals stehen bleiben. Hier zeichnen einige bewusst ein falsches Bild vom Südtiroler Bauernbund: Wir sind für Neues offen – man denke z.B. an den von uns eingeführten Innovationsschalter. Auch die Landwirtschaft selbst verändert sich ständig. Zwei Beispiele: In der Viehwirtschaft weicht die Anbindehaltung mehr und mehr den Laufställen, um das Tierwohl zu verbessern. Beim Wein- bzw. Obstbau haben wir den integrierten Pflanzenschutz bzw. die integrierte Produktion, den biologischen Anbau und resistente Sorten. Mit der integrierten Produktion nimmt Südtirol weltweit eine Vorreiterrolle ein. Das alles müssen wir besser kommunizieren – dann bin ich überzeugt, dass große Teile der Gesellschaft auf unserer Seite sind.

Die Neuregelungen beim Pflanzenschutz haben Wirkung gezeigt. Diskussionen und Probleme beim Pflanzenschutz nehmen tendenziell ab. Hätten Sie es für möglich gehalten, dass die Anpassungen so reibungslos verlaufen?
Ich habe es gehofft und möchte allen Bäue­rinnen und Bauern danken, die Verständnis gezeigt und einige Mühen auf sich genommen haben. Diese Entwicklung muss weitergehen, wenn wir weiterhin an der Spitze bleiben wollen. Froh bin ich, dass wir nach der hitzigen, emotionalen Diskussion im Jahr 2014 wieder sachlicher miteinander sprechen. Das erwarte ich mir auch für 2016! Allgemein braucht es mehr Verständnis – von uns für die Anliegen der Bevölkerung, aber auch von der Gesellschaft für unsere Bedürfnisse.

Sind Sie optimistisch, dass beim Thema Gülle­ausbringung in Natura-2000-Gebieten noch im Frühjahr eine Entscheidung fällt?
Wir müssen zu einer Lösung kommen! Das Thema muss Ende März vom Tisch sein. Wir brauchen eine einfache und unbürokratische Regelung. Das ist für die Bauern wichtig, aber auch für jene, die dann kontrollieren.

Ein großes Thema ist die Ökologisierung der Landwirtschaft. Verschiedene Kreise fordern das vehement. Manchmal hat man das Gefühl, es ist nur mehr die Bio- und nicht auch die integrierte Landwirtschaft gefragt?
Beide Produktionsformen müssen Platz haben! Wichtig ist, dass jeder den anderen respektiert. Letztlich entscheidet immer der Konsument, wie und was produziert werden soll. Wenn die Nachfrage nach Biolebensmitteln steigt, werden die Bauern sehr schnell biologisch produzieren. Dass sie flexibel sind, haben sie in der Vergangenheit oft genug bewiesen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass bereits die integrierte Produktion sehr hohe Standards vorsieht, von denen andere Produktionsgebiete noch weit entfernt sind. Hier werden unsere Bauern häufig zu Unrecht kritisiert.

Wie soll der Weg in die Zukunft aussehen: So naturnah wie möglich?
Natürlich. Aber das passiert bereits! Unsere Bauern verzichten freiwillig auf Pflanzenschutzmittel, die gesetzlich zugelassen sind. Schon seit vielen Jahren haben wir die Verwirrungsmethode: Sie hilft, Insektizide einzusparen. Gleichzeitig setzen wir Nützlinge und natürliche Gegenspieler der Schädlinge in den Anlagen ein. Im Obst- und Weinbau ist bei den pilzresistenten Sorten der Anfang gemacht. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich integrierte und biologische Produktion in den nächsten Jahren weiter annähern werden.

Ein Thema im Landtag wird heuer die soziale Landwirtschaft sein. Welche Maßnahmen hält der Bauernbund hier für nötig?
Die soziale Landwirtschaft ist äußerst interessant – als Zu- und Nebenerwerb, aber auch für das Image der Landwirtschaft. Wir bekommen die Gelegenheit, für die gesamte Bevölkerung etwas Positives zu bewegen. Im Frühjahr kommen konkrete Vorschläge, wie die soziale Landwirtschaft in Südtirol umgesetzt werden soll, auf den Tisch, die dann im Laufe des Jahres gesetzlich verankert werden sollen. Interessant wird, auch aufgrund des steigenden Bedarfs, die Pflege und Betreuung von Senioren. Aber auch die Kleinkindbetreuung hat Potenzial.

Für Gesprächsstoff wird heuer das neue Landesraumordnungsgesetz sorgen, das 2017 beschlossen werden soll. Derzeit wird am Gesetz hinter verschlossenen Türen geschrieben.
Es hat im letzten Jahr Gespräche gegeben. Dabei haben wir unsere Vorschläge mitgeteilt. Jetzt wird das Gesetz geschrieben, danach soll nochmals diskutiert werden. Ich hoffe sehr, dass unsere Vorschläge berücksichtigt werden. Wir werden auf alle Fälle sehr aufmerksam sein und uns mit aller Kraft zur Wehr setzen – auch zusammen mit unseren Abgeordneten.

Apropos Politik: Vor wenigen Tagen hat die Tageszeitung „Dolomiten“ über die Kritik des Landesbauernrates an Landesrat Arnold Schuler berichtet. Kritisiert wurden u. a. die Förderpolitik und verspätete Auszahlungen. Wie ist das Verhältnis zu Landesrat Schuler?
Als Landesrat hat man es nicht einfach, auch weil man es nie allen recht machen kann. Landesrat Schuler bemüht sich – vor allem die Förderansuchen, die sich in den letzten drei bis vier Jahren angestaut haben, abzuarbeiten. Nicht zufrieden sind wir mit den Verspätungen bei der Auszahlung der EU-Förderungen. Wir haben seit Monaten auf die Schwierigkeiten hingewiesen. Hier gibt es noch Nachholbedarf, das weiß auch der Landesrat. Ich wünsche mir, dass sich die Probleme bei den Förderungen rasch lösen lassen.

Im Juni soll es ein Referendum zum Flug­hafen geben. Wie wird sich der Südtiroler Bauernbund entscheiden?
Auf der letzten Sitzung des Landesbauernrates hat Landeshauptmann Arno Kompatscher das Projekt präsentiert. Auf der nächsten Sitzung werden die Kritiker des Projekts zu Wort kommen. Im März werden wir eine Entscheidung treffen.
Zuvor aber wollen wir noch die Meinung in den Bezirken hören. Derzeit ist alles offen. Was sicher ist: Wir werden unsere Mitglieder sachlich und objektiv informieren, damit jedes Mitglied die aus seiner Sicht richtige Entscheidung treffen kann. Und wir rufen alle Mitglieder auf, zur Abstimmung zu gehen.

Interview von Michael Deltedesco