Südtiroler Landwirt | 17.12.2015

Organspender retten Leben

Organe spenden: Für viele in Südtirol ist das noch immer ein Tabu. Um das zu ändern, hat Gesundheitslandesrätin Martha Stocker die Kampagne „Spende Leben“ gestartet. Zwei Mediziner – Manfred Brandstätter und Alfred Königsrainer – erzählen, warum sie die Kampagne unterstützen.

Träger und prominente Unterstützer stecken ihr Herzblut in die Sensibilisierungskampagne: (v.l.) Rodellegende Armin Zöggeler, Spitzenchirurg Alfred Königsrainer, Landesrätin Martha Stocker und Gemeindenverband-Präsident Andreas Schatzer.

Träger und prominente Unterstützer stecken ihr Herzblut in die Sensibilisierungskampagne: (v.l.) Rodellegende Armin Zöggeler, Spitzenchirurg Alfred Königsrainer, Landesrätin Martha Stocker und Gemeindenverband-Präsident Andreas Schatzer.

Südtiroler Landwirt: Herr Brandstätter, wie ist Ihre persönliche Einstellung zur Organspende?
Manfred Brandstätter, Primar Notfallmedizin Bozen: Ganz nüchtern betrachtet,  ist die Organspende ein natürlicher Akt sozialer Großzügigkeit; besonders, wenn man an die vielen Menschen denkt, die durch eine Organspende eine Überlebenschance bekommen bzw. viel besser leben könnten.

Es besteht noch immer eine gewisse Hemmschwelle. Was schränkt die Bereitschaft zur Organspende am meisten ein?
Brandstätter: Es sind sicher stark emotionale Aspekte. Hier wäre es sinnvoll, wenn jeder schon frühzeitig seine Absichten bezüglich einer möglichen Organspende schriftlich oder zumindest mündlich bekunden würde, um die Angehörigen im Unglücksfall vor einer zusätzlichen emotionalen Belastung zu bewahren.
Es ist aber auch so, dass manche Menschen befürchten, dass bei Organspendern nicht alles Mögliche getan wird, um ihr Leben zu retten. Dazu sage ich klar: Sowohl vonseiten der Notfall- als auch der Intensivmediziner wird grundsätzlich immer alles getan, um einem Patienten das Leben zu retten.

Die Organe werden erst entnommen, wenn eindeutig geklärt ist, dass der Spender „hirntot“ ist. Was das ist, darüber weiß aber kaum jemand Bescheid. Ist es also einfach nur ein großes Informationsdefizit?
Alfred Königsrainer, Leiter des Chirurgischen Universitätsklinikums Tübingen: Genau. Es gilt, vermehrt Aufklärungsarbeit zu leisten. Es ist für den Nicht-Mediziner schwer zu begreifen und zu akzeptieren, dass ein hirntoter Mensch, der durch maschinelle Unterstützung warm und rosig ist, bei dem sich der Brustkorb hebt und das Herz schlägt, tatsächlich tot ist.
Um Menschen für dieses Thema zu sensibilisieren, müssen wir immer wieder die vielen positiven Ergebnisse der Transplantation aufzeigen.

Die Transplantationschirurgie hat in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Sie minimiert die Risiken für Spender und Empfänger extrem. Welche sind das?
Königsrainer: Die Transplantationsmedizin hat in jeder Hinsicht enorme Fortschritte gemacht und arbeitet heute auf höchstem Niveau: Das Risiko, ein Organ aufgrund einer Abstoßungsreaktion zu verlieren oder an einer chirurgischen Komplikation zu versterben, ist inzwischen minimal. Das wahre Problem in der Transplantationsmedizin heute ist der Mangel an Organspendern. Das heißt, Patienten versterben, während sie auf einer Warteliste auf ein Spenderorgan warten.


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Ein neues Leben geschenkt

Alt-Bäuerin Elisabeth Kuppelwieser hat vor einigen Jahren ihrem Mann eine Niere gespendet und ihm damit ein neues Leben ermöglicht. Über ihre Entscheidung und das besondere Gefühl, einem Menschen geholfen zu haben.

Südtiroler Landwirt: Frau Kuppelwieser, wieso brauchte Ihr Mann eine neue Niere?
Elisabeth Kuppelwieser:
Bei meinem Mann wurde eine Niereninsuffizienz festgestellt. In der Folge war Dialyse angesagt. Das war natürlich sehr belastend und hat auch die persönliche Freiheit eingschränkt.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, Ihrem Mann eine Niere zu spenden?
Bei einem Arztgespräch im Meraner Krankenhaus habe ich mal erwähnt, dass ich sofort eine Niere spenden würde, wir aber nicht die gleiche Blutgruppe haben und eine Spende deshalb wohl nicht möglich ist. Der Arzt hat entgegnet, dass eine unterschiedliche Blutgruppe keine Hindernis für eine Spende ist, sofern Spender und Empfänger gesund sind. Nach Absprache mit der Familie habe ich dann entschieden, meinem Mann eine Niere zu spenden. Ich habe mich natürlich vorher informiert und gesehen, dass man mit nur einer Niere wunderbar leben kann.

Wie ging es dann weiter?
Ich wurde in der Innsbrucker Uniklinik gründlich untersucht. Dabei haben die Ärzte festgestellt, dass einer Spende nichts im Wege steht. Im Juli 2010 wurde die Niere dann transplantiert.

Was ging Ihnen kurz vor der Operation durch den Kopf?
Ich habe gehofft, dass die Niere angenommen und nicht abgestoßen wird. Das war mir das Wichtigste. Die Enttäuschung wäre sonst wohl sehr groß gewesen. Angst habe ich keine gehabt.

Wann hatten Sie die Gewissheit, dass ihr Mann die Niere angenommen hat?
Noch in der Aufwachphase nach der Operation haben mir die Ärzte gesagt, dass die Operation gut verlaufen ist und die Niere hervorragend arbeitet. Das war dann schon ein tolles Gefühl.

Wie geht es Ihnen und Ihrem Mann heute?
Mir geht es sehr gut. Ich merke überhaupt nicht, dass ich nur mehr eine Niere habe. Auch meinem Mann geht es gut. Es ist jetzt ein ganz anderes Leben. Wir sind viel freier, mobiler und nicht mehr durch die Dialyse eingeschränkt.

Was hat die Nierenspende verändert?
Es ist ein ganz tolles Gefühl zu wissen, dass man jemanden ein neues Leben  geschenkt hat. In unserem konkreten Fall sind mein Mann und ich auf eine ganz
besondere Weise verbunden. Diese Verbindung durch diese Spende ist unbeschreib-
lich.

Was raten Sie potentiellen Spendern?
Ich wünsche mir, dass die Organspende kein Tabu bleibt und sie die Angst verlieren. Viele Menschen stehen dem Thema heute offener gegenüber. Zum Glück hat sich bereits viel in diese Richtung bewegt. Das Gefühl, nach einer Lebendspende einem anderen Menschen ein neues Leben ermöglicht zu haben, ist unbeschreiblich.

Interview: Michael Deltedesco