Südtiroler Landwirt, Politik | 17.12.2015

Frech sein zahlt sich aus …

Um die heutige Jugend zu erreichen, lässt sich der Schweizer Bauernverband einiges einfallen. Was genau, erklärte Vizedirektor Urs Schneider bei der Pustertaler SBB-Bezirksversammlung.

Freches Plakat im Parkhaus mit Katze im Edelweiß-Hemd: So versucht der Schweizer Bauernverband die Stadtbevölkerung zu erreichen.

Freches Plakat im Parkhaus mit Katze im Edelweiß-Hemd: So versucht der Schweizer Bauernverband die Stadtbevölkerung zu erreichen.

Südtiroler Landwirt: Vor rund 17 Jahren entschied sich der Schweizer Bauernverband für eine große Kampagne: „Gut, gibt's die Schweizer Bauern“. Was haben Sie in dieser Zeit alles bewegt?
Urs Schneider: 1997 waren die Umfragewerte für die Bauern im Keller. Wir wussten: Wenn wir wollen, dass die Öffentlichkeit hinter den Zielen der Bauern steht, müssen wir dringend etwas tun. 1998 haben wir uns dann für eine Basiskampagne entschieden. Sie kümmert sich allein um den Ruf der Bauern und nicht um einzelne Sektoren oder sogar einzelne Produkte. Heute genießen die Bauern wieder ein gutes Grundvertrauen in der Bevölkerung. So sehr, dass viele Schweizer bewusst unsere Produkte kaufen.

Der Schweizer Bauernverband setzt auf ein nachhaltig gutes Image für die Bauern. Wie stellt man ein solches her?
Für uns haben die Bauern dann ein gutes Image, wenn die Menschen Verständnis für die Landwirtschaft haben und sich dies in ihrem realen Verhalten auch tatsächlich niederschlägt– z.B. beim Kauf heimischer Bauernprodukte oder bei politischen Entscheidungen für die Bauern.
Dies erreicht man nicht einfach mit Hochglanzplakaten. Daher ruht unsere Öffentlichkeitsarbeit auf drei Pfeilern: Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Verständnis. Das gilt für alle Mitspieler in der Landwirtschaft: Unser Verband ist genauso gefordert wie jeder einzelne Bauer. Nur wenn wir die Werte gemeinsam leben, kann auch eine Kampagne mit diesen Werten in der Öffentlichkeit wirken.

Und doch macht der Bauernverband oft freche oder ungewohnte Plakate oder Filme …
Wichtig ist allein, dass wir authentisch bleiben. Wir dürfen nichts versprechen, was wir nicht halten können. Aber Emotionen sind schon immens wichtig. Mit reinen Fakten kommen wir z.B. an die jungen Leute in den Städten nicht ran. Wir müssen sie überraschen. Wir haben eine Zeit lang sehr bekannte Fürsprecher auf unseren Plakaten gehabt: Michael Schumacher oder Michelle Hunziker zum Beispiel. Sie alle zogen sich unsere wiedererkennbaren Hemden mit Edelweiß-Motiv an und sagten markige Sprüche für die Landwirtschaft. Jetzt nutzen wir die Bekanntheit dieser Hemden und lassen Tierköpfe darauf sagen, wie froh sie über die Schweizer Bauern sind. Damit sprechen wir gezielt junge Menschen in den Städten an.
So setzen wir Emotionen ein. Aber die Realität nehmen wir dabei immer mit: Da gibt es schon mal Fotos von einer großen Maschine statt einer idyllischen Blümchenwiese!

Den Bauern verlangen Sie dabei aber einiges an Mut und Selbstironie ab …
Ja, die entscheidenden Gremien hatten anfänglich auch Bedenken. Wir machen daher nach dem Start jeder Kampagne sehr schnell eine Umfrage und messen die Wirkung. So konnten wir nachweisen, dass die Gesellschaft wieder über die Landwirtschaft und ihre Botschaften redet. Darüber freuen sich die Bauern und haben daher auch Vertrauen in unsere Öffentlichkeitsarbeit.

Die allerdings auch Geld kostet …
Natürlich kosten Plakate, TV-Spots, Theaterstücke am Bauernhof, eine Internet- und Facebook-Seite, Grafik-Agenturen usw. auch Geld. Es ist uns gelungen, diese Finanzierung auf viele Standbeine zu verteilen: die kantonalen Bauernverbände, Produzentenorganisationen und viele andere sehen den Sinn der Kampagne. Heute haben wir kaum mehr Diskussionen darüber.
Daher geht der Südtiroler Bauernbund genau den richtigen Weg, wenn die Mitglieder mit einer kleinen Summe im Mitgliedsbeitrag beisteuern, dann aber auch Hilfe der öffentlichen Hand und anderer Partner einfordern.

Sie nutzen alle Kommunikationskanäle?
Unbedingt. Junge Leute lesen kaum mehr Zeitung. Sie schauen sich Filme auf Youtube an und schicken Bilder auf Facebook weiter. Wenn Sie diese Zielgruppe erreichen wollen, müssen Sie auf deren Tasten mitspielen. Da dürfen Sie sich auch nicht scheuen, mal etwas zuzuspitzen, frech zu sein. Dann redet man über Sie und sieht: Die Südtiroler Bauern haben etwas zu sagen, aber auch Humor. Und dann erinnert man sich an die Bauern auch im Supermarkt beim Kauf ihrer Produkte.

Interview: Guido Steinegger