Südtiroler Landwirt, Bauernbund | 17.12.2015

Ein ungewöhnlich gutes Jahr

Zufriedenheit mit Ernte und Vermarktung, einige Baustellen bei den Förderungen, steigender Druck von Medien und Gesellschaft sowie wenig Vertrauen bei der Politik: Die beiden Bauernbund-Obmannstellvertreter Bernhard Burger und Viktor Peintner ziehen Bilanz. von Bernhard Christanell und Guido Steinegger

Bergwiesen im Vordergrund, Obst- und Weinbau im Talboden: Für die Südtiroler Landwirtschaft kamen heuer Sonne und Regen zur rechten Zeit.

Bergwiesen im Vordergrund, Obst- und Weinbau im Talboden: Für die Südtiroler Landwirtschaft kamen heuer Sonne und Regen zur rechten Zeit.

Wenn man das Jahr 2015 mit den vorhergehenden Jahren vergleicht, dann ist es vor allem aus einer Sicht ungewöhnlich: Das Wetter war heuer endlich einmal nicht durchwegs zu trocken oder zu nass, sondern aus der Sicht der Landwirtschaft genau richtig. Damit können die Sektoren der Südtiroler Landwirtschaft auf eine sehr gute Ernte zurückblicken.

Spitzenweine und gute Apfelpreise
Bernhard Burger weiß vor allem vom Weinbau sehr Erfreuliches zu berichten: „Zurzeit reifen in den Kellern echte Spitzenweine heran. Das ist sicher auch auf die gute Arbeit der Kellermeister, vor allem aber auf das sehr gute Ausgangsprodukt zurückzuführen.“ Probleme gab es vor allem im Überetsch und Unterland mit dem Fungizid „Luna Privilege“, das zu unerwarteten Wachstumsstörungen bei einigen Reben führte. Kaum Sorgen machte in diesem Jahr die Kirschessigfliege. Die Südtiroler Weine konnten auch in diesem Jahr bemerkenswert viele Preise gewinnen.
Mit Optimismus blicken auch die Obstbauern auf die neue Vermarktungssaison. „Im Vergleich zum Vorjahr ist zwar die Erntemenge etwas geringer ausgefallen, dafür ist die Qualität sehr gut. Vor allem aber reagieren die Märkte wesentlich besser. Das lässt auf bessere Preise hoffen“, erklärt Burger. Feuerbrand und Besenwuchs waren 2015 keine großen Themen. „Beim Besenwuchs hat sich einmal mehr gezeigt, dass Bauern weniger Schadensfälle haben, wenn sie sich konsequent an die Empfehlungen der Berater halten. Bis auf wenige Ausnahmen haben das mittlerweile alle verstanden“, freut sich Burger. Im Unterland gab es bei frühen Sorten wie Gala zum Teil Hitzeschäden aufgrund der sehr hohen Temperaturen, in den Lagern seien zuletzt vermehrt Fälle von Stippe aufgetreten.
Die Trockenheit im südlichen Teil unseres  Landes war auch im Grünlandbereich der einzige Wermutstropfen. Bis auf diese Ausnahmen berichtet Viktor Peintner von „Regen und Sonne zur rechten Zeit. Wenn alle Jahre so gut wären, könnte man das sofort unterschreiben.“ Auch für die Almen und die Sonderkulturen war das Wetter ideal.

Milchhöfe halten den guten Preis
Mit Blick auf den Milchpreis spendet Peintner den Milchhöfen ein großes Lob. Denn überall in Europa ist der Auszahlungspreis an die Bauern um sechs bis acht Cent gesunken: „Unsere Genossenschaften konnten den ohnehin hohen Preis von mehr oder weniger 55 Cent halten.“ Allerdings: Angesichts der schweren Bedingungen am Berg und hohen Produktionskosten ist dieser Preis für den Bestand der Betriebe auch bitter nötig.
Zufriedenheit auch bei Fleisch und Holz: Gute Qualität erzielt in beiden Branchen einen guten Preis, und bei schlechter Qualität darf man eben auch nicht zuviel erwarten. Das gesunde, vorsichtige Wachstum beim Qualitätsfleisch ist laut Peintner genau der richtige Weg.

Bauern in der öffentlichen Kritik
Während in punkto Ernte und Vermarktung also überall Sonnenschein vorherrscht, trübt sich der Himmel in anderen Bereichen ein: Für Unmut sorgten in den vergangenen Monaten immer wieder Angriffe von Seiten einzelner Medien, in denen die Wirtschaftsweise der Bauern heftig kritisiert wurde.
Ein Dauerbrenner in dieser Hinsicht ist der Pflanzenschutz. Bernhard Burger weist auf die Imagekampagne der Obstwirtschaft hin, die erste Früchte zu tragen scheint: „Wir haben immer darauf hingewiesen, dass Südtirol in Sachen nachhaltiger Anbauweise weltweit zu den Vorreitern gehört. Uns ist natürlich klar, dass es nach wie vor auch unter uns Bauern Einzelne gibt, die sich nicht an die Regeln halten. Gegen diese müssen wir konsequent vorgehen. Wir müssen aber schon auch unterstreichen, dass sich der ganz große Teil der Obstbauern an die Regeln hält“, betont Burger. Dass andererseits auch die Kritiker nur ein kleiner Teil der Gesellschaft sind, zeigt die Tatsache, dass es bei der Umsetzung der neuen Pflanzenschutz-Richtlinien nur wenige Probleme gab. „Das zeigt, dass beide Seiten – sowohl die Bauern als auch die Anrainer – zum überwiegenden Teil mit Vernunft und Hausverstand an die Sache herangehen“, folgert Burger.

Deprimierende Gülle-Diskussion
Zu einem ähnlichen Dauerbrenner wurde die Diskussion über die Gülle. Viele Äußerungen haben Peintner regelrecht erschreckt: „Es ist deprimierend, wenn jeder in den Medien und am Stammtisch glaubt, unsere Arbeit besser zu verstehen als wir Bauern selbst.“ Die Bauern selbst aber seien es, die seit Jahrzehnten Gülle ausbringen. „Es ist ja unser eigenes Ziel, unsere Böden gesund zu erhalten.“ Wer es übertreibt, schadet daher sich selbst, dem Bauernstand und der Gesellschaft. Das heißt auch der Bauernbund nicht gut.
Entsprechend enttäuscht ist Peintner von den Verhandlungen über die Gülle-Ausbringung in Natura-2000-Gebieten: „Das ganze Jahr über haben wir diskutiert – zu meinem Entsetzen ohne Einigung.“ Nun hofft er, dass es nochmals einen runden Tisch gibt und sich die Vernunft durchsetzt. Er spricht dabei ausdrücklich von „Düngen mit Maß“. Ein solches schadet auch in Natura-2000-Gebieten nicht: „Wir Bauern müssen wirtschaften und können nicht nur darauf hoffen, dass stattdessen vielleicht mal Geld vom Land kommt.“
Ein frommer Wunsch ist auch in diesem Jahr der Abbau der überbordenden Bürokratie geblieben – und Besserung ist wohl auch keine in Sicht. Ein Beispiel ist die geplante Überprüfung der Wasserableitungen: „Wir sind der Meinung, dass man diese auf die neuen und die größeren Anlagen beschränken sollte. Sonst werden sich immer mehr ehrenamtliche Obmänner der Beregnungskonsortien fragen, warum sie sich ihr Amt noch antun sollen“, gibt Burger zu bedenken.
Auch der Systemwechsel bei den Tierärzten verursachte viel Geschrei. Inzwischen ist die Wahl des Hoftierarztes abgeschlossen. Peintner ist überzeugt, dass sich für die Bauern nicht viel ändern wird. „Aber wenn Probleme auftreten, muss man sich eben zusammensetzen und Lösungen suchen“, sagt er.
Gut ausgegangen sind die Gemeinderatswahlen im Frühjahr: Hier hat der Bauernstand die Stellung in den Gemeindestuben gehalten.  „Jetzt liegt es an den bäuerlichen Vertretern vor Ort – Bürgermeistern, Gemeindereferenten und Gemeinderatsmitgliedern – die Anliegen der Landwirtschaft voran zu treiben“, fordert Peintner.

„Politik muss Ohren öffnen!“
Klare Worte findet er auch in Richtung Landesregierung: „Die neue Politik bindet den Bauernbund zu wenig in ihre Entscheidungen mit ein!“, kritisiert er und findet auch die Ursache: „Es fehlt einfach das Vertrauen.“ Für das kommende Jahr wünscht er sich, dass das gegenseitige Vertrauen besser wird. Der Ball liegt laut dem Bauernbund-Obmannstellvertreter aus dem Pustertal hauptsächlich bei der Politik: „Wenn sie unsere Ratschläge öfter hören und annehmen würde, hätten wir auch mehr Vertrauen in die Politik!“ Und die Ratschläge erfindet der Bauernbund ja nicht. Er kennt die Probleme der Basis. Auch aufgrund seiner Dienstleistungen für die Bauern weiß der Bauernbund, wie man politische Beschlüsse möglichst unbürokratisch umsetzen kann. Peintner gibt zu, „dass wir unsere Ratschläge mal mit mehr, mal mit weniger diplomatischem Geschick vorbringen. Hier können wir auch an uns arbeiten.“ Aber in der Sache bleibt er dabei: Die Politik muss ihre Ohren mehr öffnen!