Südtiroler Landwirt | 17.12.2015

Die leere Krippe

Zu keinem Anlass gibt es so viele Geschichten wie zum Weihnachtsfest. Die Autorin Waltraud Holzner – gebürtig aus Wien und wohnhaft in Lana – hat uns folgende Geschichte zur Verfügung gestellt. Eine Geschichte von einem Bauernhof – mit einem überraschenden Ende ... von Waltraud Holzner, Lana

(Foto: Tesgro Tessieri, AdobeStock)

(Foto: Tesgro Tessieri, AdobeStock)

Jedes Jahr am Samstag vor dem ersten Adventssonntag fuhr die ganze Familie zum Hilber. Dort, in den Waldungen hinter dem Gehöft, fanden wir Tannenreis, allerlei Zapfen und kugelförmiges Mistelgezweig mit erbsgrünen, ledrigen Blättern und weißen, mattglänzenden Perlen.
Nebst diesen adventlichen Schätzen kauften die Eltern auch den Kartoffel- und Apfelvorrat für die nächsten Monate, zeitungspapierumwickelte Eier und manchmal auch ein frisch abgemurkstes Huhn oder andere fleischliche Genüsse.

Schöne Stunden am Holztisch
Der schönste Teil des Ausfluges kam für mich aber immer dann, wenn wir vom Hilber eingeladen wurden, uns in der Stube um den zerfurchten Holztisch zu setzen. Die Hilberin brachte dann jedes Mal eine große Pfanne mit butterglänzenden und nach Honig und Zimt duftenden Bratäpfeln und der Bauer holte für die Erwachsenen den selbst gebrannten Schnaps zur Verkostung hervor, wobei er für die vergeistigten Vogelbeeren helle Begeisterung erntete.
Beim Hilber war es ein seltsamer Brauch, schon mit beginnendem Advent auf das breite Fensterbrett eine kleine leere Futterkrippe nebst Maria und Josef zu stellen. Die beiden Figuren waren zwar unbeholfen und plump geschnitzt, trotzdem verkörperten sie sichtbar Innigkeit und übten eine große Anziehungskraft aus, denn ich kann mich heute noch genau an sie erinnern. Die Gruppe war liebevoll auf einem bestickten Tüchlein angeordnet und von vier Kerzen und Tannenschmuck umgeben.

Krippe schon im Advent?
Es war klar, dieses Arrangement sollte den fehlenden Adventskranz ersetzten. Aber warum jetzt schon die Krippe?  
„Bei uns steht die Krippe immer erst am Heiligen Abend unter dem Christbaum“, wunderte ich mich ein wenig vorlaut. Ja, das wäre auch richtig so, meinte der Hilber und lächelte, aber er habe einen guten Grund für sein sonderliches Brauchtum. Ich wusste, gleich würde der Alte erzählen, denn er redete nicht ungern. Aber er bestand darauf, dass seine Frau, die Mena, neben ihm Platz nahm, holte ein paar Züge aus seiner Pfeife, und dann erst begann er mit seiner Geschichte.
„Ja, ihr müsst wissen, meine Mutter, Gott hab sie selig, stammte aus einer kinderreichen Bauernfamilie. Schon mit vierzehn Jahren wurde sie zu den  Klosterschwestern geschickt, um sich als Dienstmagd ihr Brot zu verdienen und weil man hoffte, sie würde von den Nonnen Nützliches wie Kochen, Nähen und Haushaltsführung erlernen. Und ich muss sagen, aus meiner Mutter wurde wirklich eine hervorragende Köchin. So wurde sie von den Klosterfrauen einer Gräfin  empfohlen, deren Familie sie einige Jahre bekochte, bis sie meinen Vater kennenlernte und heiratete.

Der bucklige Josl
Obwohl die Mutter nicht Geld und Gut, sondern nur eine bescheidene Aussteuer in die Ehe mitbrachte, war mein Vater stolz auf seine hübsche, tüchtige Frau und verwehrte ihr auch nicht den Wunsch, einen älteren Verwandten, den Vetter Josl, als Knecht einzustellen. Der Josl hatte eine schiefe Schulter, obendrein einen Sprachfehler und die Bauern zogen daraus den falschen Schluss, er wäre geistig zurückgeblieben und kein tüchtiger Arbeiter. Er war daher sehr dankbar, dass meine Eltern ihn aufnahmen und war in all den Jahren fleißig, treu und zuverlässig.”
Die Hilberin stand auf, kramte in der Kredenzschublade und fand bald ein altes Foto, auf dem der bucklige Vetter Josl zu sehen war. „Die Schwiegereltern haben viel von ihm gesprochen. Ein hässlicher Mensch soll er gewesen sein, aber ein zufriedener und ein bescheidener”, erklärte sie, während sie das unvorteilhafte Bild zur Ansicht herumreichte.
„Ja, ja“, wiederholte der Hilber, „mit allem zufrieden!“ Dann erzählte er weiter:
„Bei den Bauern wurden die Feste früher ganz im christlichen Sinn gefeiert. Vor der Mette wurden daheim die Kerzen eines Christbäumchens angezündet und an der Krippe Weihnachtslieder gesungen. Bis neun Uhr durften wir auch Lebkuchen und Bäckerei essen, nachher nicht mehr, weil man drei Stunden nüchtern sein musste, um die heilige Kommunion empfangen zu dürfen. Der nächtliche Gang zur Kirche und die feierliche Christmette waren Höhepunkt der Weihnacht. Geschenke waren kaum üblich.
Meine Mutter hatte aber im gräflichen Haushalt den Brauch des weihnachtlichen Schenkens kennengelernt und diese Sitte in maßvollem Rahmen in ihrer Familie eingeführt, indem sie  jedem von uns einen geheimen Herzenswunsch erfüllte, den sie listig und über mancherlei Umwege in Erfahrung gebracht hatte.
In der Adventszeit fuhr sie in die Stadt, besuchte die frommen Nonnen und die Frau Gräfin und kaufte dann für jeden von uns ein Geschenk. Josl, der alte Knecht, war jedes Jahr wunschlos glücklich und deshalb wurde er meist mit Wäsche, Seife oder Rauchtabak bedacht. Der Vetter Josl, so wurde er von allen gerufen, mochte uns Kinder sehr. Er beobachtete aus der Ferne unsere Spiele und hielt Gefahren, die es ja auf einem Bauernhof bei all dem Getier und Gerät gibt, von uns fern. Er konnte aus Holz einfaches, aber lustiges Spielzeug basteln, wie Trillerpfeifen und Kreiseln und eines Sonntags beobachtete der Vater, wie der Josl mit seinem Taschenmesser einen Hasen für meinen kleinen Bruder schnitzte. Als er ihn daraufhin ansprach und sein Werk lobte, meinte der Knecht, er würde für sein Leben gern einmal probieren, Krippenfiguren zu schnitzen.
So kam es, dass der Josl die nächste Weihnacht mit einem Schnitzwerkzeug überrascht wurde. Ich war damals noch ein kleiner Bub, aber ich kann mich heute noch an die Freude des alten Knechtes erinnern.”
Der Hilber-Bauer machte wieder ein paar Züge aus seiner Pfeife und stärkte sich mit einem Schlückchen Vogelbeere, bevor er mit seiner Geschichte fortfuhr.

Die selbst geschnitzte Krippe
„Viel freie Zeit hatte ein Knecht nicht, aber sonntags am Nachmittag widmete sich der Vetter Josl von nun an immer der Schnitzerei. Nach einigen Probestücken gelangen ihm diese beiden Figuren, Maria und Josef, die ihr hier seht. Mittlerweile war es Sommer geworden und wir hatten gerade das Grummet eingebracht, als der Vetter Josl vor der Stalltüre zusammenbrach.
Zwar hatten meine Eltern den Josl immer geschätzt, seine Person wie seine Arbeitskraft, aber nun, da er im häuslichen Getriebe fehlte, offenbarten sich seine Leistungen, die er all die Jahre in unauffälligem Wirken zu Stande gebracht hatte.  Still und blass lag Josl in seiner kleinen Kammer unter dem blau karierten Federbett und grämte sich, dass er zusätzliche Arbeit verursachte. Wir Kinder schlichen uns oft zu ihm, standen dann aber scheu und verlegen vor seinem Bett, ohne die richtigen Worte für das zu finden, was wir in unseren Herzen spürten.
Die Mutter war eine resolute Frau. Sie kochte Suppen aus Hafer und Gerste und braute Tee aus duftenden Kräutern in der Hoffnung, das würde den Patienten wieder gesund und kräftig machen. Auch glaubte sie seine Lebensgeister anzuregen, wenn sie ihm vorhielt, er hätte für seine Krippe noch kein Jesuskind geschnitzt. Aber der Josl – ich weiß nicht, ob er doch noch an seine Genesung glaubte oder plötzlich hellseherische Eingebungen hatte – ja, der Josl antwortete immer nur, ein Christkindl werde schon kommen.
Eine Woche nach Allerheiligen ist der Josl gestorben und ihr könnt mir glauben, wir alle waren sehr traurig.”
Der Hilber machte eine lange Pause, so dass ich schon glaubte, er wolle nicht weitererzählen. Aber dann lächelte er mir zu und fuhr fort: „Ja, mit unserem Nachbarn, ihr seht den Hof gleich da unten, hinter dem großen Birnbaum, gab es damals einen schon viele Jahre währenden Grenzstreit. Die Feindseligkeiten übertrugen sich sogar auf die junge Generation, so dass wir mit den Kindern dieses Nachbarn nicht spielten. Aber in dem Jahr, als der Josl gestorben war, brach am 20. Dezember in der Nacht auf dem Nachbarhof ein Feuer aus. Wie das passieren konnte, wusste nachher keiner zu sagen. Meine Eltern wachten auf von dem Geschrei und dann sahen sie auch schon durchs Kammerfenster den Feuerschein.
Trotz der Kälte nur mit Schuhen und dem Mantel über dem Nachthemd bekleidet, liefen sie hinunter, um den Nachbarn zu helfen. Das Feuer hatte sich rasch ausgebreitet und schon standen auch der Stadel mit dem darunter liegenden Stall in Flammen. In der Zeit vor dem 1. Weltkrieg gab es ja da heroben noch kein Telefon um die Feuerwehr herbeizurufen und mit Wasserkübeln diesen wilden Brand zu löschen, war ohnehin nicht möglich. Es galt, Menschen und Tiere in Sicherheit zu bringen. Als meine Eltern eintrafen, hatten sich Gott sei Dank schon alle Hausbewohner gerettet, aber die verängstigten Tiere mussten aus dem Stall geschafft werden, und das war kein leichtes Unterfangen.

Das Christkind vom Nachbarn
Die Nachbarin stand mit drei kleinen Kindern und wieder hochschwanger in sicherer Entfernung und weinte. Ich kann euch sagen, es dauert gar nicht lange, bis ein Haus bis auf die Grundmauern abgebrannt ist, aber noch ehe dieses grausige Schauspiel zu Ende war, setzten bei der Nachbarin die Wehen ein. Meine Mutter brachte die Frau mit den Kindern zu uns nach Hause, und so wurde hier in dieser Stube am 21. Dezember des Jahres 1912 kurz nach Mitternacht ein Kind geboren. Das Christkindl, das uns der Josl angekündigt hatte, war wirklich und leibhaftig ins Haus gekommen. Ja, meine Eltern haben den Nachbarn mit seiner ganzen Familie aufgenommen. Unser Zu-Häusl stand ohnehin leer. Für eine große Familie war es zwar ein bisschen klein, aber ihr könnt euch vorstellen, wie froh der Nachbar war, ein Dach über dem Kopf zu haben, bis sein Hof wieder aufgebaut war. Der kleinliche Streit wurde natürlich beigelegt und wir Nachbarskinder wurden dicke Freunde.”
„Aber nicht nur das“, fiel die Hilber-Bäuerin ihrem Mann ins Wort, „das Christkindl war nämlich ich. Mein Mann kennt mich wirklich vom ersten Tag meines Lebens an. Wir beide haben uns immer gern gehabt.” „Ja, meine Mena, die war und bleibt mein Christkindl, das schönste Geschenk, das ich in meinem Leben vom Himmel bekommen hab“, schmunzelte der Hilber
Inzwischen hatte die Mena aus der Schublade ein kleines Schächtelchen hervorgekramt. Drinnen lag ein altes, vergilbtes Papierbildchen, auf dem das Jesuskind dargestellt war. „Dieses Bildl legen wir jedes Jahr am Weihnachtsabend in die Krippe vom Josl, den ich gar nicht mehr gekannt habe“, sagt sie. „Seit über fünfzig Jahren wird das hier am Hof so gemacht, und so soll es auch bleiben.”